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1966-1970: Country in den Zeiten politisch-kultureller Umbrüche

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Ein einzigartiges Projekt findet seinen Abschluss. Bear Family hat die letzten Folgen seiner Serie Dim Lights, Thick Smoke and Hillbilly Music. Country & Western Hit Parade veröffentlicht. Mit den CDs zu den Jahren 1966 bis 1970 stehen hier die vielleicht spannendsten Jahre in der Entwicklung der Countrymusik im Fokus.

Auf den Siegeszug des Rock’n’Roll antwortete die Country-Musikindustrie Ende der 50er mit dem Nashville Sound. Doch die Veränderungen in Musik und Gesellschaft der USA gingen rasant vor sich und sowohl das Folkrevival und die Protestsongbewegung mit Bob Dylan und Joan Baez, als auch die Entstehung der Rock- und Gegenkultur in den 60ern beeinflussten das Genre beträchtlich.

Plötzlich fanden sich wieder sozialkritische Themen in der Countrymusik und die Entstehung des Country-Rocks führte zu einer epochalen Veränderung. Namentlich der Bakersfield-Sound von Buck Owen und Merle Haggard, Johnny Cashs Gefängnis- und Konzeptalben und die Beiträge von Bob Dylan, Gram Parsons, den Byrds und den Flying Burrito Brothers zur Verschmelzung von Country und Rock führten die Countrymusik zu neuen Ufern. Während auf den Straßen die Bürgerrechtsbewegung begann, mehr Rechte für die Schwarzen zu erringen, nimmt die Grand Ole Opry 1967 nach über einem Vierteljahrhundert (!) wieder den ersten schwarzen Countrymusiker auf. Charley Pride folgt auf DeFord Bailey, dem 1941 unter sehr umstrittenen Umständen, bei denen durchaus auch rassistische Motive eine Rolle gespielt haben sollen, von der Opry gekündigt wurde.

Das 1966er-Album beginnt noch ganz im Nashville Sound mit Jim Reeves‘ „Distant Drums“, doch sind ihm Merle Haggard und Buck Owens mit ihrem gitarren-orientierten Bakersfield-Sound schon auf den Fersen und auch der junge Waylon Jennings lässt schon den Outlaw-Horizont erahnen.

1967: „The Summer Of Love“ schlägt sich auch in der Country Music wieder: „The Loovin‘ Spoonful“ bringen als eine der ersten Country und Rock zusammen und steuern diesem Sampler „Nashville Cats“ bei. Aber auch sonst bewegt sich in der Countrymusik etwas. Mit Charley Pride ist seit Jahrzehnten wieder ein Schwarzer erfolgreich in der Countrymusik. Und Johnny Cash und June Carter bringen mit „Jackson“ einen ebenso frechen, wie frivolen und kraftvollen Gassenhauer heraus.

The Byrds veröffentlichen 1968 mit „Sweetheart Of The Rodeo“ das erste Country Rock-Album. Auf diesem Sampler sind sie mit „Hickory Wind“ vertreten. Die „Byrds“, die aufgrund ihrer rockigen Adaptionen von Bob Dylan- und Pete Seeger-Songs Pioniere des Folk-Rocks wurden, hatten Ende der 60er Jahre durch die Aufnahme von Gram Parsons in die Band einen Richtungswechsel vollzogen. Parsons ist im Grunde der Country-Rock-Pionier überhaupt. Zusammen mit Bob Buchanan von seiner früheren Band, der „International Submarine Band“ hatte er „Hickory Winds“ geschrieben. Die Generation von Protest und Gegenkultur entdeckt ihr Land und ihre Traditionen. Die „International Submarine Band“ ist mit „Luxury Liner“ ebenfalls auf dem Album vertreten.

Aber natürlich lebt auch die „alte“ Countrymusik weiter. Tammy Wynette beschwor in „Stand By Your Man“ ein altes Frauenbild, während Johnny Cash mit „Daddy Sang Bass“ alte Familienzeiten verklärte.

