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Loretta Lynn: Je höher der Berg, desto kleiner der Mensch

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Dass ausgerechnet Johnny Cash, der Schmerzensmann des Country, urplötzlich der Popkultur als hottest shit galt, geht zurück auf die Taten eines Produzenten: Rick Rubin, der als Def-Jam-Lichtgestalt den Sound von Slayer erfand, war auf der Suche nach jemandem, der definitiv am falschen Platz war. Auf irgendeiner Hintertreppe fand er dann der einst so stolzen „Tennessee Stud“, wie er am Gnadenbrot knusperte.

Loretta Lynn war davon nun auch nicht mehr weit entfernt. Siebzig ist sie inzwischen, an ihre Glanzzeit in den Sechzigern und Siebzigern können sich vor allem diejenigen erinnern, die den Hype ums neuerfundene Farbfernsehen noch besonders lebhaft vor Augen haben. Dass sie nun mit „Van Lear Rose“ ein fulminantes Comeback erleben soll, hat sich Jack White von den White Stripes ausgedacht. Und sehr gut daran getan.

Loretta Lynn

Loretta Lynn unterschrieb 1959 ihren ersten Plattenvertrag. Mit 13 Jahren hatte sie geheiratet und vier Kinder aus dem Gröbsten herausgebracht, ehe sie begann, mit Country ruralster Prägung die Charts zu stürmen. „I’m a Honky Tonk Girl“, „Success“, „Lousiana Woman, Mississippi Man“, „Coal Miner’s Daughter“ – ihre Hits sind Legion.

Wenn nun Popkultur oder irgendeine subordinierte Alternative-Szene sich urplötzlich für die Musik der Siedlernachfahren und Rednecks interessiert, braucht es komplizierte Rechtfertigungsstrukturen – insbesondere natürlich in Deutschland, wo Country im hegemonialen linksalternativen Diskurs nur ironisch gebrochen oder im Rahmen einer bemühten Neudefinition vorkommen darf. Bandnamen wie Cliff Barnes and the Fear of Winning oder – schlimmer noch – Even Cowgirls get the Blues zeugen davon. Loretta Lynns Biografie gäbe es her, sie als erste Frau im Country zu rühmen, die am dafür denkbar ungeeignetesten Ort (Kentucky!) feministische Themen antizipierte: Selbstbestimmungsdrang nach einer Dekade der Ehe und häuslichen Zurückgezogenheit. Dem Alten mal die Meinung per Nudelholz geigen – „Don’t Come Home A-Drinkin‘ (With Lovin‘ on Your Mind)“.

Eine solche Argumentation funktioniert – und ist doch Quatsch. Die Weltsicht von Loretta Lynn ist pures Hillbillytum. „High on a Mountain Top“ legt davon beredtes Zeugnis ab. Er handelt von Menschen, die – wie Lynns Vater – Wechselschicht in der Kohlengrube versehen, keine Knete, aber gute Laune durch christlichen Glauben haben. Je höher der Berg, desto näher der Gott. Je näher der Gott, desto kleiner der Mensch. Oder „Family Tree“: Er handelt vom untreuen Ehemann, dessen Geliebte routinemäßig in die Kritik der Betrogenen gerät. Grund der Empörung ist aber nicht individuelle Seelenpein, sondern Beschädigung eines zentralen gesellschaftlichen Wertes: Familie. Und die wird hart geahndet. „Trash“ sei die erotische Widersacherin. Man braucht nun wirklich nicht viel Phantasie, um in den für eine 70-jährige recht derben Kraftausdruck einen ethnischen Konflikt hineinzuimaginieren.

Jack White hat nun etwas Großartiges gemacht. Er hat die Klappe gehalten. Als Producer hat er Loretta Lynn einfach mal machen lassen. Am Ende steht nicht nur die erste Platte, an der Loretta Lynn durchgängig als Komponistin beteiligt gewesen ist. Am Ende steht eine Platte, die zu den besten des Genres gehört.

Van Lear Rose

CD: „Van Lear Rose“
Erscheinungsdatum: 2004
Label: Universal

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Trackliste:

01. Van Lear Rose
02. Portland Oregon
03. Trouble On The Line
04. Family Tree
05. Have Mercy
06. High On A Mountain Top
07. Little Red Shoes
08. God Makes No Mistakes
09. Women’s Prison
10. This Old House
11. Mrs. Leroy Brown
12. Miss Being Mrs.
13. Story Of My Life

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