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Odetta – Königin des Folk

Heute, am 31. Dezember, wäre Odetta 90 Jahre alt geworden. Sie brachte den jungen Bob Dylan zum Folk, schrieb mit Country-Star Tennessee Ernie Ford anti-rassistische TV- und Musikgeschichte und war die afroamerikanische Königin des Folk-Revival.

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Odetta Odetta. Burg Waldeck, 1968. Bildrechte: Wikimedia - Creative Commons

Es war eine dieser Sternstunden, bei denen man sofort weiß, das ist historisch, das lag einfach in der Luft und wird einen enormen Einfluss haben: Der gemeinsame Auftritt des weißen Südstaaten-Gentlemans Tennessee Ernie Ford und der afroamerikanischen Südstaatlerin Odetta am 10. März 1960 in „The Ford Show“. Der Country-Künstler hatte 1955 mit seiner Fassung von Merle Travis‘ „Sixteen Tons“ einen Riesenhit gelandet. Ernie war damit der erste Crossover-Star des Country. 10 Wochen war die Nummer auf der Pole-Position der Country-Charts, acht Wochen die Nummer 1 der Pop-Charts.

Auf der Grundlage dieser Popularität bekam Tennessee Ernie Ford als erster Countrymusiker eine landesweite, von NBC ausgestrahlte Fernsehshow. Sie hieß „The Ford-Show“. Allerdings nicht nach ihm benannt, sondern nach dem Sponsor, den Automobilwerken. Fast fünf Jahre lang – von Oktober 1956 bis Juni 1961, war sie auf Sendung.

Mitten in der Zeit von Bürgerrechtsbewegung und Rassenunruhen im Süden der USA lud er die Folksängerin und Bürgerrechtsaktivistin Odetta 1960 in seine Sendung ein. Er hatte sie in einem ihrer Konzerte gehört und war begeistert von ihrer Stimme und Persönlichkeit. Und beide wagten sich was, als Odetta mit „Pastures Of Plenty“ und „The Great Historical Bum“ gleich zwei Songs des als Kommunisten gebrandmarkten Woody Guthrie spielte. Zusammen sangen Ernie und Odetta dann noch einen Gospel und den komödiantischen Song „The Liar“ von Tommy Makem. Und er ergriff mehrmals Odettas Hand und hielt sie in seiner. Ford wusste genau, dass dies ein Teil seines Publikums aus dem Süden nicht goutieren würde. Es war zudem im Fernsehen bislang absolut unüblich. Ford ging hier aus Überzeugung volles Risiko und nutzte seine Popularität zur Unterstützung der Forderungen nach Ende der Rassentrennung. Sein Beispiel setzte ein Zeichen. Die Bürgerrechtsbewegung gewann zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz und Odetta hatte inmitten des Folk-Revivals einen landesweiten triumphalen Auftritt, der sie zur Königin der neuen Folkbewegung machte.

Geboren in Birmingham, Alabama

Odetta wurde am 31. Dezember 1930 in Alabama, einem der ärmsten und damals gleichzeitig rassistischsten Bundesstaaten der USA geboren. Sie kommt dort im schwarzen Ghetto von Birmingham zur Welt. Früh verliert sie ihren Vater Reuben Holmes und als sie sechs Jahre alt ist zieht sie mit ihrer Mutter Flora Sanders nach Los Angeles. Es waren dunkle Zeiten der Great Depression und des Rassismus und Mutter Flora erhofft sich wie so viele andere in Kalifornien ein besseres Leben. Arbeit, Einkommen und weniger offenen Rassismus. Doch auch auf dem Weg dorthin, während der Zugfahrt sind Mutter und Tochter dem Rassismus ausgesetzt und die kleine Odetta wird sich früh dessen Gefahren bewusst. In Los Angeles heiratet Flora dann ihren zweiten Mann Zadock Felious, dessen Name nun auch der Nachname von Odetta war.

In der Schule werden die Lehrer bald auf ihr Gesangstalent aufmerksam und sie beginnt im Alter von 13 Jahren Gesangsunterricht zu nehmen. Ziel der Mutter ist es, dass Odetta Opernsängerin werden soll, doch die junge Sängerin kann sich beileibe nicht vorstellen, dass ihr als großem schwarzes Mädchen eine Opernkarriere offen stehen würde. Stattdessen beginnt sie bereits 1944 in Musicals aufzutreten. Und wie das Schicksal es so will, kommt sie während einer Musical-Tournee 1950 in San Francisco mit der dortigen Folk-Szene in Kontakt und legt nun ihren künstlerischen Schwerpunkt auf die Folkmusik.

