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Country Night Gstaad 2022

Bastian Baker, Rhonda Vincent, Carly Pearce und Marty Stuart zu Gast in Gstaad - an beiden Abenden feinste Performances.

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Marty Stuart and His Fabulous Superlatives Marty Stuart and His Fabulous Superlatives in Gstaad. Bildrechte: Bernd Wolf

Für viele ist die Country Night Gstaad im schönen Berner Oberland ein fixer Termin in ihrem Kalender, bietet sie doch quasi immer ein abwechslungsreiches Programm mit guter, erstklassiger Musik, in einer Location mit einer exzellenten Akustik in einem angenehmen Ambiente. Für Rheinländer ist der Weg weit, für in Norddeutschland lebende Rheinländer ist der Weg noch weiter. So war ich tatsächlich erst zum zweiten Mal in Gstaad, nach 1993 (es ist so lange her, ich musste es nachschauen), dafür diesmal beide Tage. Marty Stuart „hatte gerufen“.

Das Programm ist an beiden Tagen identisch, man sieht also an beiden Tagen die gleichen Künstler. Warum dann beide Tage sehen, mag man fragen? Nun, Marty Stuart und Rhonda Vincent, zwei der gebuchten Künstler, sollten eindrucksvoll darlegen, warum das durchaus sinnvoll sein kann.

Rhonda Vincent mit ihrer exzellenten Band The Rage eröffnete beide Tage. Was soll man zu ihr noch groß sagen? Sie überzeugte bei ihrem vierten Besuch in Gstaad an beiden Abenden mit großartiger Musik, bestem Entertainment und großer Nähe zum Publikum und riss die Zuschauer zu mehreren stehenden Ovationen aus ihren Stühlen. Sie selbst an der Mandoline und ihre Musiker Mickey Harris am Bass, Hunter Berry an der Fiddle, Aaron McDaris am Banjo, Jeff Partin am Dobro sowie das neueste und jüngste Mitglied Zack Arnold an der Gitarre brannten ein Feuerwerk ab, gesanglich und instrumentell. Am Freitag, gegen Ende ihres Sets, fragte Vincent ins Publikum, wer denn an beiden Abenden dort sei, und als nur wenige Arme in die Höhe gingen, sagte sie, „Wie schade! Wir spielen nämlich morgen eine komplett andere Show!“ Und so geschah es! Und an beiden Abenden standen sie und ihre komplette Band gut gelaunt, überaus freundlich und geduldig – deutlich mehr als nur eine Stunde nach ihrem Konzert, für die Fans am Merchandise Stand, für Fotos, Autogramme oder nur ein kurzes Schwätzchen. Das ist vorbildlich, old school, und nicht zu toppen!

Bastian Baker, ein junger Künstler aus der Schweiz, war mir vor diesem Festival gänzlich unbekannt. Ein Hereinhören in seine Musik per Youtube konnte mich persönlich auch nicht wirklich begeistern. Auf der Bühne in Gstaad jedoch, unterstützt von einer kompletten Band, wusste der junge Mann zu überzeugen. Er präsentierte eine junge und frische Show, professionell und routiniert trug er seine Songs vor. Kein Wunder, hat dieser Singer & Songwriter, gebürtig in Lausanne, doch eine Welttournee mit ca. 80 Konzerten als Support für Shania Twain auf der Habenseite. In Zeiten, in denen Quereinflüsse aus anderen Musikrichtungen und -stilen durchaus üblich sind, war er, speziell auch für das jüngere Publikum, eine willkommene Bereicherung eines Countryfestivals. Baker wusste aber als „local hero“ Alt und Jung gleichermassen zu begeistern. Einige seiner meist selbst geschriebenen Songs trug er allein mit seiner Gibson vor, und auch so konnte er zeigen, welche Qualität seine Musik besitzt.

