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7 Tage Texas – Auf der Suche nach dem „Real Country“ (2. Teil)

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2. Etappe: Hill Country – Über Luckenbach in die Gruene Hall

Am zweiten Tag der Rundreise durch den Süden Texas ist ein Ausflug ins Hill Country geplant. Neben dem Besuch der deutschstämmigen Gemeinden Fredericksburg und New Braunfels stand als finales Highlight ein Konzert von Texas-Country-Star Zane Williams (und Band) in der legendären Gruene Hall auf dem Programm.

Auf der eineinhalbstündigen Fahrt von Austin über Johnson City nach Fredericksburg zeigt sich die texanische Hügellandschaft zwar recht grün aber insgesamt frei von atemberaubenden Panoramas. In Fredericksburg, zu Beginn des 19. Jahrhunderts von deutschen Auswanderern aus dem Westerwald besiedelt, kann man heute noch die alten Straßenschilder vom „Marktplatz“ über „Hauptstraße“ bis hin zur „Vereinskirche“ bewundern. Ansonsten zeigt sich die Metropole des Hill Country entlang der „Hauptstraße“ als herausgeputztes Westernstädtchen mit dem ein oder anderen stilvollen Laden und guten Restaurant, von denen uns das örtliche Brauhaus zu einem kurzen Besuch einlädt.

Von Fredericksburg geht es nun weiter ins nahegelegene Luckenbach, wo ein weiteres Kapitel Countrygeschichte geschrieben worden ist. Beim Aufspüren dieses sagenumwobenen Ortes versagt die moderne Navitechnik, so dass die gute alte Straßenkarte in Verbindung mit dem eigenen Orientierungsvermögen aushelfen muss. Glücklicherweise ist die Luckenbach Dance Hall frühzeitig ausgeschildert, so dass man der Luckenbach Road folgend irgendwann an einer unscheinbaren Wegbiegung sein Ziel erreicht hat. Luckenbach selbst besteht neben der Dance Hall aus dem sogenannten General Store, der gleichzeitig als Post Office fungiert, und einer Freilichtbühne mit angeschlossenem „Biergarten“. Ausser dem Personal sind keine weiteren Bewohner auszumachen. Sobald man den zentralen Platz unter dem knorrigen Eichenbaum erreicht hat, beginnt die mystische Ausstrahlung des Ortes zu wirken. Vereinzelte Besucher posieren unter dem Schild des U.S. Postoffice für eine fotographische Erinnerung.

Post Office

Wir werden von einem fülligen Texaner angesprochen, der uns bereitwillig die Dienste für ein Familienfoto anbietet. Als er erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, fragt er, ob wir den Song kennen, der Luckenbach berühmt gemacht hat. Als ich den Namen Waylon Jennings ins Spiel bringe und mein Interesse für Countrymusik bekunde, gibt er uns den Tipp, ins rund eineinhalb Stunden entfernte New Braunfels zu fahren und dort die Gruene Hall zu besuchen. Nachdem wir ihm sagten, dass wir gerade auf der Durchreise dorthin wären, entgegnet unser sichtlich überraschter Gesprächspartner, dass er selbst nur vier Blocks von der Gruene Hall entfernt wohne und abends je nach Windrichtung die Live-Musik auf seiner Veranda hören könne. Luckenbach lädt in der Tat zum Verweilen ein und bietet ein perfektes Setting für Ruhe und Zerstreuung. Doch leider zwingt uns der enge Zeitplan zur Weiterfahrt nach New Braunfels, wo wir wegen des Free Konzerts von Lokalgröße Zane Williams einen Besucheransturm erwarten.

Die legendäre Gruene Hall, 1878 von dem deutschen Auswanderer Henry Gruene erbaut und seitdem ununterbrochen in Betrieb, zählt zu den ältesten Dance Halls in Texas und liegt in dem historischen, zur Gemeinde New Braunfels gehörenden Ortsteil Gruene. Dieser Dancehalltempel übt eine Faszination aus, die sich kaum beschreiben lässt und durch den Live-Besuch eine nachhaltige Wirkung hinterlässt. Doch bei der Einfährt in den von hübschen Gebäuden gesäumten Ort ergibt sich eine erste Überraschung. Der Parkplatz vor der Halle ist nicht mal zur Hälfte gefüllt; von Besucheransturm keine Spur. Die Strahlkraft der Halle ist jedoch immens. Die weisse Holzverkleidung mit der prägnanten Aufschrift gibt diesem Traditionsschuppen von außen eine gewisse Eleganz. Im Inneren zeigt sich die Gruene Hall so wie man sich eine altehrwürdige Texas-Dancehall vorstellt. Knarrende Holzdielen mit massiven Tischen und eingeritzten Erinnerungen. Unter dem Wellblechdach flattern unzählige Ventilatoren. Aircondition Fehlanzeige, warum auch, die Seitenwände sind offen und garantieren eine angenehme Luftzirkulation. Hinzu kommt viel kultige Leuchtreklame. Kurzum: ein Ort mit besonderer Aura, der den Texas-Urlaub zu einem prägenden Erlebnis machen wird.

