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Tom T. Hall: Alles beginnt mit einem Song

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Als vor einigen Jahren die Nachricht die Runde machte, Tom T. Hall habe sich aufs Altenteil zurück gezogen und wolle das Leben als Pensionär genießen, konnte ich das nicht recht glauben. Dazu hatte ich diesen ungewöhnlichen Künstler als viel zu ideenreichen und aktiven Menschen kennen gelernt. Dass ausgerechnet er daheim auf dem Sofa sitzen und Bücher lesen sollte oder er seinen Blumengarten pflegen würde – völlig undenkbar.

Schon bald relativierte sich dann die Nachricht auch. Tom T. Hall zog sich aus dem stressigen aktuellen Music Business zurück, er wollte nicht mehr auf Tournee gehen, sich nicht mehr dem Konkurrenzkampf um Hits stellen, es ganz einfach ruhiger angehen lassen. Er hat Wort gehalten. Und die Zeit dazu genutzt, das zu tun, woran er Freude hat. Also schreibt er weiter Lieder und Bücher, nimmt gelegentlich auch noch selbst Songs auf und gibt ansonsten jungen Musikern – vor allem der Bluegrass Music – die Chance, ihr Talent zu beweisen. Höchst erstaunlich und vor allem erfreulich, was da so in den Hall eigenen Studios entsteht, fernab allen Kommerzes.

Tom T. HallZur Seite steht ihm dabei seine langjährige Ehefrau Dixie Hall. Dass Beide ihre langjährige und so mannigfache Erfahrung auf diese Weise selbstlos weiter geben, ist ein Glücksfall für die Tradition der Country- und Bluegrass Music. Während Tom T. Hall in der Regel im Blickpunkt stand und steht, bleibt seine in England geborene Ehefrau lieber im Hintergrund. Auch sie hat eine ganze Reihe von Songs geschrieben, die in den Charts auftauchten.

Einen „singenden Reporter“ nannte man ihn, der beinahe 20 Jahre lang die Country Music auch als Sänger mit Hits versorgte und noch viel länger Songs schreibt, wie es sonst kein anderer tut. Lieder, die das Leben eins zu eins reflektieren, Lieder, die er überall aufgabelt und für die er sich immer wieder einfach unter’s Volk gemischt hat. Doch lassen wir ihn am besten selbst über sich und sein Leben erzählen.

„Am 25. Mai 1936 bin ich im kleinen Olive Hill in Kentucky geboren. Vater war Baptisten-Prediger, ich war eines von 9 Kindern daheim. Fünf Jungs und 4 Mädel. Aufgewachsen bin ich mit Musik, daheim wurde gesungen und gespielt, was das Zeug hielt. Ich hatte eine interessante Kindheit. Mein Bruder Quinton spielte Harmonica und Jack die Gitarre. Ich war jünger als sie und wollte es ihnen gleich tun, deshalb schnappte ich mir ihre Instrumente wann immer es Gelegenheit dazu gab und übte damit.“

Ob er damals schon den Drang hatte, Lieder zu schreiben, wollte ich wissen. „Wie ich Songschreiber wurde?“, Hall grinst, den Schalk in den Augen. „Mit 4 Jahren habe ich begonnen, die Gitarre zu lernen. Ich legte sie auf einen Stuhl und versuchte, etwas zu spielen. Mit 9 besuchte ich unsere Nachbarn, ein junges Ehepaar. Sie hatten gerade Streit, sie sagte zu ihm, sie würde zu ihrer Mutter zurück gehen. Und er fragte sie, ob er nicht gut zu ihr gewesen sei. Ich dachte, das ist ein guter Titel für einen Country Song. Ich ging heim, nahm die Gitarre und schrieb mit 9 meinen ersten Song, den ich „Haven’t I Been Good To You“ nannte. Ein schöner Song übrigens.“ Hall hat ihn später selbst auch aufgenommen. Schon in diesem Kindesalter offenbarte sich das Talent, Ohren und Augen offen zu halten und Hinweise aufzunehmen, die der Alltag ständig liefert.

