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Tennessee Ernie Ford: Hillbilly, Gentleman und amerikanische Institution

Tennessee Ernie Ford war der erste Crossover-Star der Country Music: Unser großes Special.

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Vor 20 Jahren, am 17. Oktober 1991, starb Tennessee Ernie Ford. Ford war ein erstaunlicher Künstler, der in seiner Heimat im Süden der USA und in der Country Music verwurzelt war, aber gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz der „Hinterwäldler-Musik“ im Popgeschäft und bei den Musikhörern im Norden leistete.

Ernie war der erste Crossover-Star des Country, und vor Johnny Cash, der erste Countrymusiker, der eine TV-Sendung moderierte, die landesweit ausgestrahlt wurde. Wie aus einem Hillbilly aus Bristol, Tennessee, ein Gentleman und schließlich eine musikalische amerikanische Institution wurde, zeichnet Country.de-Autor Thomas Waldherr in seinem Special nach.

Tennessee Ernie Ford

Tennessee Ernie Ford war ein Phänomen. Er war ausgebildeter Bass-Bariton und sang als Countrymusiker die Volkslieder seiner Heimat im tiefen Süden der USA. Er konnte sowohl den Hinterwäldler in Latzhose und kariertem Hemd als auch den Gentleman mit Anzug und Krawatte geben. Und er konnte musikalisch überzeugend seine Stimme sowohl über die traditionelle Fiddle und Banjo-Instrumentierung, als auch über das zeitgenössische Pop-Arrangement legen. Ein Hillbilly-Gentleman eben. Der am Ende die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten erhielt.

Durchbruch mit „Sixteen Tons“

Ernie wurde als Ernest Jenning Ford am 13. Februar 1919 als Sohn von Clarence Thomas Ford and Maud Long in Bristol, Tennessee, geboren. Jenem Bristol, Tennessee, dem die Welt das Big Bang der Country Music zu verdanken hat, als Ralph Peer bei einer Audition Jimmie Rodgers und die Carter Family entdeckte.

Ernie begann schon als kleiner Junge zu singen und war nach seinem High School Abschluss Sprachenstudent am Virginia Intermount College. Dort fiel bald seine sonore Stimme auf und man vermittelte ihn zu WOPI, einem regionalen Radiosender im Nordosten Tennessees. 1939 begann er dann eine klassische Gesangsausbildung auf dem Cincinnatti Konservatorium für Musik in Ohio. Von dort aus trat er dann in die Armee ein und war im 2. Weltkrieg Bomberpilot über Japan. Nach Kriegsende stand dann aber seiner Radio-, Fernseh- und Gesangskarriere nichts mehr im Wege.

Ernies gepflegte Erscheinung hob sich doch entscheidend ab von so manchem von den Bewohnern des Nordens als vierschrötig empfundenen Countrysängern der Opry oder des Louisiana Hayride. Und doch war es genau so eine Figur, die ihm den ersten großen Ruhm, nach lokaler Bekanntheit in regionalen TV- und Radiostationen sowie einigen Nummer 1-Hits in den Country-Charts, einbrachte. Als „Cousin Ernie“ hinterließ er 1954 in drei Folgen der Serie „I Love Lucy“ großen Eindruck. Es zeigte seine enorme Wandlungsfähigkeit. Im selben Jahr hatte er mit dem Titelsong zu dem Robert Mitchum/Marylin Monroe-Film „River Of No Return“ bereits einen Pophit, der schon die Vorankündigung dessen war, was noch kommen sollte.

Denn das Folgejahr 1955 sollte sein bislang erfolgreichstes werden und der endgültige Durchbruch zu landesweitem Ruhm sein. Zuerst erreichte er mit der „Ballad of Davy Crockett“ einen vierten Platz in den Country-Charts, um dann den Song einzuspielen, der zu seiner Signatur werden sollte. Die damals bereits fast zehn Jahre alte Merle Travis Nummer „Sixteen Tons“ über das Schicksal einer armen Bergarbeiterfamilie wurde mit einem poporientiertem Gospelarrangement, rhythmischem Fingerschnippen und einer unwiderstehlichen Klarinetten-Figur zum Lamento-Ohrwurm aufgepeppt und Ernie war ein gemachter Mann und der erste Crossover-Star des Country. 10 Wochen war die Nummer auf der Pole-Position der Country-Charts, acht Wochen die Nummer 1 der Pop-Charts.

