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Brantley Gilbert: Outlaw-Rock im Kölner Luxor

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Brantley Gilbert (Bildrechte, Bernd Wenserski)

Countrywüste Deutschland? Noch nie schien diese Behauptung so unwahr wie heute. Wir schreiben März 2015 und die amerikanischen New-Country-Stars geben sich in Good Old Germany die Klinke in die Hand. Neben CMA-Entertainer des Jahres Luke Bryan, der am 04.03. in München und zwei Tage später in Berlin sein Stelldichein gegeben hat, sind zeitgleich auch die Freunde des Country-Rock auf ihre Kosten gekommen.

Brantley Gilbert, mit drei Nummer-Eins-Singles in den US-Airplay-Charts aktuell einer der heissesten Szeneacts, hat vor seinen Big-Events in Dublin und der Londoner O2-Arena auch dem deutschen Publikum in zwei kleineren Clubkonzerten seine Aufwartung gemacht. Nach dem Auftakt in der Frankfurter Batschkapp stand am 05.03. der Besuch in der Kölner Rockkneipe Luxor auf dem Programm. Zeitgleich gab Countrynewcomerin Lindsay Ell im nur 100 Meter entfernten Blue Shell ihr Headlinerdebüt, nachdem sie Ende 2013 noch im Vorprogramm von The Band Perry zu sehen war. Und wer nach diesem „Overstretch“ in Sachen New-Country so richtig auf den Geschmack gekommen war, der durfte sich am 08.03. über den Auftritt der wiedervereinigten Countrykultformation The Mavericks in der Kölner Kantine freuen.

Doch nun volle Aufmerksamkeit auf Brantley Gilbert, der es trotz seines Habitus als Outlawrocker geschafft hat, von der Nashviller New-Countryszene als einer der Ihren akzeptiert zu werden. So war es beim Auftritt im Kölner Luxor zunächst überraschend, dass der höhlenartige Kultmusikclub nur etwa zur Hälfte gefüllt und ein Durchmarschieren in Richtung Bühne zu Konzertbeginn fast ungehindert möglich war. Offensichtlich hatten sich weder die poporientierten New-Countryfans noch die kernigen Rockanhänger von der in den USA so populären Soundmischung in ausreichender Anzahl angesprochen gefühlt.

Die erste erfreuliche Nachricht direkt zu Beginn: Ohne ablenkende Vorgruppe um Glockenschlag 20.00 Uhr betritt die haarige Begleitband vom Iro-tragenden Drummer Ben Sims über den rauschebärtigen Mandolinenspieler BJ Golden bis hin zum dreadgelockten Gitarristen Noah Henson die Bühne, bevor der Chef persönlich mit den Klängen seines ersten Singlehits „Kick It In The Sticks“ dem Publikum die Illusion auf einen gemütlichen Countryabend im Ansatz nimmt. Heute wird gerockt und das mit einem Künstler, der offensichtlich viel Lust auf Musik hat und augenblicklich den Körperkontakt mit den vorderen Reihen sucht. Der Gig wird zum lautstark-intimen Erlebnis und BG, wie seine Fans ihn nennen, hält das Tempo mit „Hell On Wheels“, dem Opener seines Breakthrough-Albums „Halfway To Heaven“, weiter hoch.

Der Tattoo-Guy aus Georgia verkörpert rein optisch den ungezähmten Outlaw und damit den klassischen Gegenentwurf zu den üblichen Sympathieträgern der New-Country-Szene. Imagegetreu folgt mit „If You Want A Bad Boy“ der Signature-Song und Opener des aktuellen Albums „Just As I Am“. Mit „My Kinda Party“ und „Dirt Road Anthem“ präsentiert Brantley Gilbert zwei Titel, die er als Songwriter für seinen Georgia-Buddy Jason Aldean zum großen Publikumserfolg geführt hat. Der erste emotionale Moment folgt dann als der Countryrocker seine Verlobte Amber Cochran im Publikum ausfindig macht und den ihr gewidmeten Nummer-Eins-Hit „You Don’t Know Her Like I Do“ als emotionsgeladene Rockballade performt. Auch das rockigere „My Baby’s Guns and Roses“ und nicht zuletzt die aktuelle Radiosingle „One Hell Of An Amen“ tragen tiefgründige Textbotschaften in sich und legen den emotionalen Kern des Sängers aus der Kleinstadt Jefferson offen.

Mit der Platinsingle „Bottoms Up“ erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt, die auch bei dem Gitarrenintro von „Small Town Throwdown“ nochmalig aufflackert. Nach „Lights Of My Hometown“ folgt gegen Ende des Sets die Message des Abends. Es geht um das Thema Waffen und das uramerikanischen Recht, sich im Notfall selbst zu verteidigen. Auch Brantley Gilbert hat dazu eine Meinung, indem er dem Publikum sein Rückentattoo mit zwei nach oben gerichteten Pistolenläufen zeigt. Der Song „Read Me My Rights“ liefert hierzu die passende Begleitmusik, bevor Sänger und Band nach gut einer Stunde die Bühne zum ersten Mal verlassen. Doch ohne den Breakthrough-Song und ersten Nummer-Eins-Hit darf ein Brantley Gilbert auch diese Bühne am Ende nicht verlassen. Mit der Zugabe „Country Must Be Country Wide“, einem Song der im Jahr 2011 dem Country-Outlaw-Rock als Radioformat Tür und Tor geöffnet hat, endet nach nur 75 Minuten ein Konzert, das voll positiv geladener Energie einen größeren Publikumszuspruch verdient gehabt hätte.

Hinter dem überraschend früh zu Ende gegangenen Abend steckte mitunter das Kalkül, dass die Konzertbesucher zum halben Preis Szenekollegin Lindsay Ell im Club gegenüber besuchen konnten. Dass wir es bei Brantley Gilbert mit einem der richtungsweisenden Singer-Songwriter und der Trendsetter der Szene zu tun hatten, ist in dem dominanten Gitarrensound des Kölner Luxor insgesamt ein wenig verloren gegangen. Als Fazit lässt sich dennoch festhalten: Dieser Brantley Gilbert muss wieder kommen und verdient die volle Aufmerksamkeit, seine facettenreiche und authentische Mischung aus Country und Rock unter Beweis zu stellen.

Truck Stop 2019
Über Bernd Wenserski (585 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: New Country. Rezensionen und Specials.
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