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Musikalische Geschichtsstunde mit klarer Haltung

"The American Songster" Dom Flemons live im Konzert in Chicago und im Gespräch mit Country.de-Redakteur Thomas Waldherr.

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Dom Flemons - Live Dom Flemons - Live in Chicago. Bildrechte: Thomas Waldherr

Zweimal tritt Dom Flemons an diesem Samstagnachmittag Anfang Juni beim Chicago Bluesfestival. Einmal auf der eher kleineren „Park Grill Stage“, dann später auf der „Front Porch Stage – Wrigley Square“. Das Programm ist fast identisch. Sowohl was die Songauswahl betrifft, als auch was die Güte der Performance angeht. Dom Flemons, der „American Songster“, der im vergangenen Jahr mit „Black Cowboys“ eine der interessantesten Neo-traditionalistischen Folkplatten der letzten Jahre veröffentlicht hat und dafür Grammy-nominiert wurde, bleibt weiter seiner Linie treu. Ihm geht es immer darum, das verbindende zwischen schwarzer und weißer Kultur darzustellen. Und dazu gehört eben auch, zu verdeutlichen, dass die Country-, Cowboy- und Western-Kultur eben nicht nur den Weißen gehört, sondern die Afroamerikaner ebenfalls einen großen Einfluss auf ihr Entstehen hatten.

Lieder von und über die „Black Cowboys“

Schon mit dem zweiten Song des Sets – „Long Journey Home“ – ist er mitten drin im Thema. Der Song, bekannt worden durch Bill Monroe, den „Vater des Bluegrass“, ist ein gutes Beispiel für den „Blues im Bluegrass“. Der Bluegrass ist ein Hybrid aus Mountain Music, Country, Jazz und Blues und Dom arbeitet in seiner Fassung den Bluesanteil heraus, denn sowohl Text als auch die Haltung des Songs stammen aus der Bluestradition und bekanntermaßen wurde Monroe ja durch den schwarzen Gitarristen Arnold Shultz maßgeblich beeinflusst, der ihm den Blues nahebrachte.

Die nächsten drei Songs stammen dann allesamt vom „Black Cowboy-Album“. „Black Women“ erinnert an die wichtige Leistung schwarzer Frauen bei der Gründung von Schulen und Gemeinden im Westen und belegt Flemons Bild von multikulturellen Westen. Mit „Steel Pony Blues“ erinnert er an die wichtige Tradition der schwarzen Eisenbahnschaffner, der „Pullman Porter“, die sich nach dem Ende der großen Rinder-Trails und dem Niedergang des Berufsstandes aus den ehemaligen Cowboys rekrutierten. Und „He’s A Lone Ranger“ erzählt von Bass Reeves, dem ersten afroamerikanischen US-Marshal.

Dom Flemons

Dom Flemons. Bildrechte: Thomas Waldherr.


Danach folgen noch eine ganze Reihe von bemerkenswerten Old Time-Folksongs wie „Old Corn Licker“ oder „Po‘ Black Sheep“, bei denen er sich mit Gitarre oder Banjo begleitet, seine Virtuosität auf der Mundharmonika beweist oder die recht archaischen Bones als Rhythmusinstrumente nutzt. Dazu erzählt er immer wieder interessante Geschichten zu Herkunft und Interpreten der Sänger. Die schönsten musikalischen Geschichtsstunden gibt derzeit unbestritten Mr. Dom Flemons. Das zahlreiche Publikum vor der Bühne dankt es mit ihm mit Begeisterung.

Dom Flemons im Gespräch

Ganz selbstverständlich nimmt sich danach Dom auch noch ausgiebig Zeit, mit seinen Fans zu sprechen, Autogramme zu geben und sich fotografieren zu lassen. Auch der Country.de-Redakteur stellt sich brav in die lange Schlange bis er dran ist. Und schon entspinnt sich ein interessantes Gespräch mit dem Musikhistoriker und Liedersammler.

Natürlich interessiert mich seine Einschätzung des Wirbels rund um Lil Nas X‘ Song „Old Town Road“, der erst in die Billboard-Country-Charts kletterte und dann aber wieder rausgenommen wurde, weil er zu wenig „Country“ sei. Und das obwohl Country-Altstar Billy Ray Cyrus das Projekt unterstützt hatte. „Mit Black Cowboys wollte ich auf den schwarzen Anteil an der Country- und Western-Kultur aufmerksam machen, der lange verdrängt worden ist. Und genau das erleben wir jetzt wieder. Es scheint für das Country-Business und viele Hörer immer noch schwer hinnehmbar, wenn Schwarze Country singen. Wenn aber Weiße den Blues singen, dann wird das bewundert“, skizziert Dom seine Auffassung.

Dom Flemons und Thomas Waldherr

Dom Flemons und Thomas Waldherr


Und in der Tat ist „Old Town Road“ ein Hybrid aus Country und Rap. Nach einem eingängigen Country-Banjo-Riff wechselt der Song aufs Rap-Gleis. Aber warum soll das kein Country sein, frage ich ihn. Wir hörten ja im Konzert wieviel „Blues“ im Bluegrass von Bill Monroe steckt. Ohne Blues kein Classic Country. Und warum soll dann das moderne Country ohne Elemente der zeitgenössischen schwarzen Musik auskommen? „Ich hörte Keith Urban’s letztes Album und es war sehr vom Hip Hop beeinflusst“, stellt Dom fest. „Diese Diskussion wird geführt, seit Country und Blues als Genres separiert wurden. Ich freue mich, dass die Diskussion jetzt wieder Fahrt aufnimmt.“

Hat er denn Hoffnung, dass es irgendwann ganz selbstverständlich ist, dass es schwarze Countrymusik auch von einem breiten Publikum gehört wird und es nicht bei Ausnahmen wie Charley Pride oder Darius Rocker bleibt, frage ich ihn zum Schluss. „Das ist kein ästhetisches Thema, sondern hat mit dem kulturellen Gedächtnis, der Popkultur und den Musikgenres in den USA zu tun. Dass jetzt gerade Lil Nas X und Solange die Figur des schwarzen Cowboys und die schwarzen Countrymusik ins öffentliche Bewusstsein rücken, ist faszinierend und könnte der Auftakt zu solch einer positiven Entwicklung sein“, blickt er hoffungsvoll nach vorne.

Wir hätten noch lange über das Thema weiterdiskutieren können, doch schon muss Dom zum nächsten Termin weiterziehen. Dass er so gefragt ist, ist gut so, denn Dom Flemons leistet nicht mehr und nicht weniger als eine ganz wichtige Arbeit gegen das kulturelle Vergessen und gegen die Ignoranz, der die schwarzen Wurzeln der Countrymusik noch immer ausgesetzt sind.

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Über Thomas Waldherr (513 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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