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Merle Haggard: Irma Jackson

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Jedes Musik-Genre hat seine typischen Themen. Bei Country Music dreht es sich meist um das einfache Leben auf dem Land, die Songs handeln von Mutter und Vater, Gottesglaube und Heimat. Es gab aber immer auch die Country Music, die die kritische Themen zum Inhalt hatte: Beispielsweise Kriminalität und Alkoholismus bei Jimmie Rodgers „I’m In A Jailhouse Now“ oder dem „Cocaine Blues“ von T. J. „Red“ Arnall.

Johnny Cash hat mit „Folsom Prison Blues“ sicher den bekanntesten Song über die Menschen auf der Schattenseite der amerikanischen Gesellschaft beigesteuert. Und sein Freund und genialer Singer-Songwriter-Kollege Merle Haggard hat mit Irma Jackson“ einen seinerzeit höchst umstrittenen Klassiker über die Liebe zwischen Schwarz und Weiß geschrieben.
„Irma Jackson“ sollte „Okie“ folgen

Den Song „Irma Jackson“ über die Liebe zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau schrieb Merle Haggard Ende der 1960er Jahre, und wollte es als Single-Nachfolger für seinen als Anti-Hippie-Spottlied verstandenen 1969er Hitsong „I’m An Okie From Muskogee“ veröffentlichen. Doch seine Plattenfirma Capitol Records ließ das nicht zu.

Vergegenwärtigen wir uns die Situation. Haggard war ein allseits geschätzter Songwriter und mit Johnny Cash und Kris Kristofferson befreundet. Während Kris ohnehin als liberaler galt, war Johnny in der öffentlichen Wahrnehmung einer, der versuchte Gräben zuzuschütten, und in seiner TV-Show ja gerade auch Heroen der Gegenkultur wie Bob Dylan, Joni Mitchell oder Neil Young auftreten ließ.

Doch mit dem von ihm später immer wieder als ironisch beschriebenen – und heute auch so live dargeboten – „Okie“ lieferte deren guter Freund Merle Haggard den konservativen Kreisen und der schweigenden Mehrheit nicht nur ein Songpoem, sondern mehr noch: eine Hymne, ein identitätsstiftendes Kampflied. Richard Nixon und Ronald Reagan waren begeistert und Capitol Records wollte den guten Merle gerne noch weiter auf dieser Image- und Erfolgswelle weiter segeln lassen: Merle Haggard, „der Sänger der schweigenden Mehrheit“.

„Capitol“ verhinderte Single-Veröffentlichung

„So rannte sich Merle Haggard bei seiner Plattenfirma mit seinem Wunsch nach „Irma Jackson“ als nächste Singleveröffentlichung den Kopf ein. Er wollte das, das Thema gesellschaftlich nicht akzeptierter Liebe war ihm eine Herzensangelegenheit, schließlich hatte es Haggard schon früher mit einem Cover von „Go Home“ von Tommy Collins aufgegriffen. In dem Song ging es um die Liebe zu einer Mexikanerin, die in des Erzählers Heimatstadt nicht akzeptiert wird.

Und der Text von „Irma Jackson“ war alles andere als verstörend oder aufwieglerisch. Er nannte nur das beim Namen, was ohnehin zu jeder Zeit des Zusammenlebens von Schwarz und Weiß geschah und geschieht, aber nie sein durfte. Und das sehr zurückhaltend, immer ganz nach dem Motto „Ich verstehe nicht, dass das nicht sein darf, ich verstehe diese Welt nicht“. Kein Wort über die Art der Repressalien, dem das Paar vielleicht ausgesetzt ist. Kein Wort über Ku-Klux-Klan und keine Worte wie Rassismus oder Rassentrennung. Nur der eindringliche Appell an die romantische Liebe:

„I’d love to shout my feelin’s from a mountain high
And tell the world I love her and I will till I die
There’s no way the world will understand that love is color blind
That’s why Irma Jackson can’t be mine“