Bis zum ersten Song, der aufgenommen wurde, war es noch ein weiter Weg. Als er 11 war starb seine Mutter. Vier Jahre später wurde sein Vater bei einem Jagdunfall so schwer verletzt, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Hall verließ die Schule, um Geld für den Unterhalt zu verdienen. Er bekam einen Job als Arbeiter in einer Textilfabrik. Und er gründete mit den Kentucky Travelers seine erste eigene Band. Die Band spielte u.a. bei einem lokalen Sender in Morehead, Kentucky. Hall schrieb Jingles für den Sender und blieb als Discjockey dort, nachdem die Gruppe zerbrach, weil die anderen Musiker in den Koreakrieg gingen. 1957 kam auch Tom T. Hall zur Army. Zeitweise war er in Deutschland stationiert. Ausgerechnet in dieser Zeit holte er sein Highschool-Diplom nach. Die Abende waren der Musik vorbehalten, in den NCO Clubs bekam er reichlich Gelegenheit, eigene Songs vor Publikum zu testen.

Nach der Entlassung 1961 ging er nach Roanoke in Virginia, wo er Journalismus studierte. Hall: „Ich war DJ bei einem Sender in Salem, um das Studium zu finanzieren. Ich schrieb Jingles für den Sender und auch Songs. Eines Tages kam ein Mann aus Nashville, der den Sender betreute. Da er auch Songs schrieb, sangen wir uns gegenseitig unsere Werke vor. Er nahm Songs von mir mit nach Nashville, bald darauf schrieb mir der Verleger Jimmy Key und fügte einen Vertrag bei. Das war 1962. Damit waren meine Songs urheberrechtlich geschützt und konnten Sängern angeboten werden. Es war Jimmy C. Newman, der mein „D.J. For A day“ aufnahm. Damit wurde ich erstmals als Autor auf einer Platte verewigt. Am 1. Januar 1964 bin ich dann nach Nashville gegangen.“ Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Dave Dudley mit Hall’s „Mad“ in die Top Ten vorstieß – beide wurden Freunde fürs Leben und haben für so manchen Streich gesorgt, über den man sich heute noch in der Szene amüsiert.

Der erste No. 1-Song aus dem Gedankengut des Tom T. Hall war dann 1965 „Hello Vietnam“ mit Johnny Wright. Hall hatte sich bis dahin ganz auf das Schreiben von Songs konzentriert. Erst 1967 entdeckte man ihn auch als Sänger. Wieder Hall: „Ich hatte Songs für Bobby Bare, Dave Dudley, Faron Young geschrieben. Auch andere Stars griffen zu, Burl Ives zum Beispiel. Als Songschreiber hatte ich schon einen guten Ruf. Jerry Kennedy holte mich dann zu Mercury. Wir nahmen ein ganzes Album auf, meine erste Single hieß „I Washed My Face In The Morning Dew“ und kam in die Top 20.“ Über 50 Singles von Hall sind in den Top 100 zu finden, darunter auch 7 Spitzenplätze für „A Week In A Country Jail“ (1969) – „The Year That Clayton Delany Died“ (1971) – „Old Dogs Children And Watermelon Wine“ (1972) – „I Love“ (1973) – „Country Is“ – „I Care“ (beide 1974) und „Faster Horses“ (1976). Allein die Titel dieser Songs sagt etwas darüber aus, welche Inhalte er sich aussucht.

Wesentlich auf ihn als Sänger aufmerksam gemacht hatte 1968 ein Song, der zum Eckpfeiler seiner Karriere werden sollte: „Harper Valley P.T.A.“ Damit wurde die bis dahin unbekannte Jeannie C. Riley zum Star – die CMA wählte die Aufnahme zur Single des Jahres. Weitere bemerkenswerte eigene Songs und Hits wurden für Hall „Salute To A Switchblade“, „How I Got To Memphis“, „Your Man Loves You Honey“, „I Like Beer“, „The Monkey That Became President“ oder „Me And Jesus“. Songs Marke Tom T. Hall zeichnen sich durch eine direkte, klare Aussage aus. Nicht selten voller Ironie, Satire oder auch Poesie. Oder speziell für Kinder geschrieben (und für im Herzen jung gebliebene Erwachsene). Schon während seiner aktiven Zeit als Sänger begann Hall damit, Romane, Novellen und Kurzgeschichten zu schreiben. Mindestens neun solcher literarischen Werke sind bis heute von ihm veröffentlicht worden.

