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Happy Birthday, Bluegrass-Bob

Bob Dylan, der heute 77 Jahre alt wird, begann vor gut 20 Jahren eine intensive Liaison mit dem Bluegrass und der frühen Countrymusik.

Truck Stop 2018
Bob Dylan Bildrechte: Sony Music, William Claxton

Wenn von Bob Dylan und Countrymusik die Rede ist, dann wird gerne „Nashville Skyline“ rausgeholt und einige tun sich dann immer noch schwer mit Dylans Hinwendung zur „konservativen“ und „weißen“ Musik der ländlichen Südstaaten. Dabei hat Dylan zum einen eine lebenslange Liaison mit der Countrymusik (Hank Williams gehörte zu seinen ersten Heroes), und zum anderen hat er mit „Nashville Skyline“ und bereits schon 1966 mit seinen Aufnahmen von „Blonde on Blonde“ in Nashville begonnen, die Countrymusik nachhaltig zu verändern.

Dylan hat Nashville und die Countrymusik beeinflusst

Ebenso wie mit der Freundschaft zu Johnny Cash. Der nämlich ließ sich von Dylan inspirieren und positionierte sich selber auch verstärkt gesellschaftskritisch. Beide wiederum bereiteten den Boden für Kris Kristofferson, der eine neue Art von Songwriting in die Countrymusik einbrachte. Bei seiner „Musicares“-Rede im Jahr 2015 hat es Dylan folgendermaßen ausgedrückt: „Er kam in die Stadt wie eine Wildkatze und landete mit dem Hubschrauber hinter Johnny Cashs Haus, er war nicht der typische Songwriter. Und er ging einem direkt an die Kehle.“ Als Beweis zitierte er dann aus „Sunday Morning Coming Down“. Was Dylan sagen wollte war: Die neuen Songwriter wie Kristofferson, schrieben über Menschen, Gefühle, dem Lauf der Welt. Und nicht über nette Menschen, die nette Dinge tun. Nein, die neuen Songwriter schrieben über Versager und Ausgestoßene, über Liebe, Mord und Verzweiflung. Und dann waren da natürlich die „Byrds“, „The Band“ und Gram Parsons, die aus der Verbindung von Folk-Rock mit Countrymusik zusammen mit Dylan Ende der 1960er „Americana“ und „Country-Rock“ schufen.

Dylan hatte also bereits historisches geleistet, weil er die Countrymusik aus der „Nashville Sound“-Falle befreit und zugänglich für ehrlichere Texte und kritischere Geisteshaltungen gemacht hatte, als er Ende der 1990er bis Anfang der 200er sich noch einmal intensiv mit der frühen Countrymusik und vor allem mit dem Bluegrass beschäftigte. Bereits als er in den 1960ern in Nashville aufnahm, hatte er Kontakte zum Banjospieler und Bluegrassmusiker Earl Scruggs von „Flatt & Scruggs“. Scruggs zeigte sich im Gegensatz zu Lester Flatt offen für die Musik und Denken dieser neuen Generation von Musikern. Während Scruggs- wohl auch unter dem Einfluss seiner Söhne – sich den neuen Folk- und Rockmusikern wie Bob Dylan zuwandte, konnte Flatt mit dem „Hippie-Zeugs“ nichts anfangen. Zwar nahm er noch mit Scruggs Dylan-Titel auf, aber 1970 erschien ihre letzte gemeinsame LP „Changing Times“. Fortan spielte Scruggs mit seinen Söhnen und befreundeten Musikerkollegen.

Zusammenarbeit mit Bluegrass-Legende Ralph Stanley

Bob Dylan verehrte stets Ralph Stanley, der mit seinem Bruder Carter als „Stanley Brothers“ eine der wichtigsten Bluegrass-Formationen überhaupt bildete. „Man Of Constant“ war sein Signature Song, eine Version des Traditional nahm Dylan 1962 auf seine erste LP. Ralph Stanley und Dylan sollen sich wohl auf dem Newport Folkfestival bereits begegnet sein, doch eine tiefergehende Beziehung gab es nicht. Dylan war aber ein riesiger Fan. Umso größer war auf beiden Seiten die Freude, als sie im Dezember1997 zusammen im Studio waren. Dylan war einer der Künstler, die auf dem Album „Clinch Mountain Country“ Duettpartner von Stanley waren. Gemeinsam sangen sie „Lonesome River“. Die Bluegrassmusiker waren begeistert von Dylans freundlicher und höflicher Art, die so gar nichts von Rockstar-Attitüde hatte. Und Ralph Stanley sagte nach Erscheinen des Albums zu seinem Duett mit Bob: „Meine Frau Jimmie denkt, das ist das beste Stück des ganzen Projekts. Ich denke, Bob hat einen exzellenten Job gemacht.“

