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Steve Earle & The Dukes: So You Wannabe An Outlaw

Steve Earle erweckt mit "So You Wannabe An Outlaw" die gute alte "handfeste" Country Music wieder zum Leben.

Nikki Ryan - Hier bestellen
Steve Earle - So You Wannabe An Outlaw Steve Earle - So You Wannabe An Outlaw. Bildrechte: Warner Bros. (Warner)

Zahlenspiele? Steve Earle ist 62 Jahre alt, „Guitar Town“ ist 31 Jahre alt. Steve Earle ist somit doppelt so alt wie sein berühmtestes Album. Nun bringt er mit So You Wannabe An Outlaw ein lupenreines, soundmässig sehr derbes Countryalbum heraus. Nach Aussage des bärtigen Songwriters ist das Teil 2 von „Guitar Town“. Nun, voller Spannung öffne ich die Folie und lege das Album in den Player, während ich mich über das Booklet hermache. Produziert wurde dieses Album übrigens von Richard Bennett – ja, von genau „dem“ Richard Bennett, Co-Produzent des Albums „Guitar Town“ und damals auch Gitarrist der Dukes. Aufgenommen und abgemischt wurde es von Ray Kennedy – ja, genau „dem“ Ray Kennedy, mit dem Steve Earle bereits so lange zusammenarbeitet.

Mit dem Titelsong startet das Album, und es erscheint auch sofort der erste von drei musikalischen Gästen. Der Introlick erinnert entfernt an „Nowhere Road“ vom Album „Exit 0“. Eine Warnung an all die, die es cool finden, ein Outlaw zu sein. „Denk nochmal drüber nach, keiner gibt einen Dreck um Dich, wenn Du erst tot bist. Klau eine Million Dollar, aber Du kannst sie nicht ausgeben, und wenn Du gehst, kannst Du sie nicht mitnehmen.“ Im Duett mit Willie Nelson eine humorvolle Warnung, so ist doch tatsächlich Wahrheit dahinter. Der Terminus „Outlaw“ (den Waylon nicht mochte) war kein Selbstzweck. „Lookin‘ For A Woman“ erinnert im Auftakt an „Rainy Day Woman“ und enthält diesen typischen Gitarrensound, den und der Waylon Jennings berühmt gemacht hat.

Im Covertext erzählt Steve Earle den Hintergrund dieses Albums. Harte Zeiten seien im Outlaw Country angebrochen, große und weniger große Helden werden „abberufen“. Verlust sei etwas Natürliches, wenn man sich an den äußeren Rändern der weiten Welt bewege. Man erwarte ihn nicht nur, man umarme ihn sogar, paare ihn mit einer Melodie, die der Nordwind pfeift, und mit dem Rhythmus eines gebrochenen Herzens. Ob das melodramatisch klänge? Das sei sein Ziel gewesen. Und dann erzählt er von den Zeiten in Nashville, als er den Titel „The Kid“ von Rodney Crowell übernahm, als diese Gruppe außergewöhnlicher Songwriter in Nashville in irgendeinem Haus oder Hotelzimmer die Gitarre herumgereicht und ihre neuesten Werke an den Kollegen ausprobiert hätten. Damals war Waylon für diese Songwriter nicht König, sondern Gott.

Sie seien auf einer Schockwelle geritten, die Willie Nelson in Austin losgetreten habe, aber für die, die in Nashville waren, war Waylon Jennings das Zentrum ihres Universums. Sie seien damals überzeugt gewesen, sie könnten Music City nach ihren Vorstellungen umbauen. Für eine Minute habe es so ausgesehen, aber dann hätte die „Mop-up Crew“ entlang der 16th und 17th Avenue South (dem Music Row, Anm. des Redakteurs) die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt. Er sei in letzter Zeit auf einer Menge Beerdigungen gewesen, so Earle, und vielleicht sei es ihm nun deshalb ganz plötzlich so wichtig, diese seine Herkunft herauszustellen. Als er, Earle, im Gefängnis gesessen habe, habe er einen Umschlag mit einem Foto erhalten, auf dem Waylon Jennings am Handgelenk ein leuchtend rotes Bandana getragen habe. Auf der Rückseite des Fotos stand in Waylons Handschrift „Ich trage das Bandana für Dich“. Somit sei dieses Album der Erinnerung an Waylon Jennings gewidmet. Erscheinungstermin einen Tag nach Waylons 80. Geburtstag. Maßarbeit!

Und so stampft der Rhythmus der Songs grösstenteils mit immenser Gewalt durch einen von einer Telecaster getriebenen Sound, der noch brachialer ist als der, mit dem Waylon die sanfteren Gemüter am Music Row aufschreckte, damals, als er für sich den Kampf gegen das Business gewann. Hier und da erkennt man ihn dann doch wieder, diesen Steve Earle in all seiner Großartigkeit, mit all seiner Romatik und mit all seinem Einfühlungsvermögen. Und dann erklingt sie, glockenhell, die Stimme des nächsten Gastes. Miranda Lambert weiß ebenso wie Steve Earle, wie der Verlust einer Beziehung sich anfühlt. Bei Miranda ist es Blake Shelton, bei Steve Earle Allison Moorer. So passt es perfekt, wenn sie ihren gemeinsam geschrieben Song „This Is How It Ends“ singen, von Anfang bis Ende zweistimmig, zwei texanische Gesinnungsgenossen, und es ist eines der Highlights dieses Albums.