Der Hillbilly-Gentleman wird zum Fernsehstar

Auf der Grundlage dieser Popularität bekam Tennessee Ernie Ford als erster Country Musicer eine landesweite, von NBC ausgestrahlte Fernsehshow. Sie hieß „The Ford-Show“. Allerdings nicht nach ihm benannt, sondern nach dem Sponsor, den Automobilwerken. Fast fünf Jahre lang – von Oktober 1956 bis Juni 1961 – war sie auf Sendung. Sie hatte eine immer wieder gleiche Struktur von Soloauftritten Fords, einem oder mehreren Gaststars sowie einem Gospel, der Sendung abschloss. Zu diesem Zweck ließ sich Ernie von einem Chor begleiten.

Seine Gäste waren sowohl Country-Stars wie Minnie Pearl aus der Grand Ole Opry, als auch Popkünstler wie Tony Bennett oder Liberace. Ein Gast jedoch fiel ziemlich aus dem Rahmen. Im März 1960 hatte der Südstaatler Tennessee Ernie Ford mitten in der Zeit von Bürgerrechtsbewegung und Rassenunruhen im Süden der USA die Folksängerin und Bürgerrechtsaktivistin Odetta in seiner Sendung. Und die setzte noch einen drauf, als sie mit „Pastures Of Plenty“ einen sozialkritischen Song des Kommunisten Woody Guthrie spielte. Zusammen sangen Ernie und Odetta dann noch einen Gospel und den komödiantischen Song „The Liar“ von Tommy Makem. Ford wusste genau, dass dies ein Teil seines Publikums nicht goutieren würde. Ford ging hier volles Risiko und gewann. Er war mit Anfang Vierzig auf der Höhe seines Ruhms.

1962-65 war er dann Gastgeber der „Tennessee Ernie Ford-Show“, die von ABC landesweit übertragen wurde und Ernie wurde zu dieser Zeit eine feste Institution, die wie andere geschrieben haben, „landesweit in den Wohnzimmern der Amerikaner ein gern gesehener Gast war“. Seine Plattenkarriere trieb er aber auch weiter voran, und widmete sich ganz besonderen Projekten. Er brachte zwei Gospel-Alben heraus, von denen eines sogar mit einem Grammy bedacht wurde. 1963, fünf Jahre vor Johnny Cashs Auftritt und Live-Album „At Folsom Prison“, veröffentlichte er mit „We Gather Together“ die erste in einem Gefängnis entstandene Plattenaufnahme. In San Quentin ließ er sich vom Gefängnis-Chor begleiten. Er nahm weitere Gospel, ein Album mit Liedern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und ein Weihnachtsalbum auf, verlor aber nie die Bindung an die Country Music.

Rückzug, Comeback und späte Ehrungen

Ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre zog er sich aus dem großen Rampenlicht etwas zurück, andere Künstler drängten in Pop und Country nach vorne und Ford konzentrierte sich ganz auf die Gospelmusik. Erst 1975 gelang ihm ein veritables Comeback mit dem Album „Ernie Sings and Glen Picks“, das er zusammen mit Glen Campbell einspielte. Es war ein lupenreines Country-Album und sein Erfolg untermauerte seinen Status als „Elder Statesman“, doch die ganz großen Erfolgszeiten waren vorbei.

Ob das auch damit zusammenhängt, dass Earnie und seine Frau Betty Zeit ihres Lebens große Alkoholprobleme hatten, ist spekulativ. Ford war dem Whisky sehr zugetan und in späteren Jahren hatte das auch durchaus Einfluss auf seine Stimme. Nach dem Tod seiner Frau Betty 1989, mit der er seit 1942 verheiratet war und zwei Söhne – Jeffrey Buckner „Buck” Ford und Brion Leonard Ford – hatte, heiratete er nur vier Monate später Beverly Wood. Letzte Höhepunkte erlebte Ernies Karriere 1984, als er im März von Präsident Ronald Reagan die „Presidential Medal of Freedom“, die höchste zivile Auszeichnung der USA bekam und 1990, als er in die „Country Music Hall Of Fame“ aufgenommen wurde. Nur ein Jahr später starb er kurz nach einem Abendessen im Weißen Haus mit Präsident George Bush Sen. an Leberversagen.

Die Bedeutung von Tennessee Ernie Ford für die Verankerung der Country Music im populären Kanon der amerikanischen Musik kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sein Habitus und seine Stimme sprachen auch die Musikkonsumenten des Nordens an, seine Herkunft und seine Südstaaten-Authenzität blieben davon aber stets unberührt. Ein ganz großer seiner Zunft ist vor zwanzig Jahren gestorben. Wer Country Music mag, sollte mal wieder eines seiner Alben hören.

Eine gute Zusammenstellung seiner „weltlichen“ Werke bietet die 3-CD Box Greatest Hits And Favorites, eine schöne Sammlung von Gospelsongs enthält die CD Old Time Religion.

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Über Thomas Waldherr (516 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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