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Kris Kristofferson – 80, und zum Glück immer noch da!

Happy Birthday! Der legendäre Sänger und Songschreiber Kris Kristofferson feiert am 22. Juni 2016 seinen 80. Geburtstag.

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Kris Kristofferson Kris Kristofferson - Bildrechte: Promo

Ich muss zugeben, dass ich, trotz dessen guter Freundschaft zu Johnny Cash, den viel zelebrierten 75. Geburtstag von Bob Dylan weitestgehend ignoriert habe. Das ist keine böse Absicht gewesen. Der Grund liegt bei einem anderen, ganz großen Songwriter, einem, der mir, zugegeben, musikalisch und stilistisch deutlich näher steht. Man mag das respektlos nennen, aber ich war an Dylans Geburtstag bereits in der Planung für den 80. Geburtstag des für mich grössten Songwriters überhaupt. Und das ist nicht respektlos, sondern persönlicher Geschmack. Und ungefilterte, rauhe, musikalische Emotion.

Sie, unsere geschätzten Leser von Country.de, haben vielleicht meine zwischenzeitlichen Rezensionen zu den Kristofferson Veröffentlichungen gelesen, einer Box mit 16 CDs, bestehend aus Wiederveröffentlichungen der ersten elf Alben und unveröffentlichten Aufnahmen sowie der Highwaymen Veröffentlichung aus dem Mai, nämlich der CD/DVD-Box „American Outlaws“, jeweils mit unveröffentlichtem Material angereichert. Es folgt noch die Rezension zur Doppel-CD „The Cedar Creek Sessions“, deren Eintreffen ich sehnsüchtig erwarte.

Ich habe lange überlegt, ob diese Laudatio ein „da ist er geboren, das hat er gemacht, nun wird er alt“ Artikel werden soll. Ich habe mich dagegen entschieden. Was sollte es für einen Sinn machen, Daten und Zahlen, die ich nachschauen kann, teilweise selbst weiß und zum Teil recherchieren müsste, hier aufzulisten und Wikipedia (und andere) Artikel hier zusammenzufassen und umzuformulieren? Nein, Kris Kristofferson ist, wie oben beschrieben, für mich eine Herzensangelegenheit. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft die Bonus-CD des Albums „Closer To The Bone“ im PC.

Er berührt mich tief in der Seele und im Herzen mit seinen Songs. Seit ich Vater bin, bedeutet mir eine Textzeile aus meinem Lieblingssong von ihm noch viel mehr. „In the park, I saw a daddy with a laughin‘ little girl who he was swingin'“. Ich singe diese Zeile und sehe meine Töchter, als kleine Mädchen, glücklich lachend und strahlend. Wer solche Bilder mit Worten darstellen kann, wer die einsame Stimmung eines Sonntagsmorgens so treffend darstellen kann, der ist ein ganz Großer! Ich kann nicht in Worte fassen, was mir dieser Song bedeutet, den ich, wie eine ganze Reihe seiner Songs, durch Johnny Cash kennengelernt hatte.

Es gibt eine Vielzahl großer Songwriter, und jeder darf sich seinen Favoriten aussuchen. Man vermutet bei mir gerne Johnny Cash, und doch – es ist Kris Kristofferson. Und Johnny Cash würde sich darüber freuen wie ein kleines Kind! Er (Johnny Cash) begutachtete backstage bei einem Konzert meine Cowboyboots , grinste und sagte: „Kris hat ein paar Boots, die er nie putzt und die über 20 Jahre alt sind. Es sind die tollsten Boots, die ich kenne! Je älter und abgewrackter sie aussehen, umso besser sind sie!“ Ja, dieser Kris Kristofferson ist mein absoluter Favorit unter den Songwritern. Als ich, als alter eigentlich Traditionalist, mich fragte, warum dieser Eric Church mich so sehr bewegt, da hörte ich ihn in einem Interview folgenden Satz sagen: „Kris Kristofferson was my Johnny Cash!“ Da war mir alles klar!

