The Twang: Twang ‘Em High
20. Juli 2007 | Von Tobias Brockly | Kategorie: CD-BesprechungenFast drei lange Jahre haben sich The Twang für ihr drittes Studioalbum Zeit gelassen. Grund dafür war u.a. auch die Schließung ihres Labels XXS Records. Nachdem die beiden 2005 und 2006 zur Überbrückung der Wartezeit eingeschobenen Live-Alben nur im Eigenvertrieb der Band erschienen sind, hat man jetzt für “Twang ‘Em High” wieder den früheren Vertriebspartner Indigo gewinnen können. Das Album wird also wieder ganz regulär überall erhältlich sein und nicht mehr nur über die bandeigene Homepage. Vertriebstechnisch gestärkt und musikalisch gerüstet begeben sich die norddeutschen Cowboys nun auf ein neues Abenteuer durch den wilden Westen der Musikgeschichte. Wie immer mit einer Mischung aus übergroßem Augenzwinkern und überzeugendem Fachverständnis holen sie sowohl allseits bekannte Klassiker als auch diverse Songs der Neuzeit von ihren Pferden und nehmen sie mit auf einen wilden Ritt durchs Twangland.
Da hätten wir zum Beispiel das übers-sentimentale “You’re Beautiful” von James Blunt, das hier in einer sehr angenehm reduzierten Countryversion vorzufinden ist und mit der stimmlichen Unterstützung von Kim Carson nochmals aufgewertet wird. Ebenfalls erstaunlich ausgefallen ist die Überarbeitung des Gnarls Barkley-Hits “Crazy”, dem hier ein schon fast hypnotisches und schwermütiges Gewand verpasst wurde. Von der Originalversion hat da eigentlich nur der Text den gnadenlosen Twang-Überfall überlebt. Aber so läuft das nun mal da draußen in der Prärie. Da müssen hin und wieder auch mal Opfer gebracht werden.
Robbie Williams’ “Let Me Entertain You” ist da ein bisschen unbeschadeter weggekommen. Zwar wird im Refrain wieder gewohnt übermütig aufgedreht und umgekrempelt, aber die Strophen erkennt man dafür schon auf Anhieb wieder. So was tut dann aber zwischendurch auch mal ganz gut. Und dann gab’s da ja irgendwann auch mal so eine irische Band namens The Cranberries. Deren 1994er-Grunge-Überhit “Zombie” liegt hier in einer etwas weniger bedrohlichen, aber nicht minder düsteren Version vor. Gemeinsam mit der Überarbeitung des frühen R.E.M. Songs “The One I Love”, der hier ein dezentes aber effektives TexMex-Arrangement verpasst bekommen hat und entspannt melancholisches “South of the Border”-Feeling verbreitet, ist das wohl einer der kreativen Höhepunkte der CD.
Über das gnadenlos überdrehte “Still Loving You”, im Original eine gigantische Rockballade der Scorpions, kann man aber sicherlich geteilter Meinung sein. Wem das Original etwas bedeutet, der wird hier erstmal kräftig schlucken müssen. Diese Polka-Version ist schon nicht von schlechten Eltern und muss erstmal verdaut werden. Aber für Schockmomente dieser Art sind The Twang ja inzwischen bekannt.
Famous last words: Wenn jemand aus Depeche Mode’s quirligem Synthie-Schlachtruf “Just Can’t Get Enough” einen Tearjerker und aus Elton Johns ewigem “Your Song” eine Hillbillynummer formen kann, dann nur The Twang. Die haben’s einfach – die können’s einfach! Allerdings gibt es wie immer eine nicht ganz unwichtige Vorraussetzung, um mit diesen Songs wirklich etwas anfangen zu können: Man sollte die Originalversionen einigermaßen präsent im Ohr haben. Sonst entgeht einem nämlich die reichlich enthaltene Raffinesse. Das Album erscheint zudem im aufwendigen Digipack und ist somit nicht nur musikalisch, sondern auch optisch ein Highlight.
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Dieser Artikel wurde am 20. Juli 2007 von Tobias Brockly veröffentlicht.
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