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Vom Bluegrass-Protegé zur Country Legende – Marty Stuart wird 60

Das große Country.de-Special zum 60. Geburtstag von Marty Stuart.

Truck Stop 2018
Marty Stuart Marty Stuart. Bildrechte: David McClister.

Es war der 25. April 1981, ein Samstag. Ich war gerade 18 geworden und fuhr mit dem Zug nach Köln, um zum ersten Mal Johnny Cash live zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass ich einen weiteren Musiker zum ersten Mal live sehen würde, der mich seither in fast vier Jahrzehnten ebenso maßgeblich musikalisch beeinflusst hat, nämlich Marty Stuart.

Er spielte in Johnny Cashs achtköpfiger Band Mandoline, Gitarre und Geige. Er hatte Johnny Cash angelogen, um den Job in seiner Band zu bekommen. Johnny Cash hatte ihn nämlich gefragt, ob er Geige spielen könne. Marty Stuart konnte nicht Geige spielen, bejahte allerdings diese Frage seines späteren Arbeitgebers, zeitweise Schwiegervaters, Nachbarn und vor allem Freundes. Johnny Cash sprach ihn nach wenigen Konzerten darauf an und sagte, „Du kannst nicht wirklich Geige spielen, oder?“ Marty lachte, behielt den Job aber, weil Johnny Cash ihn mochte und sein Talent erkannt hatte und schätzte.

Von 1980 bis 1985 reiste er mit dem Man in Black um die Welt, produzierte Alben für ihn, verlor aufgrund seiner Loyalität zu ihm einen Plattenvertrag bei Columbia Records und blieb bis zum Tod von Johnny Cash immer an seiner Seite – als Nachbar, Musiker und Freund. „Hangman“ war der wohl letzte Song, an dem Johnny Cash mitgeschrieben hat, wenige Tage vor seinem Tod. Marty Stuart, der Johns Hilfe bei diesem Song suchte, nahm ihn später für sein Album „Ghost Train – The Studio B Sessions“ auf.

Angefangen hatte die Karriere des John Marty Stuart aus Philadelphia, Mississippi, dort geboren am 30.09.1958, aber viele Jahre vor dem ersten Zusammentreffen mit dem Man in Black. Bis heute erzählt Marty Stuart, dass seine ersten beiden Schallplatten die LPs „The Fabulous Sound Of Lester Flatt And Earl Scruggs“ und „The Fabulous Johnny Cash“ waren, und dass Lester Flatt und Johnny Cash seine einzigen beiden Arbeitgeber gewesen seien. Nach einer Zusammenarbeit mit der Bluegrass Gospel Band „The Sullivan Family“ fand er sich als Dreizehnjähriger im Jahre 1972 bereits in der Band von Lester Flatt ein, der sein erster Mentor wurde und in dessen Obhut Martys Eltern John und Hilda ihren Sohn gaben. Marty hatte Kontakt zu Roland White bekommen, der in Lesters Band Mandoline spielte. Auch Rolands Bruder Clarence White, den Marty nie kennenlernte, sollte später und bis heute noch eine wichtige Rolle in Martys Leben spielen.

Bis zu Lester Flatts Tod spielte Marty Stuart in Lesters Band „The Nashville Grass“ Mandoline und Gitarre, und nach Lesters Tod fragte man ihn, einen Neunzehnjährigen, ob er das letzte noch offene Album aus Lesters Plattenvertrag produzieren würde. Er sagte ja und holte sich Johnny Cash als Gast für zwei Songs. Zwischen Lesters Tod und Martys Einstieg in die „Great Eighties Eight“ (so hieß die Band von Johnny Cash damals, denn nach dem Ausstieg von Marshall Grant verwendete Johnny Cash den Namen „The Tennessee Three“ nicht mehr) spielte Marty u.a. auch bei Bob Dylan in der „Rolling Thunder Revue“ (so erzählt er zumindest … mein Kollege Thomas Waldherr wird das als Dylan-Experte vielleicht verifizieren können).

Bis 1985 blieb Marty bei Johnny Cash, für den er u.a. auch das Gospelalbum „Believe In Him“ produzierte. Marty ist übrigens in der Rolle des Billy Joe auch in Cashs Videoclip zu „The Baron“ von 1981 zu sehen. Auch bei der Geburtsstunde der Highwaymen 1984 in Montreux am Genfer See war er dabei, bei der Aufzeichnung zu Johnny Cashs jährlicher Weihnachtsshow. 1985 unterschrieb Marty einen Plattenvertrag bei Columbia Records in Nashville, und nachdem 1978 auf Ridge Runner Records das Album „With A Little Help From My Friends“ des damals jungen Mannes erschienen war und er 1982 das großartige Album „Busy Bee Cafe“ auf Sugar Hill veröffentlichte (mit illustren Gästen wie z.B. Doc und Merle Watson und natürlich Johnny Cash), erschien 1986 das Album „Marty Stuart“ auf Columbia. Es enthielt acht Songs, war der Beginn seiner Solokarriere, ging aber im Jahr des New Country Urknalls mit Randy Travis, Dwight Yoakam und Steve Earle leider unter. „Arlene“, die erste ausgekoppelte Single, erreichte immerhin Platz 19 der Billboard Countrry Singles Charts. Das Nachfolgealbum „Let There Be Country“, für 1987 mit Bestellnummer bereits angekündigt und gelistet, erschien erst Jahre später nachträglich. Was war passiert? So richtig kam das nie heraus. Glaubhaft erscheint jedoch die Version, nach der Marty Stuart stocksauer ins Büro des Columbia Nashville Bosses Rick Blackburn kam und ihm sagte, was er davon hielt, dass Columbia den Vertrag mit Johnny Cash nicht verlängert hatte.