Dann folgte, was man in Gstaad nicht ohne Stolz verkündete, die aktuelle Sängerin des Jahres sowohl bei der CMA als auch bei der ACM, Carly Pearce. Ich hatte sie bereits 2019 beim C2C in London gesehen, wo sie mich nicht überzeugen konnte. Seinerzeit war sie mit dem Country Star Michael Ray frisch verheiratet. Die plötzliche und quasi postwendende Scheidung folgte im gleichen Jahr. 29 Jahre war sie damals alt, und somit erklärt sich auch der Titel ihres aktuellen Albums „29“, dessen Songs den Großteil ihres Sets ausmachten. Deutlich traditioneller kam sie dieses Mal daher. Über viele ihrer Songs hatte sie eine Geschichte zu erzählen, und damit nahm sie das Publikum mit auf eine Reise durch ihr Leben und ihre Musik. Aus Kentucky stammend, verwies sie darauf, dass sie zwar keine „coalminer’s daughter“ sei, sehr wohl aber ihre Großmutter, und wie sehr sie sich Loretta Lynn verbunden fühle. Dann überzeugte sie mit ihrem Song „Dear Miss Loretta“, und nicht nur mit diesem Hit wusste sie mich, ganz im Unterschied zu ihrem Set in London 2019, zu berühren. Bevor sie ihren Hit „Never Wanted To Be That Girl“, dem Duett mit Ashley McBryde, auf die Bühne brachte, erzählte sie mit Stolz von ihren Nominierungen für die CMA Awards in diesem Jahr. Mit „Man! I Feel Like A Woman“ verneigte sie sich vor Shania Twain, um dann zu verkünden, sie sei ein Kind der Country Music der 1990er Jahre und ließ ihren Fiddler „Cowboy Take Me Away“ von den Chicks anstimmen, für sie einer der größten Songs, der je geschrieben wurde. „I Hope You’re Happy Now“, ihr Hitduett mit Lee Brice, durfte natürlich ebenso wenig fehlen wie „Every Little Thing“, der Song, mit dem sie 2017 ihren Durchbruch geschafft hatte.

Carly Pearce, Bastian Baker & Rhonda Vincent in Gstaad

Carly Pearce, Bastian Baker & Rhonda Vincent in Gstaad. Bildrechte: Bernd Wolf


Danach wurde es dann Zeit für den Headliner des Festivals. Am Samstag hatte ich vor Beginn des Festivals die Gelegenheit, kurz mit Marty Stuart zu sprechen. Da er mich aus alter Zeit noch kannte, entwickelte sich eine Mischung aus privatem Smalltalk und Interview. Ich legte ihm sein neuestes Buch, „The World Of Marty Stuart“, vor und bat ihn, dazu etwas zu sagen. Das sei quasi das Begleitbuch zum Museum, dem Congress Of Country Music in seiner Heimatstadt Philadelphia, Mississippi. Ein wirklich beeindruckendes Werk, dass eigentlich nach einem gesonderten Artikel verlangt, so vollgepackt ist es mit Fotos und den vielen kleinen und großen Geschichten dazu. Man hatte ihm erzählt, er sei der erste Künstler, der Country Music in die Passionskirche in Berlin gebracht hätte, und so verwies er mit Stolz darauf, dass sie an dem Abend Songs von Marty Robbins, von Bill Monroe und natürlich von Johnny Cash gespielt und somit die Musik ihrer Vorväter auf diese Bühne gebracht hätten. Dazu verwies er auf und zeigte mir einige Fotos in seinem Buch und sagte, seine erste Band damals in Philadelphia habe er gegründet, weil sonst keine Band in dieser Region Country Music spielte. Alle anderen Bands hätte die Musik der Beatles und der Rolling Stones gespielt. Heute mache er, siehe Berlin, immer noch das Gleiche wie damals: er spiele die Musik seiner Vorväter. Ich sagte ihm dazu, dass das genau er sei und ich (und viele andere) ihn dafür schätzten. Ein Foto von ihm aus Kindertagen in diesem Buch ließ ihn grinsend darauf verweisen, er mache heute noch das Gleiche wie damals: er trage Cowboy-Kleidung und spiele Gitarre. Was denn im Rückblick auf 50 Jahre als professioneller Musiker neben der Aufnahme in die Country Music Hall Of Fame das Größte sei, auf das er zurückblicken könne? Zunächst sagte er lachend „überlebt zu haben“. Dann nannte er aber die Gründung seiner Fabulous Superlatives und Connie Smith geheiratet zu haben als zwei der Highlights. Die Superlatives gegründet zu haben habe seiner Karriere eine neue Wendung gegeben, über die er sehr froh und auf die er sehr stolz sei. Und natürlich konnten wir nicht dort sitzen, ohne dass ein Name mehrfach fallen musste. „Das ist das erste Mal, dass wir miteinander reden und John ist nicht mehr da. Kannst Du das begreifen? Nächste Woche sind es schon 19 Jahre!“ Ich gab ihm Recht und verwies darauf, dass wir uns im April 1981 nach einem Johnny Cash Konzert in Köln zuerst getroffen hatten. Dieser Teil unserer Unterhaltung sollte auch noch Auswirkungen auf sein Konzert an diesem Abend haben. Ich hätte noch Stunden mit ihm erzählen können, aber es warteten noch andere Medienvertreter. So konnten wir über seinen neuen, weltweiten Plattenvertrag mit Snakefarm Records, einem Label der Universal Music Group, nicht mehr sprechen. Drei komplette Alben hat er bereits fertig, sagte er an anderer Stelle. Mein Dank gilt Joe Bürki und vor allem Andi Kessler von Universal Music in Zürich, die das Gespräch mit Marty backstage ermöglicht haben!
Marty Stuart in Gstaad

