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Charley Crockett: Music City USA

Auf seinem zehnten Album nimmt Charley Crockett den Zuhörer mit zu dem musikalischen Ort, an dem er alle klassischen amerikanischen Musikgenres zu seinem Countrysound vereinigt.

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Charley Crockett - Music City USA Charley Crockett - Music City USA. Bildrechte: Son of Davy (Thirty Tigers)

Auf dem Cover seines zweiten Albums „Leavin‘ Town“ von 1966 schaut ein braun gebrannter Waylon Jennings vor blauem Himmel, verkniffen in die Sonne, neben ihm eine von Nashvilles Ausfallstraßen. Einschließlich der coolen braunen Wildlederjacke gleicht dieses Bild stark dem Bild, das Charley Crocketts neue Platte ziert. Zufall ist dies nicht. Gut, Charley trägt Hut und in seinem Mund steckt keine Kippe, aber Crockett wollte das Bild nachstellen, jedoch dieses Zitat auf seine eigene Weise unterlaufen: So sitzt Crockett nicht in der Hauptstadt der Countrymusik am Straßenrand, sondern blickt in Gallup, New Mexico – einem Ort, der sich selbst den Beinamen „the Most Patriotic Town in America“ gab – in die Abendsonne. Das wirkt vielleicht erstmal nicht besonders, jedoch liegt der Ort gleich neben der Navajo Nation und ist die US-Stadt mit dem größten Bevölkerungsanteil an Native Americans. Solche Gegensätze und ihre bittere Ironie machen Crockett Spaß.

In der zum Album-Release veröffentlichten Dokumentation The Road to Music City USA sagt Crockett, dass viele amerikanische Countryhörer es nicht wünschen, dass sich Musiker zu kulturellen und gesellschaftlichen Themen äußern. Diesem Wunsch innewohnend ist die Ironie, dass womöglich niemand mehr geeignet ist, dies zu tun, da die Musiker das ganze Land rauf und runter bereisen und immer wieder mit allen Ethnien, Gendern, Armen wie Reichen ins Gespräch kommen. Viele US-Bürger hingegen verbringen ihr ganzes Leben nur an einem Ort und kennen die wahre Welt nur vom Hörensagen.

Seit gut 20 Jahren macht Charley Crockett Musik. Mit 17 fing er an, an einer Straßenecke in Louisiana Gitarre zu spielen. Kam später als Marihuana-Dealer mit dem Gesetz in Konflikt und fand sich 2009 schließlich im Büro einer wichtigen Musikagentin von Sony Music in New York wieder und erörterte nach einem ersten Signing mit ihr seine Karriere-Optionen. Die Dame sah durchaus großes Potential in Charley, fragte sich jedoch, ob Charley bereit sei, ohne Wenn und Aber tief in das Haifischbecken Musikindustrie einzutauchen. Er antwortete, dass er sich das selbst fragen würde. Die Managerin entgegnete, sie verlange nur Eines von ihm: Formbarkeit. Er erwiderte, dass er nicht einmal wisse, was Formbarkeit bedeuten solle. Ihm gefalle das aber ganz und gar nicht. Darauf gab sie ihm einen Zeitungsausschnitt aus der New York Times mit einem Bericht über Woody Guthries 100. Geburtstag und sagte: „Weißt Du, was Dein Problem ist Charley? Du willst nur Woody Guthrie sein.“ „Ma’am das ist das erste und letzte Kompliment, dass Sie mir jemals geben werden“, erwiderte Charley trocken und sah die Frau nie wieder.

Heute will es Charley Crockett wissen – allerdings stets zu seinen eigenen Bedingungen – und das schöne „Are We Lonesome Yet“ mit seinem leichten Cajunfeeling ist von diesen New Yorker Erfahrungen inspiriert.

Als sein zehntes Album beschert uns Crockett ein Doppelalbum – angefüllt mit allem, was ihn als Künstler ausmacht. Waren seinen letzten Platten Stilübungen in der Vielfalt der traditionellen Sounds von Country und Honky Tonk, erweitert er seine Klangpalette nun wieder auch um Old School Blues und Soul – Genres, die Charley gleichsam gut zu Gesicht stehen und mit denen er seine Plattenkarriere vor sechs Jahren begonnen hatte.

