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The Chicks: Gaslighter

Neuer Name, neues Album - aber musikalisch ganz die "Alten".

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The Chicks The Chicks. Bildrechte: Philippa Price

Kaum ist es auf dem Markt, da wird es schon als ein „Meisterwerk“ betitelt. Und tatsächlich ist Gaslighter auf dem besten Weg, eines der Höhepunkte im Musikjahr 2020 zu werden. Unfassbare 14 Jahre nach ihrem letzten Output legen die Dixie Chicks – pardon: nunmehr nur noch The Chicks – ihr neues Album vor und rufen mit den 12 neuen Songs wahre Begeisterungsstürme sowohl unter den Fans als auch den Fachleuten hervor. Da ist das lange Warten und auch die Verschiebung des ursprünglich geplanten Release-Datums aufgrund der Corona-Pandemie schnell vergessen.

Dem Vorbild von Lady Antebellum folgend, die sich nur noch Lady A. nennen, haben sich auch die Dixie Chicks entschlossen, das „Dixie“ im Bandnamen abzulegen. Zu sehr ist dieser Begriff mit dem alten Süden der USA verhaftet, damit verbunden mit Rassismus und Sklaverei. Im Zuge von Gewalt und Protesten, dem gewaltsamen Tod von George Floyd und der Black-Lives-Matter-Bewegung ist das nicht mehr zeitgemäß und es ist für das Trio nur konsequent, diesen Strang zu trennen und mit einem neuen Namen neu anzufangen.

Die lange Plattenpause legte das Trio aber nicht ganz freiwillig ein. Im März 2003 kurz vor Beginn des Irakkrieges, sagte Sängerin Natalie Mains, dass es ihr peinlich sei, wie der damalige US Präsident George W. Busch aus Texas zu stammen. Das war für gewisse Kreise kaum zu verkraften, Radiosender verbannten die Band von den Playlisten, Fans verbrannten ihre CDs oder fuhren sogar mit Traktoren darüber, um sie zu zerstören. Innerhalb kürzester Zeit waren die Dixie Chicks aus den US-Charts verschwunden und es sollte Jahre dauern, bis sie wenigstens wieder touren konnten. Doch im Country Betrieb waren sie geächtet, obwohl keine andere Country-Band in den vergangenen Jahrzehnten so erfolgreich gewesen ist wie die Dixie Chicks, die in der Zeit mehr als 30 Millionen Alben verkauft haben und 13 Grammys verliehen bekamen.

Jetzt also, nach 14 langen Jahren ein neues Album. Außer dem Bandnamen hat sich 2020 nicht viel verändert: Das Trio steht immer noch für brillanten Satzgesang und eingängige Melodien, grandios austangiert zwischen Country und Pop, modern produziert und abwechslungsreich in den Arrangements. Schon der Titeltrack und Opener des Albums „Gaslighter“ geht sofort ins Ohr mit seiner poppigen, mitreißenden, ja schon fröhlichen Melodie, die im Gegensatz zum Text steht. Denn hierin verarbeitet Natalie Maines ihre Scheidung, die sie wohl richtig wütend gemacht hat und jetzt mit der Welt teilen möchte. In ihrer „Abrechnung“ nimmt sie kein Blatt vor den Mund, es geht um Lügen, um Täuschungen, um unerfüllte Wünsche. Obwohl Natalie Maines nach ihrer Scheidung ziemlich viel zu verarbeiten hat, wie sie selbst zugibt, beziehen die Chicks auch in den neuen Songs Stellung zu politischen Themen. Hervorzuheben ist da vor allem „March March“, vorab als Single ausgekoppelt, und mit einem eindringlichen, intensiven und auch wütenden Beat ausgestattet. Das Video dazu zeigt eine kraftvolle Collage von Bildern aus der gesamten US-amerikanischen Geschichte, Bilder von Polizeigewalt, Demonstrationen gegen Krieg, Rassismus und für Klimaschutz, die die Wirkung der Worte noch verstärken. Am Ende werden Namen von Opfern rassistischer Gewalt eingeblendet, immer mehr Namen, in immer schnellerer Abfolge. Prominentester Name dabei ist der des Afroamerikaners George Floyd, der erst vor wenigen Wochen bei einem brutalen Polizeieinsatz den Tod fand und eine internationale Welle des Protestes auslöste. Der Song, ein einziges Statement! Dass die Chicks hiermit die konservativen Countryfans nicht begeistern und schon gar nicht zurückgewinnen, dürfte glasklar sein. Aber das wollen sie wohl auch gar nicht. Denn eines steht fest: das Trio lässt sich nicht den Mund verbieten. Und irgendwie wollen sie wohl auch nicht mehr so recht „Country“ sein.

Musikalisch verfolgen die Chicks ihren eigenen Weg, der natürlich geprägt ist von ihrer Vergangenheit, heute aber auch viel aktuelles, zeitgemäßes bietet. Für den perfekten Sound haben sie sich den Produzenten Jack Antonoff ins Boot geholt, der den Songs ein moderneres, poporientiertes Image verabreichte und auch schon Taylor Swift den Weg weg vom Country hin zum Pop ebnete. So lassen sich die Songs nicht allein in einer einzigen Schublade ablegen, dafür braucht man schon mehrere, wenn man es denn möchte. Da gibt es fein arrangiertes, poppiges zuhören (Sleep At Night), emotionale, sparsam instrumentierte Balladen (Everybody Loves You), leisen Gesang der sich fulminant bis zur Hymne steigert (For Her), sperriges und fast schon unfertig, gar demohaft Klingendes (Tights On My Boat), und akustisch Eingespieltes (Young Man). Das Album bietet eine enorme stilistische Bandbreite, hervorgebracht durch die einzigartigen Songwriter-Qualitäten des Trios, die sich hier wiederum eindrucksvoll entfalten und mit wunderbaren Harmoniebögen, wohlklingenden Satzgesang und interessanten Arrangements glänzen. Wut meets Harmonie, so könnte man auch sagen, denn der Sound der Checks klingt auch 2020 trotz manchmal nachdenklicher und oft auch wütender Texte sehr eingängig und voller Harmonie. Die Chicks sind wieder da und das so gut wie eh und je.

The Chicks – Gaslighter: Das Album

The Chicks - Gaslighter

Titel: Gaslighter
Künstler: The Chicks
Veröffentlichungstermin: 17. Juli 2020
Label: Columbia Records
Vertrieb: Sony Music
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 12
Genre: Country, Pop

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Trackliste: (Gaslighter)

01. Gaslighter
02. Sleep At Night
03. Texas Man
04. Everybody Loves You
05. For Her
06. March March
07. My Best Friend’s Weddings
08. Tights On My Boat
09. Julianna Calm Down
10. Young Man
11. Hope It’s Something Good
12. Set Me Free

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Über Andreas Weihs (68 Artikel)
Fotograf und Journalist. Fachgebiet: Country & Folk. Rezensionen und Konzertberichte.