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Gretchen Wilson (Biografie)

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Niemals in ihrem Leben wird Gretchen Wilson die kühle Novembernacht im Jahr 2003 vergessen, in der sie zum ersten Mal auf der Bühne des legendären Ryman Auditorium in Nashville stand. Es waren nur wenige Minuten in einem leeren Saal, aber für die junge Countrysängerin ging ein Traum in Erfüllung. „Es war eines dieser Erlebnisse, nach denen du am nächsten Tag aufwachst und dich fragst: „Habe ich das geträumt oder ist das wirklich passiert?“ Es war so unwirklich, da zu stehen, wo Stars wie Patsy Cline gestanden haben.“ Ganz leise fing Gretchen schließlich an den Patsy-Cline-Song „If You’ve Got Leaving On Your Mind“ zu singen: „Es war komisch. Der Saal war ganz leer, nur Holzbänke vor mir. Als würde ich vor einem sehr geduldigen Geisterpublikum singen.“

Gretchen Wilson ist geboren und aufgewachsen in Pocahontas, einer nordamerikanischen Provinzstadt mit siebenhundert Einwohnern, sechsunddreißig Meilen östlich von St. Louis, wo Trailer Parks, Felder und Schweinefarmen das Bild bestimmen. Ihre Vorfahren waren zum einen Black Foot-Ureinwohner sowie deutsche Einwanderer. Ihre Mutter war kaum sechzehn Jahre alt, als Gretchen zur Welt kam. Ihr Vater verließ die Familie nur kurze Zeit später. „Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte mehr von der Welt gesehen,“ so Gretchen. „Aber ich bin eigentlich den größten Teil meines Lebens dort in der Gegend gewesen. Es ist kein besonders schöner Ort, eine normale Kleinstadt wie viele andere auch. Ich fühl mich sehr wohl dort, es ist mein Zuhause. Die Gesichter, in die ich dort blicke, das sind die meiner Leute. Wenn ich woanders bin, fühlt es sich fremd an. Dort ist meine Heimat.“

Gretchen WilsonWann immer das Geld nicht mehr für die Miete reichte, packte die kleine Familie ihre Sachen und suchte sich einen neuen Trailer. Gretchen war früh fasziniert von Sängerinnen wie Tanya Tucker, Loretta Lynn und natürlich Patsy Cline. Viele Sommernachmittage verbrachte sie mit ihrem Bruder und ihrem Onkel Vern im Schlafzimmer ihrer Großmutter auf dem Fußboden sitzend während Patsy Clines „Crazy“ lief. Ihre Großmutter weckte das Interesse an der Musik, ihrem Vater hatte sie das Gesangstalent zu verdanken. „Man hat mir erzählt, dass seine Familie als Gospelband auf Reisen ging.“

Mit fünfzehn zog Gretchen schließlich aus und nahm einen Job in einer Bar an. 1996 beschloss sie, nach Nashville zu ziehen. Sie arbeitet dort zunächst wieder in einer Bar – in der „Bourbon Street Blues & Boogie Bar“ in der Printers Alley. Das war nicht der Neuanfang, den sie sich vorgestellt hatte, aber der Job war immer noch besser als die Alternative, nämlich aufzugeben und zurück nach Hause zu fahren.

Die Jahre vergingen und Gretchen war inzwischen Mutter einer Tochter geworden. Und dann, an einem denkwürdigen Freitagabend, nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung. Die Songwriter Big Kenny und John Rich, besser bekannt als Big & Rich“, kamen als Gäste in die Bar und hörten Gretchen einige Stücke mit der Hausband singen. „John kam nach dem Auftritt zu mir an den Tresen, er trug einen Trenchcoat und einen Cowboyhut, und sagte: „Hey, warum hat jemand wie du noch keinen Plattenvertrag?“. Ich schaute ihn nur abschätzig an, knallte ihm meine Visitenkarte und ein Demoband hin und sagte: „Ich habe zu arbeiten.“ Monatelang versuchte John, mit ihr Kontakt aufzunehmen und monatelang ignorierte Gretchen seine Anrufe, bis sämtliche Freunde sie drängten: „Ruf ihn an. Vielleicht kann er dir helfen.“ Und John konnte ihr tatsächlich helfen. Er stellte sie seinen Freunden vor und führte sie in die Songwriter-Community von Nashville ein. Gretchen wurde Teil der Muzik Mafia, einer losen Gruppe von befreundeten Sängern, Musikern und Songwritern.

