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Eric Church begeistert in Hamburg

Eric Church am 3. März 2016 in Hamburg (Gruenspan) zu Gast. Im Vorprogramm Andrew Combs.

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Truck Stop 2019
Eric Church (Hamburg, Gruenspan) Eric Church: Bildrechte, Bernd Wolf

Vorbemerkung: Bernd Wenserski

Als Country-Rocker Eric Church vor fast genau zwei Jahren seine Deutschland-Premiere feierte, galt der hiesige New-Country-Markt bei den Stars der US-Szene weitgehend als „terra incognita“. Den umjubelten Auftritten des Sängers aus North Carolina folgten Gastspiele von Luke Bryan, Brantley Gilbert und Darius Rucker, die sich in ihrem Heimatland allesamt als Nr.1-Künstler etablieren konnten. Just in diesem Jahr haben mit Chris Stapleton, Frankie Ballard und Sam Hunt weitere Superstars der Szene ihren Besuch angekündigt. Ist der deutsche New-Country-Markt für die kreative Mischung aus Country mit Rock, Pop und R&B-Anteilen nun doch empfänglich?

Wer die Stimmung und den positiven Draht zwischen Bühne und Publikum bei den genannten Konzerten wahrgenommen hat, darf getrost zu dem Schluss kommen, dass das Eis mittlerweile gebrochen ist. Ja, auch der New Country gehört mittlerweile zu Deutschland! Der lebende Beweis dafür ist, dass der in den Staaten zum Kultstar aufgestiegene Eric Church nun zurückgekehrt ist.

Church ist ein kritischer Geist, der stur jenseits des gängigen Countryklischees seinen Weg geht und sich wohltuend gegen das verkrustete Nashviller Establishment auflehnt. Nein, wir hören keinen Country in Reinkultur, es sind die innovativen Elemente des Rock, gepaart mit dem Geist der großen Singer-Songwriter, die eine besondere Wirkung entfalten. Das deutsche Publikum hat diese Botschaft am 3. März im Hamburger Gruenspan vorbehaltlos verstanden und wurde so Zeuge eines der eindrucksvollsten Modern-Country-Konzerte auf deutschem Boden…

Konzertbericht: Bernd Wolf

Einige Country-Stars aus den USA waren und sind in diesem Jahr in Hamburg live zu sehen. Diese Tatsache ist sehr zu begrüßen, bereichern diese Konzerte doch das Gesamtangebot an Live-Musik in Deutschland und lenken die Aufmerksamkeit der hiesigen Medien hoffentlich auf diese Künstler.

So gastierte nun Eric Church am 3. März im Hamburger Club „Gruenspan“ auf der Großen Freiheit. Drei Nightliner, die vor oder in der Nähe des Clubs geparkt waren, wiesen klar darauf hin, dass hier ein „größerer“ Act zu Gast war. Und so war es ja auch, ist doch Eric Church seit einigen Jahren ein Mitglied der „ersten Liga“ in Nashville.

Bevor der von mir sehnlichst erwartete Star des Abends jedoch die Bühne betrat, durfte zunächst der junge Texaner Andrew Combs seine Musik mit einem kurzen Set dem Publikum vorstellen. Moderne, druckvolle Country Music präsentierte der junge Mann, der zusammen mit seiner guten Band die Fans zu begeistern wusste. Sein aktuelles Album „All These Dreams“ werden wir in den nächsten Tagen hier vorstellen.

Nach einer Umbaupause betrat dann Eric Church mit seiner exzellenten Band die Bühne. Mit „Knives Of New Orleans“ von seinem aktuellen Album „Mr. Misunderstood“ eröffnete er sein ca. 100-minütiges Konzert. Dieser Song machte sofort klar, was uns alle erwarten würde: erstklassige Musik von einem gut gelaunten Songwriter und Performer. Nach „Cold One“ vom Album „The Outsiders“ kam dann ein von mir mit großer Vorfreude erwarteter Kracher: „Creepin'“ von seinem Album „Chief“.

