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Von der Coal Miner’s Daughter zur Queen of Songs

Zum Tod der Ikone und großen Songschreiberin Loretta Lynn.

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Loretta Lynn Loretta Lynn. Bildrechte: Legacy Recordings (Sony Music)

Mit fast 89 Jahren veröffentlichte Loretta Lynn im Frühjahr 2021 noch einmal eine Platte. Der trotzige Titel Still Woman Enough unterstrich das, was Lynn als Interpretin und Songschreiberin immer ausmachte: Kampfgeist und der Wille, sich als gut 1,58 m große Frau in dieser Welt zu behaupten. Am letzten Kapitel ihrer Karriere angelangt, nahm sie sich Zeit zurückzuschauen und das Erreichte zu genießen. So sieht man sie auf dem Cover dieses ihres 50. Albums, in einem ähnlichen Kleid wie bei ihrem 1971er Album Coal Miner’s Daughter, nun jedoch auf einem Thron-artigen Stuhl sitzend. Sie war zwar nicht ganz so lange im Geschäft wie die britische Queen, aber eine Königin war Loretta Lynn zweifellos: Sie war die Queen of Songs. Und das unterstrich sie mit klaren Zeilen wie diesen:

You better move your feet
If you don’t wanna eat
A meal that’s called fist city

Es ist nicht gerade eine subtile Drohung, die Loretta Lynn da ausspricht, um die Nebenbuhlerin in ihre Schranken zu weisen und ein weitaus aggressiverer Ansatz als z.B. der, den Dolly Parton in „Jolene“ verfolgt, die zum gleichen Zweck nur sagt: „I’m begging of you please don’t take my man.“

Loretta Lynn hat die Geschichten ihrer Songs immer aus dem Leben gegriffen und war in allen ihren großen Hits auch immer ganz sie selbst, waren doch ihre eigenen Eheprobleme mit ihrem trinkenden und untreuen Mann Doolittle oft Inspirationsquelle für ihre Stücke. In „Fist City“ macht sich Lynn Luft und befreit sich von dem, was ihr auf der Seele liegt. Das ist zum einen sehr persönlich, zum anderen können sich viele ihrer Hörerinnen bis heute damit identifizieren und auch männlichen Fans nötigte es schon damals Respekt ab, dass da eine Frau singt, die sich nicht den Mund verbieten lässt, ganz egal was andere von ihr denken. Das ist authentisch. Das ist Country. Oder wie Lynn es an anderer Stelle formulierte: „If you’re looking at me, you’re looking at Country“ – klarer kann man es kaum sagen.

In vielen ihrer Songs und so auch in ihrem zweiten Nummer-Eins-Hit Fist City von 1968 zeigt uns Lynn „what a real woman is“ – Lynns Protagonistin ist nicht Objekt, sie ist die Handelnde. Die Frau, die Lynn in Songs wie „Fist City“ oder „You Ain’t Woman Enough“ zeigt, ist auf sich allein gestellt. Sie muss sich nicht nur ihrem Mann gegenüber behaupten wie in „Don’t Come Home A-Drinkin'“, sondern auch ihrer Konkurrentin die Stirn bieten. Dabei droht sie nicht einmal direkt ihre Stellung als Ehefrau und Mutter einzubüßen. Nein, sie droht ihren Respekt vor sich selbst zu verlieren, wenn sie sich nicht gegen die ihr entgegengebrachte Respektlosigkeit wehrt. Das tut sie der Konkurrentin gegenüber ganz öffentlich, und wenns drauf ankommt sogar mit den bloßen Fäusten. Der in diesem Spiel nicht ganz unschuldige, fremdgehende Ehemann bekommt dann zu Hause sein Fett weg, denn seine Schuld steht sowieso fest: „I am not sayin‘ my baby’s a saint ‘cause he ain’t…“

Loretta Lynn etabliert eine neue Persona im Countrysong. Völlig gegensätzlich repräsentiert Sie als Interpretin ihrer Songs eine komplett andere Frauen-Figur als etwa Kitty Wells noch Jahre zuvor. Wells Empörung z.B. in „It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels“ von 1952 kam eher aus der Bibel. Lynns kommt direkt aus dem Bauch. Aber selbst Lynn beruft sich auf die Bibel, wenn sie in ihrer Autobiografie „Coal Miner’’s Daugther“ bezogen auf eheliche Treue schreibt, dass sie glaubt, dass Männer nicht mit mehr davonkommen können sollten als Frauen. Für Gott gebe es keine Doppelmoral. Worauf Lynn also pocht, ist letztlich nichts anderes als Geschlechtergerechtigkeit. Diese Forderung konnte sie im Umbruchsjahr 1968 zwar nicht explizit politisch formulieren, aber ihre persönliche Geschichte erzählt doch die gleiche Sache im Privaten. Und diese war scheinbar immer noch so unerhört und deshalb auch politisch, dass der Song bisweilen im Radio nicht gespielt werden durfte.

Vielleicht wirkt „You Ain’t Woman Enough“ wie der etwas zahmere erste Teil von ein und derselben Geschichte, weil die Inspiration für dieses Stück zwei Jahre vor „Fist City“ nicht in erster Linie aus eigener Erfahrung ihrer Autorin zu stammen scheint.