Wie oft habe ich mir selbst gesagt, „Wenn ich nur einen Song schreiben würde, der neben den Songs von Kris bestehen könnte, wäre das der Ritterschlag für mich!“ Man sagt, meine Songs seien gut. Auf diesen besonderen Song warte ich noch. Vielleicht ist mir dieses Erlebnis, dieser Erfolg nicht vergönnt. Und sollte das so sein, dann habe ich aber doch diesem Ideal nachgestrebt, mich von diesem Mann aus Texas mit seinen faszinierenden Augen, seinem unverschämt guten Aussehen und seinem überragenden Talent als Songwriter leiten lassen. Wissen Sie, was meine liebste und die für mich beste Textpassage aus einem seiner Songs ist? „Deep in the heart of the infinite darkness, a tiny blue marble is spinning through space, born in the splendor of God’s holy vision and sliding away like a tear down his face“. Das ist aus seinem Song „Love Is The Way“. Ein Meisterwerk, wie so viele Songs aus seiner Feder.

Vor Jahren saß ich mit einer Bekannten in einem Konzert von Kris Kristofferson. „Der spielt ja diese ganzen abgedroschenen Songs!“, sagte sie zu mir. Ich grinste und sagte, „Ja, und er hat sie alle geschrieben!“ Nashville war voll von großartigen Songwritern, als dieser Kris Kristofferson einen nicht geringen Teil eben jener Songs dort schrieb, Ende der 1960er Jahre. Die meisten davon fanden sich 1970 auf seinem ersten Album. Das Genie hörte aber nie auf. Es änderte sich, wurde reifer, engagierter in Sachen Politik, interessiert an Menschen, Menschlichkeit und dem Fortbestehen dieses blauen Planeten, älter – und besser! Mittlerweile hat ihn eine Krankheit angegriffen. Er wehrt sich, kämpft. Demnächst ist er wieder im Kino zu bewundern. Ich werde ins Kino gehen, sobald der Film „Traded“ auch bei uns anläuft. Wann und ob das passiert, ist jetzt noch nicht klar. Es ist ein Western. Das passt.

Als sie ihn in die Country Music Hall Of Fame aufnahmen, diesen Kris Kristofferson, dankte er, wie das so üblich ist, einer Menge Menschen, die seine Karriere beeinflusst und möglich gemacht hatten. Dann sagte er „… most of all John and June …“, die Tränen schossen ihm in die Augen. Ich saß da, vor dem Fernseher, und weinte mit. Ja, das war und ist eine besondere Geschichte, Kris und Johnny Cash. „Good Morning John“ heisst der Song, den Kristofferson für und über seinen Freund schrieb. Waylon Jennings sang ihn zuerst. Kris spielte ihn zuerst in Montreux in der Schweiz, bei der Aufzeichnung der Johnny Cash Christmas Show „Christmas On The Road“. Der Song war wohl so etwas wie ein Weihnachtsgeschenk. Das war die Geburtsstunde der Highwaymen. In letzter Zeit war er mit Merle Haggards Söhnen Marty, Noel und Ben und Hags Band „The Strangers“ unterwegs, in Vertretung des kürzlich verstorbenen Poet Of The Common Man. Seinen runden Geburtstag wird er nun ohne seinen Freund Muhammad Ali feiern müssen. Ich will ehrlich sein zu Ihnen: Ich könnte hier noch stundenlang schreiben, über ihn, darüber, wie sehr er mich fasziniert. Ja, dieser Artikel ist eine ganz schöne Lobhudelei! Und wissen Sie was, liebe Leser? Das ist auch mehr als berechtigt!

Ich bete dafür, dass Kris Kristofferson dieser Welt noch lange erhalten bleibt. Vielleicht schreibt er nochmal einen großen Song. Für mich ist jedes Fragment eines Songs aus seiner Feder ein Geschenk, jeder fertige Song ein Meisterwerk. Happy Birthday, Kris! Was wäre die Country Music ohne Dich? Was wäre meine Musik ohne Dich? Lange mögest Du leben, in soviel Gesundheit, wie es möglich ist! Danke für die großartigsten Songs, die niemand ausser Dir hätte schreiben können!

Ich möchte zum Schluß einige Zeilen aus einem Song von Kris Kristofferson zitieren, den ich „Die Nationalhymne“ nenne. Bei der Show im März zu seinem 80. Geburtstag, die in Nashville aufgezeichnet wurde und wohl auf CD und DVD veröffentlicht wird, sang diesen Song bezeichnenderweise Eric Church. Also, aus „To Beat The Devil“, der Schluß des zweiten Refrains:

„I was born a lonely singer, and I’m bound to die the same
But I’ve got to feed the hunger in my soul
And if I never have a nickle, I won’t ever die ashamed
‚Cause I don’t believe that no-one wants to know“

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Über Bernd Wolf (138 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Johnny Cash, Singer & Songwriter. Rezensionen und Biografien.