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Bob Dylan und die Philosophie des Countrysongs

In seinem neuen Buch wird der Nobelpreisträger auch Songs von Johnny Cash, Willie Nelson und Townes van Zandt besprechen.

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Bob Dylan – Die Philosophie des modernen Songs Bob Dylan – Die Philosophie des modernen Songs. Bildrechte: C.H. Beck

Wenn Bob Dylan am 2. November sein Buch Die Philosophie des modernen Songs mit Essays über mehr als 60 Songs veröffentlicht, dann sind im Fokus des Meisters auch eine Reihe von Countrysongs. Dies sieht man im nun von www.bobdylan.com veröffentlichten Inhaltsverzeichnis. Was da zu lesen war, lohnt den Versuch einer ersten Bewertung.

Die Liste ist dylan-typisch vielfältig und divers was Genres und Künstlerinnen und Künstlern angeht. Wer Dylans legendäre Radio Show Theme Time Radio Hour (2006 – 2009 und Nachfolgesendung zum Thema Whiskey 2020) und seine Musicares Speech von 2015 kennt, der darf sich auf kenntnisreiche, unterhaltsame und auch spitzzüngige Besprechungen freuen.

Unvergessen sein Musicares Speech-Bashing gegen Tom T. Hall und Merle Haggard. Hall warf er vor, er versuche mit cleveren, trivialen Songs, die Leute zu gewinnen. Und nahm als Beispiel Tom T. Halls Song „L Love“: „Da versuchte er Dir weiszumachen, er wäre wie Du und Du wärst wie er. Wir alle lieben die gleichen Dinge und darin sind wir alle vereint. Tom liebt kleine Baby-Enten, langsam fahrende Züge und den Regen. Er liebt alte Pickup-Trucks und den kleinen Landbach. Schlaf ohne Träume. Bourbon in einem Glas. Kaffee in einer Tasse. Tomaten an einem Strauch, und Zwiebeln. Ich möchte nicht sagen, dass das ein schlechter Song ist, ich möchte nur sagen, er scheint etwas zerkocht zu sein“, ätzte Dylan mit bösem Humor.
Merle Haggard dagegen trug er nach, dass der in den 1960ern seine Songs nicht verstanden hätte und obendrein, „dass er mich in einen Topf warf, mit allem, was er nicht leiden konnte“. Lob dagegen zollte er natürlich Johnny Cash und insbesondere Kris Kristofferson. „Er kam in die Stadt wie eine Wildkatze und landete mit dem Hubschrauber hinter Johnny Cashs Haus, er war nicht der typische Songwriter. Und er ging einem direkt an die Kehle.“ Als Beweis zitierte er aus Sunday Morning Coming Down. Kristofferson schrieb eben nicht trivial und clever, sondern über Gefühle, Menschen und dem Lauf der Zeit.

Umso überraschender, dass Kristofferson bei Songs nun wohl gar nicht vorkommt. Kein „Sunday Morning Coming Down“, kein „Bobby McGhee“, kein „Taker“. Warum weiß nur Dylan selbst. Auch die von ihm eigentlich hochverehrten Jimmie Rodgers und die Carter Family kommen im Buch nicht vor. Stattdessen aber Marty Robbins‚ „El Paso“, der immerhin als refrainloser, nach Mariachi klingender Storysong ein Crossover-Hit war und als erster Country-Song 1960 einen Grammy erhielt.

Ganz den bekannten Dylan’schen Vorlieben stehen daneben aber auch Songs von Hank Williams (My Cheatin‘ Heart), Willie Nelson (On The Road Again), Waylon Jennings (I’ve Always Been Crazy) und Townes van Zandt, dessen genialer Song „Pancho & Lefty“ auch von Dylan schon mehrfach live (u.a. auch mit Willie Nelson) gesungen wurde, auf der Liste. Und sogar zweimal Johnny Cash. Cash wird für Dylan immer der „Polarstern“ sein, wie er ihn anlässlich dessen Todes 2003 bezeichnet hatte. Mit in die Liste haben es „Big River“ und „Don’t Take Your Guns To Town“ geschafft.

Eine kluge Person hat einmal gesagt, dass Dylans „Tangled Up In Blue“ dessen „Big River“ sei. So wie der Erzähler in Cashs Song seiner Liebsten den Misssissipi-Flußlauf hinunter folgt, so ist Dylans Erzähler immer dieser Frau hinterher, die er – während Cash immer zu spät kommt – an den verschiedensten Orten antrifft. Aber obwohl sich beide zueinander hingezogen fühlen, kommen sie trotzdem nicht zusammen.

Man darf gespannt sein, wie bzw. ob er seine Auswahl begründet bzw. was er in diesen Songs sieht. Cashs Song ist auf den ersten Blick eine Moralballade von einem Jungen, der nicht auf den Rat der Mutter hört, was tödlich endet. Doch die zweite Ebene ist die interessantere, schwingt doch hier eine gewisse Skepsis gegenüber dem Waffengebrauch mit. Der National Rifle Association (NRA) kann dieser Song nicht gefallen, sagt er doch letztendlich auch, dass Waffen zu Gewalt und Tod führen, wenn sie Jedweder, auch ohne Übung und Verantwortungsgefühl, mit sich führen und benutzen darf. Hier die hat Schusswaffe zur Eskalation einer Kneipenstreiterei mit der Folge einer Tötungshandlung geführt.

Alles schaut auf den November. Für Countryfreunde besonders interessant: Welche Erkenntnisse fördert er zur Philosophie des Countrysongs zu Tage? Die Vorfreude auf den 2. November steigt stetig.

Veranstaltung zum Buch in Darmstadt

In der Darmstädter Americana-Reihe gibt es rund um das Buch am 18. November um 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule eine Veranstaltung mit Talk und Musik. Mit dabei u.a. die Übersetzerin des Buches, Conny Lösch, sowie der Dylan-Experte, Heinrich Detering. Tickets unter www.knabenschule.de

Bob Dylan – Die Philosophie des modernen Songs: Das 2022er Buch

Bob Dylan – Die Philosophie des modernen Songs

Titel: Die Philosophie des modernen Songs
Autoren: Bob Dylan
Veröffentlichungstermin: 18. November 2022
Verlag: C.H. Beck
Format: Buch
Seiten: 352 Seiten
Sprache: Deutsch

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Über Thomas Waldherr (705 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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