Gretchen schrieb an die achtzig Stücke, häufig gemeinsam mit John. „Wir sind wie Bruder und Schwester,“ sagt sie. „Wenn wir uns hinsetzen, um einen Song zu schreiben, geht das fast wie von alleine. Er kennt mich so gut, dass es fast ist, als würde ich mit mir selbst schreiben. Er weiß, wer ich bin und was ich sagen möchte.“ Und Gretchen hat einiges zu erzählen. Seit Loretta Lynn oder Dolly Parton haben nur wenige Künstlerinnen ihr Leben und ihre Herkunft so offen und ehrlich in ihren Stücken geschildert wie Gretchen Wilson. „Was ich tue, ist nicht neu,“ sagt sie. „Es ist nicht perfekt und es ist bestimmt nicht glamourös.“ Und sie fährt fort: „Ich hatte hier lange zu kämpfen. Ich wurde so häufig abgelehnt und weggeschickt. Und jetzt habe ich es endlich geschafft.“

Wilson kam bei Sony Music in Nashville unter Vertrag und deren Labelchef John Grady war begeistert von ihr: „Selten war ich so überzeugt von einer Künstlerin. Sie ist keine Faith Hill und sie ist keine Shania Twain, aber sie spricht einer Mehrheit der US-Bevölkerung aus dem Herzen, die lange keine Stimme hatte.“ Gretchen und John Rich hatten es geschafft – und im November 2003 feierten sie Gretchens Plattenvertrag im Stadtzentrum von Nashville mit einer feucht-fröhlichen Kneipentour. John ging zum Seiteneingang des Ryman Auditorium und verkündete feierlich: „Eines Tages wird diese Tür sich für dich öffnen.“ Er gab der Tür einen Stoß und sie öffnete sich tatsächlich. Zögernd betraten die Beiden den menschenleeren Saal. Auf der Bühne stand eine akustische Gitarre auf einem Ständer mit einem zwischen die Saiten geklemmten Plektrum. „Ich zögerte,“ sagt Gretchen. „Ich versuchte, mir klarzumachen, wo ich war. Und dann beschloss ich, dass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen durfte.“ Es war ein Uhr morgens und John nahm die Gitarre und stimmte den ersten Akkord an. „Der Saal war verlassen,“ sagt sie. „Aber trotzdem kam es mir vor, als sänge ich für ein Publikum voll wichtiger Menschen. Hier stand ich, an der selben Stelle wie so viele legendäre Country-Musiker vor mir. In diesen zweieinhalb Minuten hielt ich die Augen geschlossen und sog die Einzigartigkeit des Augenblicks in mich auf. Der Hausmeister ließ mich netterweise zu Ende singen, bevor er uns bat, den Saal zu verlassen.“

Die Sängerin mit der genialen Stimme hat bis zum heutigen Tag drei Studioalben veröffentlicht. „Here For The Party“ (2004), „All Jacked Up“ (2005) und „One Of The Boys“ (2007). Die beiden ersten Alben verkauften sich prächtig und gingen einige Millionen Mal über den Tresen. Doch beim dritten Silberling ging’s nicht so flott weiter. Nicht einmal mehr Goldstatus wurde erreicht. Woran es letztendlich lag, kann niemand mit Sicherheit sagen. Jedoch waren die Country-DJs von den ausgekoppelten Single’s nicht besonders angetan. Womöglich einer der Gründe, warum man „One Of The Boys“ als Flop bezeichnet. Allerdings nicht musikalisch, denn das Album hat einige prächtige Songs (u.a. das Duett mit John Rich) und hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

   
One Of The Boys
CD: „One Of The Boys“
Erscheinungsdatum: 2007
Label: Sony BMG

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Trackliste:

01. The Girl I Am
02. Come To Bed – mit John Rich
03. One Of The Boys
04. You Don’t Have To Go Home
05. Heaven Help Me
06. There’s A Place In The Whiskey
07. If You Want A Mother
08. Pain Killer
09. There Goes The Neighborhood
10. Good Ole Boy
11. To Tell You The Truth

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Über Dirk Neuhaus (812 Artikel)
Chef-Redakteur. Fachgebiet: Traditional Country, Bluegrass. Rezensionen, News, Specials.