Pete Seeger wird ihr erster Mentor

Einer ihrer Mentoren wird Pete Seeger, der sie erstmals bei einem Hootenanny 1952 in Topanga Canyon in Kalifornien auf der Bühne erlebt, und sofort ihr Fan wird: „Sie war erstaunlich stark und direkt und wollte, dass ihre Songs dieser Welt helfen, ein besserer Ort zu werden“, zitiert ihn Ian Zack, in der großartigen in diesem Jahr erschienenen Odetta-Biographie „Odetta. A Life in Music and Protest.“ Seeger – dessen große öffentliche Karriere durch die McCarthy-Ausschüsse zwar vorerst beendet war, aber in linken Folk-Kreisen die bestimmende Autorität blieb – erzählt allen, wie toll Odetta sei. Kein Wunder, dass sie im Juni 1953 von ihrem großen Idol, dem schwarzen Sänger, Schauspieler und Bürgerrechtler Paul Robeson eingeladen wird, in ihrem Vorprogramm zu spielen. Das große, schüchterne, schwarze Mädchen Odetta spielt vor 2000 Menschen. Sie kann es kaum fassen.

Über einige verschlungene Pfade kommt sie schließlich nach New York und tritt dort ab Mitte September 1953 im Musik-Club „Blue Angel“ auf. Wieder trifft sie dort auf einen wichtigen Mentor. Der schwarze Folksänger Harry Belafonte, so Zack, ist beeindruckt: „Sie war so eine imposante Figur. Sie war sehr majestätisch, und als sie dann den Mund öffnete, kam diese Stimme heraus, die anders war als jede andere, die jemals jemand gehört hatte.“

Ihre ausgebildete beeindruckende Stimme passt zu ihrem Repertoire aus Working Songs, Gospels, alten Folk-Balladen sowie Songs von Lead Belly und Woody Guthrie. Insbesondere wenn sie die alten Sklavensongs intoniert, kommt ihr Gesang wie ein Grollen aus ihrer tiefsten Inneren. Dass sie diese Songs mit einem klaren, illusionslosen aber kämpferischen Blick auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse heraus singt, drückt sie einmal so aus: „Du gehst den Weg des Lebens entlang, und der Fuß der Gesellschaft drückt Dir auf die Kehle, in jede Richtung, in die Du Dich drehst, kannst Du nicht vom Druck dieses Fußes lösen. Und Du erreichst eine Weggabelung und Du kannst Dich entweder hinlegen und sterben oder auf Deinem Leben bestehen.“

Ihre Alben beeinflussen den jungen Bob Dylan

Bereits ein Jahr später erfolgt ihr Plattendebüt zusammen mit Larry Mohr. Als Bluesduo „Odetta & Larry“ veröffentlichen sie das Album „Tin Angel“ benannt nach dem Club in San Francisco, in dem sie zusammen auftraten. Doch bereits 1956 trennen sich ihre Wege, er strebt eine akademische Laufbahn an, sie will weiter professionell Musik machen. Im September dieses Jahres nimmt sie dann „Odetta sings Ballads and Blues“ auf, das im April 1957 erscheint. Im Folgejahr entdeckt ein gewisser Robert Zimmerman, der sich gerade von seiner Rock’n’Roll-Band getrennt hat, das Album in einem Plattenladen. Er ist begeistert, setzt nun voll auf Folk und tauscht seine elektrische Gitarre gegen eine akustische „flat-top“ Gibson ein.

„Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagt er als denn auch als Bob Dylan 1978 in einem Interview mit dem Playboy-Magazin. In diesem Album hörte er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt“, darunter „Mule Skinner“, „Jack of Diamonds“ und „Water Boy“. Während der Studienzeit in Dinkytown, dem damaligen Bohéme-Viertel von Minneapolis, vollzog zog sich dann endgültig die Metamorphose zum Folksänger.

Und er begegnete ihr auch noch, bevor er seinen Durchbruch schaffte. Im Januar 1961 war in New York City aufgeschlagen, im Mai des Jahres besuchte er alte Freunde in Minnesota. Just zu diesem Zeitpunkt gastierte Odetta in St. Paul. Seine Freundin Bonnie Beecher blickte vor einigen Jahren zurück: „Ich erinnere mich an eine Zeit … Odetta kam in die Stadt … Also planten ich und Cynthia Fisher …, wie wir Dylan dazu bringen könnten, Odetta zu treffen und für sie zu spielen … Und tatsächlich traf er sie. .. und ich erinnere mich, dass Cynthia Fisher zu mir nach Hause gerannt kam … und sagte: „Sie sagte, dass Dylan echtes Talent hat und er es schaffen kann!“ Mit diesen Weihen ausgestattet ging Dylan nach New York zurück und startete seine bis heute andauernde Karriere richtig durch.