Das Jahr 1969 lieferte mit dem Woodstock-Festival das Ereignis, das gleichsam Höhepunkt und Abwärtsbewegung der Ideale der 60er verkörpert. Die Rockkultur war Mainstream geworden, zog die Massen an und verwässerte vieles an politischer Absicht. Die massenhafte Hippiegefühligkeit des Festivals ließ sogar Bob Dylan Reißaus nehmen, wegen dem man eigentlich in Woodstock das Festival ausrichten wollte. Aber letztendlich wurde ja Bethel, Ortsteil von West-Saugerties, New York der Ausrichtungsort. Und dennoch gab es eindeutige politische Statements. So wie der „Drug Store Truck Drivin‘ Man“, der der Kopf des Ku Klux Klans ist, wie es in dem Song heißt. Das Lied der „Byrds“, das auf diesem Sampler vertreten ist, richtete sich konkret gegen den Nashville-DJ Ralph Emery, der die Gruppe boykottiert. Joan Baez spielt es in Woodstock und widmet es dem damaligen Gouverneur von Kalifornien und späteren US-Präsidenten Ronald Reagan. Ein gutes Beispiel dafür, wie gut fortschrittliche Inhalte und Countrymusik zusammen passen.

Aber der 1969er Sampler zeigt am Beispiel der Countrymusik auch, wie polarisiert die Gesellschaft in den USA ist. Merle Haggard singt 1969 sowohl den „Workin‘ Man Blues“, als auch den „Okie From Muskogee“. Ihm geht es um die einfachen Menschen, in der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg sieht er ein Mittelstands- und Oberschichtenphänomen. Bobby Bare singt „God Bless America Again“ mit der leider sattsam bekannten Country-Attitude „Ich versteh‘ nicht alles was schief läuft, aber Amerika liebe ich!“. Ähnliches wird später auch Alan Jackson nach dem 11. September 2001 von sich geben.

Auch 1970 sieht es nicht anders aus. Die „Flying Burrito Brothers“ bringen mit „Wild Horses“ Gegenkultur und Countrymusik auf einen Nenner, während sich Loretta Lynn und Dolly Parton ihrer harten Kindheit im Süden wieder erinnerten. Johnny Cash zeigt sich aber da mal wieder nachdenklicher als andere Countrymusiker. Nachdem er in seiner TV-Show in diesen Jahren zum Brückenbauer zwischen Countrymusik und Rock und Folk wird – Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell sind u.a. seine Gäste – stellt er mit „What Is Truth?“ die zentrale Frage. In seinem Song stellt er sich auf die Seite der rebellierenden Jugend.
Angesichts der heutigen polarisierten Gesellschaft in den USA wünschte man sich wieder solche Brückenbauer wie Cash es einer war. Doch es besteht Anlass zur Hoffnung. Nicht nur junge Künstler wie die Carolina Chocolate Drops oder Sara Jarosz verbinden traditionelle Musik mit modernem Gedankengut. Auch Mainstream-Stars wie Brad Paisley versuchen Grenzen zu überwinden.

Gerade vor diesem Hintergrund sind diese fünf Scheiben ein Eldorado für jeden Hörer, der sich auch für die Geschichten und Zeitläufte hinter den Songs interessiert.

Dim Lights, Thick Smoke and Hillbilly Music. Country & Western Hit Parade – Bestellen, Format, VÖ. und Label:

Dim Lights, Thick Smoke and Hillbilly Music. Country & Western Hit Parade
Albumtitel: Dim Lights, Thick Smoke and Hillbilly Music
Künstler: Various Artists
Veröffentlichungstermin: 13. September 2013
Label: Bear Family Records
Format: CD

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Info: Fantastische Zusammenstellungen – der Kauf lohnt sich!

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Über Thomas Waldherr (513 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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