Marty Stuart in Gstaad. Bildrechte: Bernd Wolf


Und so stand er an beiden Abenden auf der Bühne und faszinierte mit seinen Fabulous Superlatives „Cuz’n“ Kenny Vaughan an der Gitarre, „Handsome“ Harry Stinson an den Drums und „Professor“ Chris Scruggs am Bass das Publikum. Von krachenden Telecastern zu ruhigen akustischen Tönen bediente er das gesamte Spektrum, und, wie mein Kollege Oliver Kanehl bereits über das Konzert in Berlin geschrieben hat, räumt er seinen Musikern, auf die er unglaublich stolz ist, auch Raum ein, selbst hinter das Mikrofon zu treten. Seine Sets waren an beiden Abenden unterschiedlich. Begann er am Freitag mit „La Tingo Tango“, dem Eröffnungssong seiner TV Show auf RFD-TV, wählte er für den Samstag, sehr zu meiner Freude, mit „Graveyard“ ein unbekannteres Instrumentalstück aus. „Tempted“, sein größter Solohit, das Instrumental „Mojave“ von seinem Album „Way Out West“, „Matches“ in der akustischen Version aus seiner (noch nicht vollendeten) Serie „Songs I Sing In The Dark“, gespielt auf einer Martin D28, Vorbesitzer Bill Monroe, die Marty bereits vor Jahrzehnten mit einem B-Bender ausrüsten ließ (was von Seiten einiger Bluegrass-Enthusiasten für Kritik sorgte) sowie der alte Waylon Hit „I’ve Always Been Crazy“, bei dem er auf seiner Telecaster wieder mal stilecht die Pedal Steel von Ralph Mooney imitierte, und natürlich „Time Don’t Wait“, ebenfalls vom Album „Way Out West“, sein Abschlußsong seit 2017, waren quasi an beiden Abenden die Aufhängepunkte, um die Marty zwei unterschiedliche Sets drapierte. Und am Samstag hatte „Cuz’n“ Kenny Vaughan bereits zu seiner Rickenbacker gegriffen, als Marty dann kurz etwas zur Band sagte und diese geschlossen die Bühne verließen. Er ging zurück zu unserem Gespräch und begann, über den Todestag von Johnny Cash zu erzählen. Und ja, er erzählte die komplette Geschichte, über die Söhne von Roy Orbison, den „Orchard“, also den Obstgarten, den Johnny Cash anpflanzen ließ auf dem Grundstück, auf dem früher das Wohnhaus von Roy Orbison stand und in dem zwei von Orbisons Söhnen verbrannten, und dann spielte er seinen Tribute Song an Johnny Cash, „Dark Bird“, den er nur sehr selten spielt. Ein besonderes Highlight seines Sets an diesem Abend. Erst danach gab es „Time Don’t Wait“, die standing ovation (nicht die Erste in diesem Set) und als Zugabe „Hummingbyrd“, sein Instrumental als Tribute an Clarence White, dessen Fender Telecaster er seit 1980 besitzt und die seine „main guitar“ auf der Bühne ist. Unter einer weiteren standing ovation verliessen er und seine Superlatives die Bühne.

Ich habe noch lange beide Abende Revue passieren lassen. Der Weg nach Gstaad hat sich gelohnt, auch wenn es aus dem Nordwesten Deutschlands eine lange Anreise ist.

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Über Bernd Wolf (140 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Johnny Cash, Singer & Songwriter. Rezensionen und Biografien.