Odetta und das Newport Folk Festival

Doch zurück zu Odetta. Während Bobby Zimmerman sich 1958 von ihr zum Folk bekehren lässt, da erklimmt diese Stück für Stück die Karriereleiter. George Wein, mit seiner Frau Joyce und Albert Grossman Gründer des Newport Folk Festivals, erklärt Odetta für die Gründung des Festivals verantwortlich: „1958 trat Odetta in Storyville auf, meinem Jazzclub, in dem ich gelegentlich wichtige Folk-Künstler vorstellte, darunter Josh White und Pete Seeger. Wenn ich eine Person auswählen müsste, die 1959 für die Gründung des Newport Folk Festivals verantwortlich ist, wäre es Odetta. Wir hatten damals Sonntagnachmittags-Sets in Storyville und ich sah, dass Hunderte junger Leute den Club füllten und 1-Dollar-Ingwer-Ales kauften, nur um diese großartige Künstlerin zu hören, deren Schönheit und Kraft der Selbstdarstellung tief in ihre musikalischen Köpfe eindrangen. Ich plante sie für einen Nachmittag beim Newport Jazz Festival – zu dem auch The Weavers und The Kingston Trio gehörten – und die Resonanz war riesig. Ich dachte, warum nur einen Folk-Nachmittag, wenn wir ein ganzes Festival machen könnten? Fortan – das Newport Folk Festival.“

Natürlich war sie dann 1959 bei der Erstausgabe des Festivals mit dabei. Und auch bei der Fortsetzung 1960 war sie mit von der Partie. Schließlich hatte sie mittlerweile dank des Auftrittes an Tennessee Ernie Fords Seite landesweite Bekanntheit. 1961 nennt sie Martin Luther King Jr. die „Königin der amerikanischen Folkmusik“. Im selben Jahr musiziert sie erfolgreich mit Harry Belafonte. Ihr 1963 erschienenes Album „Odetta Sings Folk Songs“ ist in diesem Jahr eines der am meisten verkauften Folk-Alben. Sie tritt 1963 beim „March To Washington“ auf und gehört natürlich im selben Jahr zum Line-Up des nach zwei Jahren Pause wieder aufgenommenen Newport Folk Festivals.

Stimme der Bürgerrechtsbewegung

Und doch ändert sich in diesem Jahr einiges. Das Folk Revival gerät immer mehr in Richtung Mainstream und die weißen Kids finden in der Madonnen-Schönheit von Joan Baez und dem Rebellen-Image von Bob Dylan ihre Identifikationsfiguren. Baez und Dylan sind extrovertiert, talentiert, aus dem gleichen sozialen Milieu wie ihre Fans, und sie sind eben weiß. Und das Folk Revival ist nun einmal von ihren sozialen Trägern her, den Urban Kids, eine mehrheitlich weiße Bewegung. Bei aller Brillanz des Vortrages und des Könnens, eine große, junge, zurückhaltende schwarze Frau hat es da natürlich viel schwerer, wirklich so populär und letztlich auch kommerziell erfolgreich zu sein wie Joan Baez oder Bob Dylan, die sie beeinflusst hat. Und so verschiebt sich die öffentliche Wahrnehmung dermaßen, dass Odetta gezwungen ist, ihr Verhältnis zu Baez und Dylan klarzustellen: „Ich bin die Mama und sie sind die Kinder, und ich habe diese Sänger beeinflusst.“

Doch ihre Rolle als Stimme der Bürgerrechtsbewegung bleibt ungebrochen. 1965 nimmt sie an der Seite von Martin Luther King am Marsch von Selma nach Montgomery teil. Und 1968 tritt sie auch beim legendären Burg Waldeck-Festival in Deutschland auf. Als Martin Luther King Jr. in diesem Jahr ermordet wird, ist auch sie tief getroffen. Nachdem in den 1970er Jahren dann sowohl die hohe des Zeit des Folk Revivals, als auch der Bürgerrechtsbewegung vorbei ist, wird es öffentlich stiller um sie. Privat ist sie dreimal verheiratet. Dan Gordon, Gary Shead und schließlich Musikerkollege „Louisiana Red“ gehen mit ihr den Bund der Ehe ein.