So wie vermutlich auch in Nashville seinerzeit, geht es auch hier um Liebe, Schmerz, Tod und all die Elemente, die niemand in seinem Leben haben möchte und doch hat. Und erst hier, genau in diesem Augenblick, erschließt sich mir die Verwandtschaft zum Album „Guitar Town“. Es sind nicht die Sounds des Albums, es sind die Geschichten, die Tragödien, der Schmerz, die unbedeutenden, längst vergessenen Protagonisten dieser Songs, die die Verbindung herstellen. Nicht unerwähnt bleiben soll der dritte Gast, ein weiterer Texaner, legendär auch er: Johnny Bush, zusammen mit Willie Nelson, Roger Miller und Johnny Paycheck zu gleicher Zeit Mitglied der Cherokee Cowboys, der legendären Band des legendären Ray Price. Mehr als passend, sich den damaligen Drummer als Gesangspartner bei „Walkin‘ In LA“ an die Seite zu holen, einem Honky Tonk Song im Ray Price Shuffle Beat.

Über den „Sunset Highway“, der der Weg in die Unendlichkeit (oder Endlichkeit?) ist, gelangen wir zur tiefen Verbeugung vor dem wichtigsten Songwriter der Tage in Nashville, in denen Steve Earle „The Kid“ war, und auch der wohl schmerzhaftesten Beerdigung, der er in den letzten eineinhalb Jahren beiwohnen musste: Guy Clark, dem Großmeister unter den Songwritern dieser Zeit. „Goodbye Michelangelo“ ist eine berührende Abschiedsode, jedoch ohne Schmerz, dafür voller Dankbarkeit. Meisterhaft ist hier der Einschub „Oh Susanna don’t you cry“, der, aus dem berühmten Volkslied stammend, gleichzeitig Guy Clarks vor ihm verstorbene Frau Susanna mit in das Bild holt.

Hier endet das reguläre Album, und genau hier hält die Deluxe Version den Blick zurück bereit, mit den Waylon-Krachern „Ain’t No God In Mexico“ vom Album „Honky Tonk Heroes“ aus der Feder von Billy Joe Shaver und „Are You Sure Hank Done It This Way“ vom Album „Dreaming My Dreams“, von Waylon selbst geschrieben, sowie den beiden Willie Nelson Kompositionen „Sister’s Coming Home / Down At The Corner Beer Joint“ vom Album „Phases And Stages“ und „Local Memory“ vom Album „Shotgun Willie“. Damit hat Steve Earle die vier wichtigsten Alben dieser Zeit „zitiert“, eine weitere tiefe Verneigung vor Waylon Jennings und Willie Nelson.

Wenn man so will, bin ich ein glühender Steve Earle „Jünger“ der ersten – nein, nicht Sekunde, sondern Minute! „Guitar Town“, die zweite MCA Single Earles, schlug 1986 bei mir ein wie eine Bombe. Das Album verließ den Plattenteller kaum noch. Und trotzdem habe ich nun doch eine ganze Weile gebraucht, um diesem aktuellen Album auf die Schliche zu kommen. Wenn auch die absoluten Songhighlights im Vergleich zu „Guitar Town“ fehlen, so ist es hier doch die Songdichte (die „Guitar Town“ allerdings auch hatte), die Idee, die großartige Umsetzung, die wohlausgewählten Cover als lebendige Repräsentanten dieser Zeit und der exzellente Text im Albumcover, in dem ich mich reichlich bedient habe. Dieses Album wird seinen Wert nicht verlieren, auch wenn Nashville es vermutlich nicht weiter beachten wird. Ein brandneues Relikt vergangener Tage, mit dem eines der wichtigsten Kapitel der Country Music vielleicht nur für diesen Moment zu neuem Leben erwacht. Diese Chance sollten Sie sich keinesfalls entgehen lassen!

Steve Earle & The Dukes – So You Wannabe An Outlaw: Das Album

Steve Earle - So You Wannabe An Outlaw

Albumtitel: So You Wannabe An Outlaw
Künstler: Steve Earle
Erscheinungsdatum: 16. Juni 2017
Label: Warner Bros. (Warner)
Format: CD & Digital
Tracks: 16
Genre: Country, Americana
Bewertung: 4,5 von 5 möglichen Punkten!

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Trackliste: (Steve Earle & The Dukes – So You Wannabe An Outlaw)

01. So You Wannabe an Outlaw
02. Lookin‘ For A Woman
03. The Firebreak Line
04. News From Colorado
05. If Mama Coulda Seen Me
06. Fixin‘ To Die
07. This Is How It Ends
08. The Girl On The Mountain
09. You Broke My Heart
10. Walkin‘ In LA
11. Sunset Highway
12. Goodbye Michelangelo
13. Ain’t No God In Mexico
14. Sister’s Coming Home / Down At The Corner Beer Joint
15. Local Memory
16. Are You Sure Hank Done It This Way

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Über Bernd Wolf (135 Artikel)
Bernd Wolf gehört zur Country.de-Stammbesetzung und ist Spezialist für "Traditional Country und Americana" sowie anerkannter Johnny Cash-Experte.
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