Bereits jetzt soll nicht unerwähnt bleiben, daß nicht nur Eric Church und seine Band, sondern auch seine gesamte Crew einen erstklassigen Job verrichten, Abend für Abend. Für (fast) jeden Song gibt es frisch gestimmte Gitarren, nicht nur für Eric Church, sondern auch für die anderen Gitarristen und oft auch den Bassisten, ein Umstand, der ein solches Konzert qualitativ deutlich nach vorne bringt und Pausen eliminiert. Jeff Hyde, Co-Autor einiger Hits von Eric Church (u.a. „Cold One“, „Springsteen“ und „Record Year“, die aktuelle Single), bekam für „Creepin'“ denn auch eine Resonatorgitarre. Überhaupt Jeff Hyde: Er steht deutlich sichtbar, aber dann doch weitestgehend regungslos auf der Bühne, präsentiert sich als Multi-Instrumentalist und spielt jeden einzelnen Ton prägnant und sauber auf den Punkt. Dazu singt er perfekte Backings. Großartig!

Es handelt sich hier auch nicht um „Star plus Band“, sondern um eine verschworene, perfekt eingespielte Einheit. Die beiden erstklassigen Gitarristen Driver Williams und Jeff Cease, der erwähnte Jeff Hyde an Akustikgitarre, Banjo, E- und A-Mandoline und Resonatorgitarre, Lee Hendricks am Bass, der großartige Craig Wright an den Drums und Joanna Cotten, auf die wir noch näher eingehen werden, an Duett- und Backing Vocals harmonieren perfekt mit ihrem „Chief“. Zusätzlich muß auch gesagt werden, daß Jeff Cease, Lee Hendricks und auch Joanna Cotten teilweise die beiden auf der Bühne vorhandenen Keyboards mitbedienen. Eine superflexible Band ist das, und es ist völlig klar, wie unter Federführung und Mitwirkung von Jay Joyce die Alben von Eric Church entstehen, nämlich als Bandprojekt.

„Drink In My Hand“ folgte sodann und riß endgültig die bereits tobenden Zuschauer mit. Mit insgesamt je sechs Songs von den Alben „Mr. Misunderstood“, „The Outsiders“ und „Chief“ zeigte Eric Church deutlich, daß er es sehr ernst meint mit seiner Meinung zur Evolution seiner Musik, von Album zu Album. „The Outsiders“ ist keine Masche, nicht aufgesetzt, sondern Programm. Konventionen sind ihm zuwider, Kreativität, musikalische und stilistische Freiheit sind seine Welt. Damit steht er deutlich im Fahrwasser von Waylon Jennings. Von „… I’m wishing Lord that I was stoned“ 1970 bei Johnny Cash und Kris Kristofferson und „Are You Sure Hank Done It This Way“ von Waylon Jennings zu „Lot A Boot Left To Fill“ und „Smoke A Little Smoke“ bei Eric Church. Unbequeme und politisch vielleicht nicht korrekte Dinge werden an- und ausgesprochen.

Und natürlich „Mr. Misunderstood“. Ein Raunen geht durch das Publikum, als er den Titelsong seines aktuellen Albums einleitet. Nein, das ist alles hier nicht aufgesetzt, vorgeschrieben, industriekonform. Das ist authentisch, pumpt, atmet, lebt, begeistert, und löst Emotionen aus. Natürlich auch bei mir, und dafür bin ich hier. Was seine Alben mir deutlich suggerierten, bestätigt Eric Church mit jeder einzelnen Note: Er ist „the real deal“. Er setzt sich über Konventionen, Forderungen der Musikindustrie und stilistische Grenzen und Begrenzungen hinweg, und das ist genau richtig so! Und er schafft es tatsächlich, das in „Springsteen“ beschriebene und von ihm ausgiebig verwendete Phänomen umzusetzen: eine Melodie ruft eine Erinnerung hervor.