Und genau deshalb funktioniert der Song. Quasi als Wolf im Schafspelz. Mit einer einschmeichelnden Country-Schlager-Melodie. Das war wie gemacht, um die Leute ganz selbstverständlich und sachte mit dem Thema zu konfrontieren. Doch Capitol Records wollte das Thema einfach nicht anpacken. Und schon gar nicht mit ihrem „Goldesel“ Merle Haggard. Man hatte Angst vor kontroversen Diskussionen, geringen Verkäufen und einem Schaden am Image des Sängers der schweigenden Mehrheit. Heutzutage würde wahrscheinlich ein Lied über die gleichgeschlechtliche Liebe eine ähnliche Reaktion im Country-Business hervorrufen. Denn mittlerweile gibt sich das Country-Business zumindest nach außen hin „farbenblind“. Schließlich wurde gerade mit Darius Rucker erstmals seit langem wieder ein Afroamerikaner in die Gand Ole Opry aufgenommen, sind die Carolina Chocolate Drops gern gesehene Gäste in der Grand Ole Opry und hat Lionel Richie jüngst ein Countryalbum eingespielt.

Tommy Cash, Tony Booth und Dee Mullins coverten „Irma Jackson“

Doch zurück zu „Irma Jackson“. Statt dem Song wurde ganz marketingstrategisch „The Fightin‘ Side Of Me“ die nächste Single. Merle Haggard konnte seinen „Irma Jackson“ erst 1972 auf dem Album „Let Me Tell You About A Song“ veröffentlichen. So waren es andere Musiker, die den Song schließlich veröffentlichten. Erster war Merles Bakersfield-Kollege Tony Booth, der das Lied im Januar 1970 aufnahm und damit einen kleinen Single-Hit hatte. Irma Jackson kletterte auf Rang 67 in den Country-Charts. Im März war es der Texaner Dee Mullins, der „Irma Jackson“ aufnahm. Lächerlicherweise wurde die Aufnahme zensiert, aus „Love is colorblind“ wurde „Love is … peep! … blind“.

Im April folgte dann Tommy Cash, der Bruder von Merles Freund Johnny Cash, und spielte „Irma Jackson“ für sein Album „Shine and Rise“ ein, das im Juli 1970 auf den Markt kam. Nach Haggards Erstveröffentlichung 1972 fand der Song noch Aufnahme in die Hag-Kompilation „Down Every Road 1962-1994“ und der schwarze Soul- und R&B-Sänger Barrence Whitfield nahm es 1994 für das Merle Haggard Tribute Album „Tulare Dust“ auf. Whitfield arbeitete damals mit dem Country-Singer-Songwriter Tom Russell zusammen. Die US-amerikanische Countryszene befasste sich danach nicht mehr mit dem Song.

Interessanterweise blieb es in den letzten Jahren irischen Country-Sängern vorbehalten, den Song mehrmals einzuspielen. Nach „Brendan Hughes And The Huskies“ (1973), haben auch Jimmy Buckley (1996), und Anthony McBrien (2007) „Irma Jackson gecovert. Ob dies alles nur Reminiszenzen von Country-Liebhabern an den großen Merle Haggard sind, oder ob in der eigenen irische Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken der Grund dafür liegt, bleibt Spekulation. Mit Vic Wilson & Christine McLean aus Neuseeland (2003) haben darüber hinaus weitere Musiker aus dem irisch-britischen Kulturraum den Song aufgenommen.

Bleibt festzustellen, dass aufgrund des vermeintlichen konservativen Massengeschmacks des Countrypublikums im politisch polarisierten Amerika, das Mainstream-Country heutzutage kontroverse Themen nicht mehr anpackt. Dies geschieht zusehends im Alternative Country – man denke an Steve Earle – entfaltet aber nicht die Massenwirkung, die es verdient. So sind die Haggards und Kristoffersons unserer Tage immer in Gefahr, übersehen zu werden.

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