Zwar macht sie weiter Musik, doch veröffentlicht sie zwischen 1977 und 1997 gerade einmal zwei Alben. Erst 1998 beginnt sie wieder regelmäßig zu touren und aufzunehmen. Man erinnert sich wieder an sie und sie bekommt 1999 die „National Medal Of Arts“ von Präsident Bill Clinton überreicht. Immer noch ein politischer Mensch überlegt sie, ob sie die Medaille annehmen soll. Schließlich war Clinton in den 1990ern verantwortlich für eine Strafrechtsreform, die vor allem zu Kosten der Afroamerikaner ging. Doch sie entscheidet sich dafür, sie als eine Auszeichnung durch das Land anzusehen und anzunehmen.

In ihren letzten Jahren erntet sie noch einmal viel Aufmerksamkeit als amerikanische Musik-Ikone, sie erhält weitere Auszeichnungen, ihr Album „Gonna Let It Shine“ wird 2007 Grammy-nominiert, 2008 geht sie auf ihre letzte Tour, ihr letztes Konzert spielt sie am 25. Oktober 2008. Ihre Gesundheit verschlechtert sich zusehends und sie wird kurz nach der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hofft noch bei Obamas Inauguration im Januar 2009 auftreten zu können, doch am 2. Dezember 2008 stirbt sie an Nieren- und Herzversagen. Ein großes Künstlerleben endet.

Odettas Vermächtnis

Odettas Vermächtnis ist in Zeiten von Black Lives Matter wichtiger denn je und Künstlerinnen wie Rhiannon Giddens tragen den politisch bewussten schwarzen Folk weiter. Rhiannon Giddens hatte nicht umsonst mit ihrer Version von Odettas „Water Boy“ 2013 auf einem großen Folk Festival in New York den Durchbruch ihrer Solo-Karriere. Und auch mit der Frauen-Folk-Band „Our Native Daughters ist sie gleichsam in Odettas Fußstapfen getreten ist. Rhiannon erinnert daran, dass immer wieder versucht wird, die Geschichte von Folk und Country als rein weiße Erzählung darzustellen. Dabei ist der afroamerikanische Einfluss auch auf diese beiden Genres der amerikanischen Populärmusik enorm. Die Erinnerung an Odetta, an ihren Auftritt mit Tennessee Ernie Ford, an den wertschätzenden Respekt von Bob Dylan für ihren Einfluss auf seine Karriere, und ihre enorme künstlerischer Bedeutung für das Newport Folk Festival und das Folk Revival strafen dem Lügen, und dürfen nicht vergessen werden. Nicht nur an dem Tag, der Odettas 90. Geburtstag gewesen wäre.

Odetta – die Biografie

Das im April erschiene Buch „Odetta: A Life in Music and Protest“ von Ian Zack erzählt auf spannende Art und Weise die Lebensgeschichte von Odetta und lässt viele Weggefährten zu Wort kommen. Lesenswert!

Odetta: A Life In Music And Protest

Titel: Odetta: A Life In Music And Protest
Autor: Ian Zack
Herausgeber: Beacon Press (Boston, Massachusetts)
Erscheinungsdatum: 14. April 2020
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
ISBN-10: 0807035327
ISBN-13: 978-0807035320

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Odetta – The Albums Collection 1954 – 1962

Die 5-CD-Box umfasst den kompletten Inhalt ihrer neun Alben für Tradition, Vanguard und RCA – „The Tin Angel“ (with Larry Mohr), „Odetta Sings Ballads and Blues“, „At the Gate of Horn Tradition“, „My Eyes Have Seen Vanguard“, „Ballad For Americans and Other American Ballads“, „Odetta and The Blues“, „Live At Carnegie Hall“, „Sometimes I Feel Like Cryin'“ und „Odetta At Town Hall“. Zudem sind Singles enthalten, die nicht auf einem Album veröffentlicht wurden, wie ihre Live-TV Performance mit Harry Belafonte, „Hole In My Bucket“, die 1961 ein Nr. 1 Hit in Großbritannien war.

Odetta - The Albums Collection 1954 - 1962

Titel: Odetta – The Albums Collection 1954 – 1962
Label: Acrobat
Vertrieb: Membran
Erscheinungsdatum: 2018
Anzahl Disks: 5

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Über Thomas Waldherr (643 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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