Dylan hatte immer wieder auf den wichtigen Einfluss der frühen Countrymusik – Jimmie Rodgers, Bill Monroe, Hank Williams, Ralph Stanley – hingewiesen: „Songs wie ‚Let Me Rest on a Peaceful Mountain‘ oder ‚I Saw the Light‘ sind meine Religion. Diese Songs sind mein Lexikon. Ich glaube diesen Songs.“ Und als er 1997 lebensbedrohlich erkrankte, da schien der Boden bereitet, sich mit den alten Bluegrass-Songs mit ihren oftmals religiösen Inhalten zu beschäftigen. Und diese Songs waren nicht die Gospels des Rachegottes, wie sie Dylan Anfang der 1980er in seiner „Born Again“-Phase sang. Diese Songs waren die eines verzeihenden, mitfühlenden, Schutz bietenden Gottes. Gaben ihm eben das, was er in einer so existentiellen Situation benötigte. Und so baute er ab dem Herbst 1997 mit „Rank Strangers To Me“, „Stone Walls And Steel Bars“, „White Dove“ und „Roving Gambler“ eine ganze Reihe von Songs ein, die von Ralph Stanley bekannt waren.

Jimmie Rodgers, Marty Stuart und Hank Williams

Bereits im August 1997 erschien ein anderes Dokument seiner Beschäftigung mit der frühen Countrymusik. „The Songs of Jimmie Rodgers“. Das All-Star-Projekt – Jerry Garcia, Willie Nelson, Bono, Steve Earle und viele mehr waren dabei – erschien auf Dylans eigenem Label „Egyptian Records“ und er schrieb die Liner Notes dazu. Eine einzige große Hymne auf den „Vater der Countrymusik“: „Ihm gehört die Stimme in der Wildnis Deines Kopfes… nur wenn wir sie lauter drehen, können wir unser Schicksal bestimmen“. Dylan selber trug eine flotte Version von Blue Eyed Jane bei und das Werk ist bis heute eine große Hommage an den „Singin‘ Brakeman“ geblieben.

Und ebenfalls wichtig für seine Hinwendung zum Bluegrass war seine Bekanntschaft mit Marty Stuart. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren – Marty war schließlich Schwiegersohn und Bandmitglied von Johnny Cash – und haben besonders Ende der 90er Jahre viel Zeit miteinander verbracht. Marty war es auch, der einige Jahre vorher für Bobby ein Autogramm des Vaters der Bluegrass-Musik, Bill Monroe, besorgte.

1999 zeigte ihm Marty Stuart seine enorme Sammlung von Country-Memorabilia. Seitdem enthält Martys Sammlung auch einige Bühnenoutfits von Dylan. Und bei einem Konzert am 8. September 1999 in Antioch, Tennessee, spielte Marty einen ganzen Abend in der Begleitband von Bob. Insbesondere sein Mandolinenspiel im akustischen Teil war großartig.

Es fand also ein fruchtbarer Austausch statt und Dylan nahm auch die Musik von Marty wahr. Er war ganz begeistert von Martys Album „The Pilgrim“. Bei Kritikern und Kollegen hochgelobt, floppte das Album kommerziell allerdings völlig. Dylans „Things Have Changed“ ist von der Melodie her ziemlich nahe an Martys „Observations Of A Crow“. Marty sagte dazu einmal: „Bob sagte, Hey, ich mag diesen Crow-Song. Vielleicht borge ich mir davon was aus. Ich sagte, Ja klar, vielleicht habe ich es ja zuerst von Dir ausgeliehen. Mach es ruhig.“ Marty wusste, wie Folkmusik funktioniert und hatte daher kein Problem damit, dass Dylan sich hier die Melodie entlehnt hat. „Things Have Changed“ ist ein ganz anderer Song. Und so spielt Marty live oder im TV immer wieder mal Songs von Bob und spricht mit höchstem Respekt von ihm. Und auch auf seiner Website findet sich die eine oder andere Erwähnung von His Bobness.