Marty Stuart

Marty Stuart. Bildrechte: Promo, David McClister.


Marty Stuart zog sich zurück und ging nach Hause, nach Mississippi. Seine 1983 geschlossene Ehe mit Cindy Cash wurde 1988 geschieden. Offenbar gut regeneriert unterschrieb er einen Deal bei MCA in Nashville, und 1989 erschien seine erste Single für MCA: „Cry Cry Cry“, ein Cover der ersten Single von Johnny Cash. Das Album „Hillbilly Rock“ erschien kurz danach, erhielt großartige Kritiken und begründete nunmehr eine erfolgreiche Solokarriere. Weitere Alben erschienen. „Tempted“, der direkte Nachfolger, zündete dann nochmals stärker, und die erste Zusammenarbeit mit Travis Tritt für die Duettsingle „The Whiskey Ain’t Workin‘“ bescherte Marty seine höchste Chartplatzierung – eine Nummer zwei. Das dritte Album für MCA, „This One’s Gonna Hurt You“ (der Titelsong war erneut ein Duett mit Travis Tritt) wurde das erste Goldalbum für Marty Stuart. Darauf enthalten war „Doin‘ My Time“, ein Duett mit Johnny Cash

Nach sechs Ausgaben seiner ersten TV-Show für CMT „The Marty Party“ und dem Album „Honky Tonkin’s What I Do Best“ (der Titelsong war ein weiteres Duett mit Travis Tritt) ging es mit der Karriere erneut abwärts. Zu sehr hatten sich der Musikgeschmack der großen Masse und der musikalische Output in Nashville geändert, als dass ein Marty Stuart in der ständigen Jagd nach Hits und Charterfolgen noch hätte bestehen können. Er ging nach Mississippi in Klausur und schrieb dort sein erstes Konzeptalbum, „The Pilgrim“, das 1999 erschien und nach zehn Jahren die letzte Veröffentlichung für MCA war.

Die letzten Jahre bei MCA bescherten Marty Stuart jedoch weitere wichtige Ereignisse, Erfahrungen und Kontakte. Er wurde von Johnny Cash gebeten, auf dessen Album „Unchained“ als Musiker mitzuwirken (dabei lernte er Tom Petty und dessen Musiker kennen. Mit dem Gitarristen Mike Campbell verbindet ihn seitdem eine Freundschaft). Er besuchte die Pine Ridge Reservation der Oglala-Lakota Sioux in South Dakota, wurde dort Ehrenmitglied des Stammes und heiratete dort im Jahre 1997 Connie Smith, für die er 1998 ihr Comeback Album produzierte.

Nach seiner ersten eigenen Band in der Zeit seines Columbia Albums (im Fernsehen fragte ihn Ralph Emery damals, wie er seine Band denn nenne. Marty antwortete „My band“, worauf ihn Ralph Emery lachend ankündigte mit den Worten „Here’s Marty Stuart and My Band“), der „Hot Hillbilly Band“ in seiner Anfangszeit auf MCA, den „Rock & Roll Cowboys“, mit denen er auch die Marty Party bestritt, folge 2002 der Beginn eines weiteren wichtigen Abschnitts seiner Karriere. Marty Stuart gründete seine Band „The Fabulous Superlatives“ mit dem Gitarristen Kenny Vaughan (Cousin Kenny oder auch Cuz, denn Marty gibt allen Musikern bei den Superlatives Spitznamen) und dem Drummer Harry Stinson (Handsome Harry). Der urspüngliche Bassist „Brother“ Brian Glenn blieb bis 2008. Darauf folgte „Apostle“ Paul Martin, und seit 2015 steht am Bass „Professor“ Chris Scruggs, Sohn von Gail Davies und Enkel von Earl Scruggs.

Nachdem im Jahr 2003 das Album „Country Music“ bei Columbia Nashville erschienen war (das erste Album, auf dem „Marty Stuart & The Fabulous Superlatives“ stand), gründete Marty Stuart 2005 sein eigenes Label Superlatone, auf dem bei wechselnden Vertrieben (zumeist Sugar Hill) bis heute seine Alben erscheinen, darunter auch das großartige Konzeptalbum „Badlands – Ballads Of The Lakota“. 2017 veröffentlichte er mit „Way Out West“ sein bisher letztes Album, sein bisheriges Meisterwerk, eine Liebeserklärung an den Bundesstaat California, den Amerikanischen Westen, an kalifornische Gitarren, Autos, Lebensweisen, an den Bakersfield Sound, und auch auf diesem Album hat man den Eindruck, der große Mentor und Freund sei allgegenwärtig, wie so oft oder fast immer. Produziert hat dieses Album Mike Campbell in seinem Studio in Kalifornien, denn Marty sagte, er könne ein Album über Kalifornien nicht in Nashville aufnehmen.