Er spielt sich von Song zu Song, und seine Botschaft wird immer deutlicher. Wenn man ihn beobachtet, mit welcher Energie er bei der Sache ist, wie er mit dem ganzen Körper singt und seine Emotionen in jeden Song, in jede Zeile, in jedes Wort wirft, dann wird klar, daß hier nichts aufgesetzt sein kann. Der eine oder andere Country Music Liebhaber wird bei dem Song „That’s Damn Rock’n’Roll“ ob des Arrangements und der musikalisch sehr harten Gangart sicherlich die Nase rümpfen, aber auch hier geht es um die Botschaft: Nicht der ausgestreckte Mittelfinger auf einem T-Shirt, sondern der Mann, der dem Establishment, der Musikindustrie diesen Finger zeigte, das ist Rock’n’Roll! Es geht nicht um die Einkünfte aus einer verkauften CD, sondern darum, es auch kostenlos zu tun, weil es in deiner Seele lebt. Das gilt im Übrigen auch genreübergreifend, für jede Musik!

Diese Aussagen sind für den Protagonisten des Abends keine leeren Worte, sondern seine Einstellung. Dafür steht er, das spürt man, das sieht man, das hört man. Übrigens war die Performance von „That’s Damn Rock’n’Roll“ ein Duett mit der großartigen Joanna Cotten, die als erste Zugabe auch das wunderbare Duett „Mixed Drinks About Feelings“ vom neuen Album mit Eric Church sang. Ein Highlight jeder Eric Church Show ist natürlich „These Boots“, die grandiose Geschichte über das, was ein paar Stiefel erlebt haben, wohin sie ihren Besitzer getragen haben, welche Fehler sie mittragen mussten. Natürlich sang er diesen Song vor einer großen Zahl hochgehaltener Stiefel, von denen er später einige signierte. Und auch den Vater sah man ihm deutlich an, war doch der Stiefel, den er anschaute, ein Kinderstiefel. Und auch hier spürte man menschliche Wärme und Authenzität.

Er erfüllte Publikumswünsche, teilweise merkte man ihm an, wieviel Energie er in jeden Song packte. Er pustet zum Teil kräftig durch nach einem Song und gibt dem Publikum alles. Natürlich stellte er seine neue Single „Record Year“ vor, ein weiterer großartiger Song, der einmal mehr deutlich demonstrierte, wie gut die Band ist, denn diese Truppe braucht keine faulen Tricks aus dem Mischpult. Im Gegenteil, denn Jeff Cease benutzte als Shaker eine mit Münzen gefüllte Jack Daniel’s Flasche.

Und dann „Springsteen“. Ein seltsames Gefühl beschlich mich, denn so sehr ich auf diesen Song gewartet hatte, so klar war mir auch, daß es danach höchstens noch Zugaben geben würde, denn dieser Hit ist der Abschluß eines jeden Eric Church Konzertes. Zum wiederholten Mal sang die Halle mit. „Born To Run“, „I’m On Fire“ oder eine andere Springsteen-Hymne ließ sich nicht einbauen, denn der Chor des Publikums wollte nicht leiser werden. Mit der bereits erwähnten Zugabe und „The Outsiders“ als Abschluß endete ein großartiges Konzert, das mich immer noch begleitet. Und ja, diese Melodien werden jetzt immer wieder Erinnerungen an dieses Konzert auslösen, das Beste, das ich seit langer langer Zeit gesehen habe.

Auch vom zweiten Deutschlandkonzert in München, zwei Tage nach Hamburg, hört man von begeisterten Fans. Das wünsche ich mir inständig für die Akzeptanz der Country Music in unserem Land. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr auf europäische Bühnen. Ich empfehle jedem, sich diesem Künstler zuzuwenden, sich mit ihm zu beschäftigen, seine Emotionen zu spüren. Für mich war es die erhoffte und erwartete Offenbahrung. Danke für diesen Besuch, Eric Church!

Fotogalerie: Eric Church in Hamburg

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