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Eli Paperboy Reed: Down Every Road

Der Musiker beweist: Merle Haggards Songs haben Soul. Ein tolles Album, das ganz selbstverständlich und sehr unterhaltsam amerikanische Populärmusik auseinandernimmt und wieder neu zusammensetzt.

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Eli Paperboy Reed Eli Paperboy Reed. Bildrechte: Yep Roc Records

In den USA der 1960er Jahre, die ungefähr politisch so aufgewühlt und polarisiert waren wie heute, lagen zwischen der afroamerikanischen Soulmusik und der „weißen“ Countrymusik Welten. Bildete die Soulmusik quasi den Soundtrack für die schwarze Bürgerrechtsbewegung, so war die Countrymusik vordergründig die Musik der „Rednecks“, der weißen, konservativen Südstaatler. Eine ihrer populärsten Protagonisten war damals Merle Haggard. Mit „Okie From Muskogee“ hatte er 1969 einen großen Hit, der die Gefühlslage der weißen, schweigenden Mehrheit in Bezug auf die damals protestierende, kritische Jugend ausdrückte.

Doch Merle Haggard relativierte in späteren Jahren diesen Song und man konnte bei ihm eine Persönlichkeit entdecken, die viel differenzierter war, als es dieser Song weißmachte. Dies zeigte sich aber schon damals bei dem Song, den er als nächste Single nach „Okie“ veröffentlichen wollte: „Irma Jackson“, der von der Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau handelt. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu. Haggard fügte sich und statt diesem Song wurde ganz marketingstrategisch und imagemäßig „The Fightin‘ Side Of Me“ die nächste Single.

Merle Haggards Countrymusik hatte „Soul“

Dabei thematisierte Haggard hier nur das, was ohnehin zu jeder Zeit des Zusammenlebens von Schwarz und Weiß im Süden geschah und geschieht, aber aufgrund der Rassentrennung nie sein durfte und lange Zeit verboten war. Haggard zeigte hiermit auf, wie nah sich Weiße und Schwarze im Süden immer gekommen sind. Und erst recht auch musikalisch. Die Countrymusik wäre ohne die afroamerikanischen Blues- und Gospeleinflüsse nicht vorstellbar. Und gute Countrymusik – und das sind Merle Haggards Songs – hat auch Soul.

Eli Paperboy Reeds neues Album Down Every Road entspringt einer Idee, die er schon länger verfolgt hatte, nämlich Haggards Favoriten der Soulmusik gegenüberzustellen, für die er in seinem eigenen Werk am bekanntesten geworden ist. Der 1983 in Boston geborene Musiker, erbte von seinem Vater, einem Musikkritiker, nicht nur die Liebe zur afroamerikanischen Musik, die er in Chicago als musikalischer Leiter von Gospelchören intensivierte, sondern hat auch ein Faible für Merle Haggards Countrymusik. Reed behält auf diesem Album fast alle Originalmelodien und -Songstrukturen der Country-Legende bei, fügt aber eine von Pops Staples inspirierte Gitarre, die Markenzeichen der FAME-Produktion, Stax-Hörner, einen heftigen, kathartischen Gesang und Orgeln hinzu, die den Soul von Memphis beschwören.

Merle Haggards Musik lässt sich ganz großartig in den Soul überführen, weil nicht nur sein Songwriting genreübergreifend funktioniert, sondern weil Merle Haggard in gewisser Weise als Countrysänger dem Soul in seiner Musik nahegestanden hat. „Er konnte diese außerordentlich komplizierten emotionalen Gefühle in zweieinhalb Minuten auf den Punkt bringen“, hebt Reed hervor und nennt damit auch eine Ausgangsbedingung für gute Soulmusik. Denn Soul definiert sich über eine stark emotionale Darbietung von Gesang und Instrumentalspiel, „der Betonung des Gesangsparts und in dramatisch aufgebauten Musikstücken mit starken Kontrasten bei Lautstärke und Instrumentierung“, wie es bei Wikipedia heißt. Haggards Bakersfield-Sound mit E-Gitarre war sozusagen die Entsprechung des Soul in der Countrymusik. Wenn Reed nun Haggards Werke musikalisch mit den oben genannten Instrumenten „soulifiziert“ reißt er endgültig die Mauern zwischen „schwarzer“ und „weißer“ Musik ein. Reed betont die Gemeinsamkeiten in der Vielfalt.

Ein unterhaltsames und mitreißendes Album

Und jeder einzelne Song auf diesem Album funktioniert unverschämt gut! Von Haggards großem Hit „Mama Tried“ über „I’m Bringing Home Good News“, das von seinem Storytelling her auch ein Song von Marvin Gaye sein könnte, und der wunderbaren Schmonzette „Somewhere Between“ bis hin zu „Workin‘ Man Blues“, dem Lied für die weiße Arbeiterklasse, dessen Wertvorstellungen sicher aber auch eine Vielzahl der schwarzen Arbeiter folgten und folgen. Von seiner Hände Arbeit leben und die Familie ernähren, sich mal ein Bier gönnen, aber ansonsten seine Plichten zu kennen.

Eli Paperboy Reeds ist für mich eines der Alben des Jahres. Es ist weder akademisch noch bemüht, sondern vor allem unterhaltsam und mitreißend. Es enthält einfach starke Musik. Wenn es dazu noch anregt, sich wieder an Merle Haggard, die Countrymusik und ihre wichtigen afroamerikanischen Einflüsse und Beiträge zu erinnern und zu vergewissern, dann gebührt ihm erst recht eine Auszeichnung. Man darf gespannt sein, wie das gerade erschiene Album in den verschiedenen Communities und der übergreifenden Öffentlichkeit Amerikas aufgenommen wird.

Fazit: Eli Paperboy Reeds Meisterwerk ist ein Tribute an Merle Haggard, die Soulmusik und das gemeinsame in der amerikanischen Musik. Fantastisch!

Eli Paperboy Reed – Down Every Road: Das 2022er Album

Eli Paperboy Reed - Down Every Road

Titel: Down Every Road
Künstler: Eli Paperboy Reed
Veröffentlichungstermin: 29. April 2022
Label: Yep Roc Rcords
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 11
Genre: Americana, Country, Soul

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Trackliste: (Down Every Road)

01. Mama Tried
02. I’m Bringing Home Good News
03. Somewhere Between
04. Teach me to Forget
05. It’s Not Love (But It’s Not Bad)
06. If We Make it Through December
07. Silver Wings
08. I’m Gonna Break Every Heart I Can
09. I’m a Lonesome Fugitive
10. One Sweet Hello
11. Workin‘ Man Blues

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Über Thomas Waldherr (715 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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