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Alice Gerrard: Sun To Sun

Die Legende des Folk & Bluegrass, Alice Gerrard, begeistert zehn Jahre nach ihrem letzten Album mit einem neuen Longplayer, der zeigt, dass sie ganz genau die gesellschaftlichen Entwicklungen wahrnimmt.

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Alice Gerrard – Sun To Sun Alice Gerrard – Sun To Sun. Bildrechte: Sleepy Cat Records

Sie ist eine lebende Legende. Zusammen mit Hazel Dickens hat Alice Gerrard in den 1960er und 1970er Jahren den Bluegrass für die Frauen und gesellschaftskritische Texte erobert. So unterschiedliche Künstlerinnen wir Emmylou Harris, Rhiannon Giddens oder Molly Tuttle nennen sie einen wichtigen Einfluss. Nun mischt sich die mittlerweile 89-jährige Grande Dame des American Folk nach zehnjähriger Abstinenz mit ihrem neuen Album Sun To Sun wieder ins Geschehen ein.

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Und wie! Beeindruckend, wie sie mit unterhaltsamer, perfekte Folk- und Bluegrassmusik, unvermindert kräftiger und klarer Stimme und sarkastisch-kritisch-humorvollen Texten den aktuellen Zustand der „gespaltenen Staaten von Amerika“ aufspießt. Gleich zu Beginn beim so nett klingenden Titeltrack „Sun To Sun“ legt sie los:

What’s wrong, people, with this old town?
Everywhere I go, I hear the same old sound.
Talk, talk, talk,
Talk from sun to sun.
And while we talk, another fool goes and buys a gun.

Kein Wunder, ist Alice Gerrard doch eine Veteranin des politischen Folk Revival in Baltimore in den 1950er und 1960er Jahren. Zusammen mit Bernice Johnson Reagon und Anne Romaine hatte sie ein rassenübergreifendes Folkmusik-Trio gebildet, das kurz nach dem Ende der Rassentrennung im Süden der USA unterwegs war. In ihrem Song „Old Jim Crow“ erinnert sie daran und mahnt, dass die aktuelle Politik die alten repressiven Gesetze unter neuem Namen wieder einführt.

Veteranin des politischen Folk Revivals und des weiblichen Bluegrass

Auch in „Keep I Off The Seat“, einem humorvoll-kritischen Song, greift sie politische (Fehl)-Entwicklungen auf. Hier geht es um das sogenannte Anti-LGBTQI+ „Badezimmergesetz“ in North Carolina aus dem Jahr 2016.

„Sun To Sun“ entstand während der frühen COVID-19-Pandemie, als Alice ihr persönliches Archiv für ein bevorstehendes Buch mit ihren Dokumentarfotografien durchsuchte. Unter anderen fiel ihr da ein Text in die Hände, den ihr 1992 hatte ein Zuschauer bei einem Konzert in Bozeman, Montana, gegeben hatte. Der Text hieß „How Can I Keep From Fishing“ und war eine satirische Interpretation der christlichen Hymne und des Quäker-Standards „How Can I Keep From Singing“. Zwar ist sie keine Anglerin, aber der lebensnahen, humorvollen Zeilen hatten ihr es so angetan, dass sie den Song schließlich aufnahm.

„In My Young Days“ schuf sie während sie an ihre eigene Kindheit dachte und an die vielen jungen Frauen, die sie kennengelernt und von denen sie gehört hatte, die während Streiks, Anti-Stahlbergbau-Demonstrationen und Blockaden der Kohleproduktion in den Kohlerevieren aktiv waren. Wichtige Gedanken über selbstbestimmte, kämpferische Frauen.

Optimistisch und kämpferisch mit junger Unterstützung

Die Grundstimmung wie auch die Musik ist vorwiegend optimistisch, kämpferisch, manchmal sogar fröhlich. „If I Could See Your Face Once More“ dagegen ist sentimentale eine Hommage an eine Lieblingscousine von Gerrard aus Kindertagen, mit der sie während des Zweiten Weltkriegs zusammenlebte und die während der frühen Pandemie starb. So deckt auch dieses Album fast alle menschlichen Gefühlslagen ab. Und bis auf zwei Songs stammen alle Stücke aus der Feder von Alice Gerrard.

Mit geholfen haben an der Entstehung des Albums auch einige junge Freunde aus der Folkmusikszene in North Carolina, wo sie seit 1989 lebt. Eine davon ist Tatiana Hargreaves, eine versierte Geigerin und kenntnisreiche Musikwissenschaftlerin, die vor allem auch durch ihre Zusammenarbeit mit Allison de Groot bekannt, mit der sie zwei Alben veröffentlicht hat. Die queere Künstlerin zog 2017 nach dem College von Oregon nach Durham, um mit Gerrard zu arbeiten, und die die Gesangsharmonien des Albums in Zusammenarbeit mit einem weiteren Transplantat aus dem pazifischen Nordwesten, dem Mandolinenspieler und ehemaligen Pop-Punk Reed Stutz einsang. Neben den beiden haben noch Hasee Ciaccio, DaShawn Hickman und Phil Cook mitgespielt. Gerrard sind solche generationsübergreifenden Projekte sehr wichtig, beide Seiten profitieren davon.

Fazit: Kaum zu glauben, dass diese Frau 89 Jahre alt ist. Mit der jungen Truppe erlebt sie den x-ten Frühling und bleibt mit ihrer klaren, couragierten Haltung ein Fels in der Brandung des erschütterten Amerikas. Eines der wichtigsten und besten Alben des Jahres!

Alice Gerrard – Sun To Sun: Das 2024er Album

Alice Gerrard – Sun To Sun

Titel: Sun To Sun
Künstlerin: Alice Gerrard
Veröffentlichungstermin: 20. Oktober 2023
Label: Sleepy Cat Records
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 12
Genre: Bluegrass, Folk

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Trackliste: (Sun To Sun)

01. Sun To Sun
02. In My Young Days
03. How Can I Keep From Fishing
04. Keep It Off the Seat
05. Winding Road
06. You And Me
07. Old Jim Crow
08. If I Could See Your Face Once More
09. How Now Brown Cow
10. December Daisy
11. Remember Us
12. Sun To Sun (Reprise)

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Über Thomas Waldherr (814 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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