Tom T. Hall hat natürlich auch menschliche Höhen und Tiefen durchleben dürfen bzw. müssen. Ehefrau Dixie war ihm dabei – wie schon erwähnt – bis heute eine stets wertvolle Partnerin und Stütze. Nicht ohne Stolz, Respekt und Dank nennt er sie liebevoll „Miss Dixie“. Nach den Höhepunkten seines Lebens gefragt, einmal abgesehen davon, dass er seine Miss Dixie hat kennen lernen dürfen, sagt Hall: „Meine Freundschaft mit dem ehemaligen Präsidenten Jimmy Carter und im Weißen Haus auftreten zu können. Damals war der italienische Premierminister zu Gast. Miss Dixie und ich haben die Nacht im Weißen Haus verbracht. Auf dem Bett von Abe Lincoln zu sitzen, ein Bier zu trinken und darüber nachzudenken, wie weit einen ein wenig Singen und Musizieren bringen kann, das war ein Höhepunkt.“

Ein Mann wie Hall, der eines seiner Hobbys zum Beruf gemacht hat, vertreibt sich gern auch mit anderen Dingen die Zeit: „Ich habe eine Menge Hobbys, denen ich nachgehe, solange sie meinen Beruf nicht stören. Ich bin leidenschaftlicher Farmer. Ich habe zwei eigene Farmen, mache mein eigenes Heu, züchte Pferde, Vieh und Hühner – auch Gemüse baue ich an. Dazu spiele ich gern Golf, gehe zur Jagd und angele. Ich lese viel und schreibe aus Hobby Bücher – auch für Kinder“ Das sagte er mir in den 1980er Jahren – und fügte an: „Wenn ich nicht mehr selbst die Farmarbeit machen kann und nicht mehr als Musiker unterwegs bin, wird darin wohl meine Zukunft liegen. Ich will in Zukunft kürzer treten, man lädt mich jetzt schon zu Vorlesungen ein. Dazu brauche ich weder eine Band noch einen Bus. Ich glaube, ich habe in den letzten 20 Jahren oder mehr nicht unbedingt auf die Gesundheit geachtet – das soll sich ändern.“

Er hat sich an den eigenen Vorsatz gehalten – wie eingangs schon angedeutet. Es bereitet ihm und seiner „Miss Dixie“ Riesenspaß, sich mit jüngeren, talentierten Künstlern zu beschäftigen. Dazu haben sie eigens den Musikverlag und das Label „Good Old Homegrown Music“ gegründet – hier ist der Name gleichzeitig Programm. Er deutet an, um welche Art von Musik sich die Hall’s tatkräftig kümmern. Er ist damit zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Es ist ihm und der Musikszene zu wünschen, dass ihm dazu noch viele weitere Jahre zur Verfügung stehen. Für sein Lebenswerk wurde ihm 2008 die besondere Ehre zuteil, in die Country Music Hall of Fame aufgenommen zu werden.

Als ich ihn fragte, als was man ihn in Erinnerung halten sollte, wenn er dereinst von der großen Bühne abgetreten sei, meinte er mit seinem typischen hintergründigen Lächeln: „Ich möchte als Erzähler in Erinnerung gehalten werden. Mein Vater war ein glänzender Erzähler. Ich meine, es ist eine ehrenwerte Sache. Geschichten zu erzählen, das macht mir Spaß. Ich habe in all den Jahren manche gute Story gehört, auch selbst reichlich von mir gegeben. Deshalb wäre mir dieses Prädikat schon recht. Man muss mit einer Geschichte bei der Wahrheit bleiben, muss sie erzählen, ohne Wertungen vorzunehmen, ohne zu urteilen. Einfach nur eine Geschichte erzählen, der Menschen zuhören.“

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