Und als wenn es noch eines Beweises für die wiederentflammte Begeisterung Dylans für die frühe Countrymusik bedürft hätte, führte Dylan 2001 die illustre Musikerschar an – Tom Petty, Sheryl Crow, Emmylou Harris, Mark Knopfler, Johnny Cash waren dabei – die mit dem Album „Timeless“ dem großen Hank Williams ihren Respekt zollten. Bob sang dabei „I Can’t Get You Off Of My Mind“. Und zehn Jahre später sollte Dylan dann selber ein großes Hank Williams-Tribute organisieren, als er nachgelassene Texte des ersten „Rockstars“ der Countrymusik zwecks Vertonung an Musikerkollegen verschickte und unter dem Titel „The Lost Notebooks“ veröffentlichte.

Man Of Constant Sorrow

Ab dem Sommer 2000 spielte Dylan im ersten Drittel seiner Konzerte ausschließlich akustische Stücke. Darunter alte traditionelle Songs wie „Duncan and Brady“, die Bluegrass-Gospels „I am the man, Thomas“, „This World Can’t Stand So Long“ oder „Hallelujah (I’m Ready To Go)“, sowie den alten Jim Anglin-Song „Searching For A Soldier’s Grave“. Allesamt Songs, die auch Ralph Stanley im Repertoire hatte. Dazu begann Dylan den elektrischen Set mit Country Pie von „Nashville Skyline“. Dylans Country-Seite war wieder voll da. Er arrangierte die Stücke ganz Bluegrass-like mit Background-Gesang seiner Band, sowie mit Mandoline oder Geigenbegleitung von Larry Campbell, der in diesen Jahren Sound und Erscheinungsbild von Dylans Tourband stark mitprägte.

Mit in diese Zeit – wieder einmal war ihr Bob voraus – fiel auch die öffentliche Renaissance von Old Time und Bluegrassmusik, ausgelöst durch den Film und Soundtrack „O Brother, Where Art Thou?“. Mit dabei war Ralph Stanley. Und dessen „Man Of Constant Sorrow“ wurde von Dan Timinski und Allison Krauss‘ Union Station gesungen und George Clooney und seinen „Soggy Bottom Boys“ unterlegt. All dem gab Dylan eine Referenz, als er dann am 5. April 2002 bei einem Konzert in Stockholm, die „Soggy Bottom Boys-Version in einem Rockarrangement bot. Genial!

Dies sollte der Höhepunkt und krönende Abschluss seiner Bluegrass-Zeit sein. Erst senkte er die Zahl der akustischen auf vier und nach einer vierwöchigen Konzertpause spielte er erstmals am 4. Oktober 2002 auf der Bühne Piano. Seitdem hat er nie mehr in größerem Umfang auf der Bühne die Gitarre gespielt. Als Ursache wird ein Rückenleiden genannt, dass es ihm nicht mehr möglich macht, über längere Zeit mit der Gitarre auf der Bühne zu stehen. Und die akustischen Bluegrass-Songs fielen dann auch aus dem Programm. Fast fünf Jahre waren sie fester Bestandteil seiner Konzerte und waren wirkliche Highlights. Doch Dylan war dann schon längst wieder auf einer anderen musikalischen Route unterwegs, die ihn schließlich Mitte der 2000er Jahre in eine seiner produktivsten Schaffensphasen führen sollte.

Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

Heute wird Bob Dylan 77 Jahre alt und wer ihn jüngst im Konzert erleben konnte, der stellt fest, dass dieser Dylan noch immer ein rollender Stein ist, der kein Moos ansetzt. Er wird uns bestimmt noch weiter überraschen und das sicher nicht nur mit eigener Whiskey-Marke und künstlerisch geschweißten Gartentoren. Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

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