Am 1. November 2008 wurde auf dem Fernsehsender RFD-TV die erste Folge der „Marty Stuart Show“ ausgestrahlt, seiner eigenen Fernsehshow, die jede Woche am Samstagabend um 20:00h lief, Eastern Standard Time. Jede Show dauerte 30 Minuten, und außer Marty waren seine Frau Connie Smith, natürlich die Fabulous Superlatives, der Old Time Banjokünstler Leroy Troy, Gary Carter, der Pedal Steeler der „Sundowners“ (der Band von Connie Smith), sowie als Ansager Eddie Stubbs, der Ansager der Grand Ole Opry, immer dabei. Dazu lud er sich Gäste ein, und von Merle Haggard bis Willie Nelson, von Loretta Lynn bis u.a. auch Kitty Wells bei ihrem letzten Auftritt im Fernsehen wurde alles präsentiert, was Rang und Namen hatte. Die Musik in diesen Shows war gesanglich, spieltechnisch und vom Audiomix her so perfekt, dass man alle sechs Staffeln auf DVD oder CD hätte veröffentlichen können. Sechs Jahre lang lief die Show, und heute zeigt der Sender noch alle Shows als Wiederholungen.

Seit den 1970er Jahren sammelt Marty Stuart alles, was ihm in der Geschichte der Country Music wichtig ist. Es begann mit Schallplatten und Momentaufnahmen seiner Zusammentreffen mit lebenden Legenden. Überall hatte er seine Kamera dabei und dokumentierte sein Leben, auch wenn ihm das damals nicht bewusst war. Bücher sind erschienen über und mit seinen Fotos, Ausstellungen wurden und werden gefüllt mit den Stücken seiner Sammlung, und ein eigenes Museum, „Marty Stuart’s Country Music Congress“, wird in seiner Heimatstadt entstehen. Gitarren und Bühnengarderobe aller möglichen Country Stars, handgeschriebene Songtexte von Hank Williams, den Schminkkoffer von Patsy Cline und vieles mehr zählt er zu seiner Sammlung. Merle Haggard rief ihn einst an und sagte am Telefon „Ich habe die Gitarre von Lefty Frizzell gefunden und gekauft!“, und schon flog er nach Kalifornien, um seinen Freund mit dieser Gitarre zu fotografieren. Und das letzte Portrait von Johnny Cash, vielleicht Marty Stuarts bestes Foto überhaupt, machte er drei Tage vor dessen Tod. Auf die Frage, welches Stück seiner Sammlung denn für ihn das Wertvollste sei, antwortete er vor vielen Jahren lächelnd „Meine Frau Connie Smith!“

Eines der wichtigsten Stücke seiner Sammlung besitzt er seit 1980, und er hat damit Geschichte geschrieben und schreibt weiter damit Geschichte, nämlich die berühmte Telecaster von Clarence White, dem Bruder des erwähnten Roland White. Clarence White war eine Zeit lang der Gitarrist der Byrds, und er benutzte diese Gitarre u.a. bei den Aufnahmen zum Album „Sweetheart Of The Rodeo“ der Byrds. Eine von Clarence und dem damaligen Drummer der Byrds, Gene Parsons, erfundene Mechanik, mit der man die H-Saite der Gitarre um einen Ton erhöhen und somit Steel Guitar Licks spielen konnte, baute man kurzerhand hinten auf die Rückseite der Gitarre. Diesen Prototyp kaufte Marty Stuart 1980 der Witwe von Clarence White ab und bereist mit dieser Gitarre seither die Welt. Aktuell begleitet er mit seiner Band, die übrigens ihren hochtrabenden Namen mehr als verdient, Roger McGuinn und Chris Hillman auf der 50-jährigen Jubiläumstour zum Album „Sweetheart Of The Rodeo“.

Ganz schön bekannt und berühmt ist er geworden, dieser junge Mann, der mich seinerzeit mit seinem Song „Hey Hey Train“, den er im Cash-Konzert singen durfte, sprichwörtlich umgehauen hat und eine Begeisterung startete, die bis heute nicht endet, wie Sie, liebe Leser von country.de, aus meiner Laudatio sicher herauslesen konnten. Vielleicht lässt man ihm dereinst die Ehre zukommen, in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen zu werden. Verdient gemacht um die Country Music hat er sich, verdient hätte er’s.

Und so beende ich, auch wenn er selbst meine Zeilen vermutlich nie liest, diese Laudatio so, wie sich das gehört:

Lieber Marty, ich wünsche Dir auch im Namen der Redaktion und der Leser von Country.de, alles erdenklich Gute zu Deinem 60. Geburtstag! Bleib gesund, und komme bitte bald mal wieder nach Deutschland!

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