Zane Williams ist rund eineinhalb Stunden vor seinem Auftritt mit Soundcheckproben zugange. Der 37-jährige Singer & Songwriter zählt zu den Top-Interpreten der Texas Countryszene und hatte mit „Little Too Late“ aus seinem überragenden Album „Overnight Success“ unlängst einen regionalen Nummer-Eins-Hit. Als Songwriter hatte er sich unter anderen für Jason Michael Carroll oder Cody Johnson schon länger einen Namen gemacht. Zudem lebt er die Stilvielfalt des Texas Country in seinen Interpretationen voll aus und ist als Live-Künstler eine echte Marke. Dass sich in der Halle gut eine Stunde vor Beginn nicht mehr als 40 Leute eingefunden haben, ist nachwievor überraschend, bestärkt uns jedoch darin, zunächst im nahegelegenen Restaurant „The Gristmill“ einzukehren. Auch diese aufgepeppte Scheune hat eine tolle Atmosphäre und zudem eine äußerst passable Küche. Wir sprechen mit Phillippa unser Kellnerin, die sich die Frage stellt, was uns als Deutsche in diesen entlegenen Teil von Texas verschlagen hat. Ihre meisten Landsleute hätten es nicht so mit Geographie und sind überrascht, wenn sich jemand aus so großer Entfernung hier verläuft. Sie selbst habe mal eine Zeit in Italien verbracht und wisse um die Vielfalt der europäischen Kultur. Dass es die Musik ist, die uns hierhin verschlagen hat, quittiert sie mit einem kurzen „Really. Who’s playing tonight?“. Dies zeigt uns mal wieder deutlich, dass der Texaner Livemusik weniger als Event sondern als normalen Bestandteil des täglichen Lebens ansieht.

Zane Williams, Gruene Hall

Rund eine Viertelstunde vor Konzertbeginn dürfte die Halle mit rund 100 Personen gefüllt sein, so dass wir problemlos einen der Holztische in Bühnennähe ergattern können. Pünktlich um 7.00 Uhr betritt Zane Williams nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet die Bühne. Verglichen mit hiesigen Konzertereignissen ist die Stimmung zu Beginn äußerst entspannt. Kein aufgeregtes Klatschen, geschweige denn Anfeuerungen oder irgendwelche verbalen Störfeuer. Die Atmosphäre ist chillig, cool und spiegelt die Entspannung beim Feierabendbier an einem langen Donnerstagabend in Texas wieder. Zane Williams startet mit einem einstündigen Akustikset und präsentiert darin vor allem Stücke aus seinem bevorstehenden Album. Zudem unterzieht er flammneue Songs einem ersten Livetest. Den jüngsten dieser Songs habe er gerade letzten Montag fertiggestellt. Highlight dieser ersten Session ist der mit wahnsinnigem Pathos vorgetragene Song „Pablo And Maria“, den er im Duett mit Kylie Rae Harris auf seinem Album „The Right Place“ performt hat. Hier schiessen selbst den gestandenen, kernigen Westernboys in unserer Nähe Tränen in die Augen.

Nach einer Stunde ist erstmal Pause, indem der sympathische Singing-Comedian verspricht, danach mit voller Bandünterstützung „die Hütte abzureissen“. Nachdem die Autogramm- und Fotojäger ihre Wünsche erfüllt bekommen haben, nutze ich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Zane erinnert sich daran, dass wir ihn auf country.de gefeatured haben und verrät, dass er Anfang August zu einem privaten Auftritt nach Deutschland kommen wird. Dieser sei allerdings nicht offizieller Teil der Tour und daher auch nicht kommuniziert. Die Pause währt nur kurz und Zane Williams startet den zweiten Teil mit seiner Band, allen voran dem überragenden Fiddleplayer Mike Horne und dem für Cody Johnson geschriebenen Nr.1-Hit „Ride With Me“. Sofort steigt die Stimmung und die ersten Two-Step-Pärchen haben sich auf der Tanzfläche eingefunden. Es folgen der Single-Hit „Sure Felt Like Goodbye“, der Honkytonk-Feger „Damned“ und nicht zuletzt die Nummer-Eins-Single „Little Too Late“. Zane Williams zieht alle Register und bringt seine texanische Fangemeinde in ausgelassenste Feierabendstimmung. Das Bier Shiner Bock schmeckt nun doppelt gut und lässt das Konzerterlebnis auf relaxte Weise ausklingen. Auf der Heimfahrt nach Austin bleibt ein einzigartiges Gefühl zurück und der Beleg, dass modern geprägter Real Country eines großartigen Songwriters in der tiefen texanischen Provinz einen besonderen Zauber entfaltet.

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Über Bernd Wenserski (588 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: New Country. Rezensionen und Specials.
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