Wie auf den frühen Alben entstaubt Crockett auch wieder ein paar Genre-Klassiker der 1960er Jahre: Diesmal sind es Stonewall Jacksons einstiger Singlehit „I Washed My Hands In Muddy Water“ und Henson Cargills „Skip A Rope“, ein Song, der leider nichts an Aktualität eingebüßt hat und den Crockett mühelos in seinen eigenen Sound integriert.

Relaxt und gereifter, kann Charley darauf vertrauen, dass er niemanden irgendetwas mehr beweisen muss. Er ist bei sich angekommen – musikalisch und persönlich. Nicht nur spielt Charley nach dem Erfolg seiner 2020er Veröffentlichung „Welcome to Hardtimes“ und dem ersten 2021er Album „10 for Slim“ – seinem James Hand Tribute Album – nun große US-Festivals, auch bei Solo-Shows kann er trotz anhaltender Corona-Krise auf ein immer zahlreich erscheinendes Publikum bauen. Ausverkaufte Shows sind keine Seltenheit. Im Juli spielte er mit Orville Peck in Denvers berühmtem Red Rocks Amphitheater, beim Newport Folk Festival und seine erste Show für das renommierte TV-Format Austin City Limits. Anfang September konnte er dann außerdem zum bereits zweiten Mal auf der Bühne der Grand Ole Opry stehen.

Die harte Arbeit der letzten Jahre, konsequentes Touren, das Spielen auch für kleine Gagen, konstantes Veröffentlichen von neuen Songs, Videos und Alben haben sich ausgezahlt. Charley hat durch seine beständige Beharrlichkeit geschafft, sich eine Fanbase aufzubauen, die immer größer wird.

Aber Crockett ist nicht müde oder ausgelaugt. Immer noch strotzt er nur so von Ideen und Energie. Was man schon daran sieht, dass er die 14 eigenen Songs des neuen Albums gemeinsam mit seinem Produzenten Mark Neill in weniger als einer Woche geschrieben hat. Die Aufnahme der neuen Stücke hat dann auch keinen Monat gedauert. Das soll ihm erstmal jemand nachmachen.

Auch wenn das neue Album nach Nashvilles Beinamen Music City USA benannt zu sein scheint, wurde es mitnichten dort eingespielt. Wie bereits „Welcome to Hardtimes“ wurde es in Neills Studio in Valdosta, Georgia eingespielt. Und mit der Musikindustriemaschinerie von Nashville hat Charley ja auch gar nichts am Hut, denn er hat seinen Weg komplett ohne deren Unterstützung bewerkstelligt. Andererseits schöpft er natürlich aus dem reichhaltigen Fundes von traditional Country Music made in Nashville, Tennessee. Die klassischen Songs der 50er und 60er Jahre hat er nicht nur immer wieder gecovert, auch sein Sound und Stil gründen in diesem reichen Erbe. Für Charley ist jedoch die „Music City USA“, die dem Album seinen Namen gibt, eigentlich überall: auf jedem Platz und jeder Straße und auch an jener Ecke, wo er als junger Straßenmusiker schon vor 20 Jahren gespielt hat.

Charley Crockett – Music City USA: Das Album

Charley Crockett - Music City USA

Titel: Music City USA
Künstler: Charley Crockett
Veröffentlichungstermin: 17. September 2021 (Digital)
Veröffentlichungstermin: 24. September 2021 (CD, Vinyl)
Label: Son of Davy (Thirty Tigers)
Produzent: Mark Neill
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 16
Genre: Traditional Country

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Trackliste: (Music City USA)

01. Honest Fight
02. I Need Your Love
03. The World Just Broke My Heart
04. Are We Lonesome Yet
05. This Foolish Game
06. Round This World
07. Music City USA
08. Just So You Know
09. Lies And Regret
10. I Won’t Cry
11. Smoky
12. Muddy Water
13. 518
14. Only Game In Town
15. Hanger On
16. Skip A Rope

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Über Oliver Kanehl (4 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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