Laut Loretta Lynn entstand der Song, nachdem sie Backstage eine Frau getroffen habe, die sich darüber beklagte, dass eine andere ihr den Ehemann ausspannen wolle. Lynn antwortete nur: „Honey, she ain’t woman enough to take your man!“ Songwriterin genug, begriff Lynn sogleich, dass das ein guter Titel war und schrieb das Stück noch in ihrer Garderobe.

Aus heutiger Sicht mag man sich vielleicht fragen, warum die Frau und Lynn überhaupt bei ihren untreuen Männern blieben und sie diese nicht auf die Straße setzten. Das hat sicherlich zum einen mit dem gesellschaftlichen Klima der 1950er und 60er Jahre, wie auch mit ihrem konservativen Milieu zu tun, in dem sich die Akteure bewegten, zum anderen mit Mutterschaft. Lynn, die im ländlichen Kentucky in Armut aufwuchs, wurde bereits mit 16 Jahren das erste Mal Mutter und hatte mit ihrem Mann später insgesamt sechs Kinder. Es war für eine Frau, und insbesondere für eine Mutter, nicht ohne weiteres möglich, ihren Mann zu verlassen, ohne nicht in eine finanzielle Schieflage zu geraten und eine gesellschaftlich geächtete Person zu werden. Auch diesem Thema wandte sich Loretta Lynn später mit Rated „X“ zu, das 1972 eine weitere Nummer 1 wurde.

Mit einem damals ähnlich kontroversen Thema hatte Lynn dann 1975 ebenso einen Hit: „In The Pill“ pries sie die Freiheiten, die die Pille den Frauen verhieß, da sie sie aus dem ständigen Kreislauf immer neuer Schwangerschaften befreite. Die Hintergründe zu diesem Song und zur dazugehörigen Kontroverse hat Tyler Mahan Coe sehr gut für eine Episode seines Podcasts Cocaine & Rhinestones aufbereitet, die sehr hörenswert ist.

Als Loretta Lynn 1996 ihren sterbenskranken Mann Doolite in seinen letzten Tagen pflegte, läutete es einmal an der Tür. Eine Frau trat ein und ging an ihr vorbei, direkt zu ihrem Mann ins Zimmer. Zuerst erkannte sie sie nicht, dann wurde Loretta klar, dass dies die ehemalige Geliebte ihres Mannes war, die Frau also, die Lynn einst „Fist City“ schreiben ließ. Am liebsten hätte sie sie umgebracht, wie sie später betonte. Eigentlich nie auf den Mund gefallen, war Loretta Lynn jedoch einen Moment sprachlos.

Ähnlich wie Johnny Cash sang Loretta Lynn zum Ende ihres Lebens auch immer mehr von Tod und Sterben. Kurz vor der ursprünglich geplanten Veröffentlichung ihres vorletzten Albums Wouldn’t It Be Great erlitt Lynn 2017 einen Schlaganfall. Danach kämpfte sie sich noch einmal ins Leben zurück, um das Album selbst veröffentlichen und promoten zu können.

Alle vier bei Legacy (Sony Music) zuletzt erschienen Alben sind von ihrer Machart recht ähnlich gehalten: Sie enthalten Re-recordings früherer Hits, bei denen sich 50 Jahre und mehr nach ihrer Erstveröffentlichung ab und an prominente Gäste dazugesellen. Daneben finden sich Coversongs, Aufnahmen von Klassikern und Traditionals. Aber mal mehr, mal weniger gehören auch unbekannte eigene Stücke dazu, munkelte man doch, dass die alte Dame gelegentlich auch im hohen Alter noch neue Songs schrieb.

Den ultimativen Song zum eigenen Ableben hatte aber ein anderer geschrieben. Mit dem gemeinsam mit Willie Nelson eingespielten „Lay Me Down“ von Mark Marchetti – zu finden auf Lynns 2016er Album Full Circle – nahm Lynn anrührend Abschied von ihrem langen Leben zwischen Familie und Showbusiness. Am Ende des dazugehörigen Videoclips stehen die beiden betagten Countrylegenden passenderweise ganz allein auf einer großen spärlich beleuchteten Bühne. Sie singen vor gänzlich leeren Rängen, so als ob die Show nun aus und es Zeit sei, die Lebensbühne für immer zu verlassen:

When they lay me down someday
My soul will rise and fly away
This old world will turn around
I’ll be at peace when then lay me down

Am 4. Oktober 2022 ist Loretta Lynn im Alter von 90 Jahren gestorben. Ruhe sie in Frieden, die Königin der Lieder.

Loretta Lynn – Still Woman Enough: Das 2021er Album

Loretta Lynn - Still Woman Enough

Titel: Still Woman Enough
Künstler: Loretta Lynn
Veröffentlichungstermin: 19. März 2021
Label: Legacy Recordings (Sony Music)
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 13
Genre: Traditional Country

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Trackliste: (Still Woman Enough)

01. Still Woman Enough – mit Reba McEntire und Carrie Underwood
02. Keep On The Sunny Side
03. I’m A Honky Tonk Girl
04. I Don’t Feel At Home Any More
05. Old Kentucky Home
06. Coal Miner’s Daughter Recitation
07. One’s On The Way – mit Margo Price
08. I Wanna Be Free
09. Where No One Stands Alone
10. I’ll Be All Smiles Tonight
11. I Saw The Light
12. My Love
13. You Ain’t Woman Enough – mit Tanya Tucker

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Über Oliver Kanehl (44 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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