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Mary Chapin Carpenter setzt auf Qualität

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In den Charts spielt sie inzwischen keine Rolle mehr – das ist schade. Vermutlich, weil sie ganz bewusst ihren eigenen musikalischen Weg gesucht, gefunden hat und ihn konsequent geht – das ist gut so. Wenn im Radio schon mal ein Country-Song gespielt wird, dann ist Mary Chapin Carpenter immer noch oft genug erste Wahl. Heute wie gestern ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich nicht scheut, für das einzustehen, was ihr wichtig ist.

Ich erinnere mich lebhaft an ein Gespräch mit ihr, das ich vor gut 20 Jahren mit ihr hatte. Vor mir saß eine aparte, junge Sängerin, eine moderne, selbstbewusste Frau. Langes Blondhaar umrahmte ein offenes Gesicht, aus dem mich wache Augen interessiert anschauten. Ohne mit ihr gesprochen zu haben, spürte ich, sie war anders als die meisten Country-Sängerinnen, das war kein „Nashville-Gesicht“.

Mary Chapin CarpenterDieser erste Eindruck sollte sich sehr bald bestätigen. Der war natürlich durch ihre damals ersten beiden Alben geweckt worden. Aber auch durch eine mitreißende, mich sehr beeindruckende Vorstellung auf der Bühne. Ich war neugierig geworden und wollte mehr über diese Künstlerin erfahren. Welcher Mensch, welche Persönlichkeit steckte hinter den schönen Songs? Schließlich schrieb sie die meisten ihrer Lieder selbst!

Die Sängerin, deren Vornamen Mary-Chapin ist, war damals nicht des erste Mal in Europa: „Ich bin vor etwa 8 Jahren als Studentin in mehreren europäischen Ländern gewesen. Es war ein Erlebnis, jetzt als Sängerin wieder hier zu sein. Nie habe ich herzlichere Menschen getroffen als hier in der Schweiz. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, mit solch tosendem Beifall von der Bühne verabschiedet zu werden“, schwärmte sie noch unter dem Eindruck ihres Auftrittes. Ihre Musik war und ist auch heute nicht die, die man aus Nashville erwartet. Deutlich sind Spuren aus dem Folk vorhanden.

Die 1960er Jahre, die Zeit ihres Heranwachsens also, standen im Zeichen eines Folk-Booms. Künstler wie die Limeliters, das Kingston Trio oder Peter, Paul & Mary wurden zu internationalen Stars. Seither ist die Folk Music nie ganz abgetaucht. Diese Mary Chapin Carpenter kam aus dieser Ecke. Sie gehörte einer neuen Schule an, eine Puristin, die moderne Elemente mit in die traditionelle Musik einarbeiten. Und sie lebt von ihren bärenstarken Songs. In deren Mittelpunkt stehen Menschen, deren Leben aus den Fugen gerät, sie zeichnet romantisch-zärtliche Bilder und immer ist sie ehrlich, nachvollziehbar und voller Emotionen. „Ich schreibe über Dinge und Leute, die ich kenne. Ich zeichne gerne kleine Episoden auch wenn sie nicht wichtig waren. Ich will etwas mitteilen“, erzählte sie. „Ich kann ganz schlecht Geschichten erfinden, ich lebe da von meiner eigenen Erfahrung.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht wenn sie einwirft: „Meine Musik bewegt sich zwischen Pop und Folk und Country. Ich würde mich nicht als Folksängerin bezeichnen, Folk ist in erster Linie traditionelle Musik. Gib heute Jemandem eine akustische Gitarre und schon nennt man ihn Folk-Musiker. Ich fühle mich Künstler wie Steve Earle, Nanci Griffith und Lyle Lovett nahe. Sie haben für Künstler wie mich den Weg bereitet, sie fordern heraus, weiten die Grenzen der Country Music aus und sind erfolgreich.“

Erfolgreich war sie dann selbst auch, vor allem bis Mitte der 1990er Jahre war sie häufig in den Charts vertreten. Mit „Shut Up And Kiss Me“ gelang ihr allerdings nur ein No.1-Hit. Bis dahin war es ein durchaus längerer Weg gewesen.

Geboren wurde sie in Princeton, New Jersey an der amerikanischen Ostküste am 21. Februar 1958. Von der Kindheit verbrachte sie zwei Jahre in Japan, ehe die Familie sich in der Hauptstadt Washington niederließ. Dort machte Carpenter auch ihren Schulabschluss.

„Ich hatte eine ganz normale Jugend. Einschneidend war die Scheidung meiner Eltern als ich 16 war. Davon handelt mein Song „House Of Cards“. Während der Schulzeit spielte ich Gitarre und Piano und sang die Lieder der Folk Szene. Etwas mit Musik zu machen hatte ich nicht im Sinn. Mein Vater hat mich dazu überredet, an einem „open-mike“ Wettbewerb teilzunehmen. Ich bin vor Angst fast gestorben. Aber ich habe gemerkt, dass da mehr war, dieses Prickeln …“

Mary Chapin Carpenter schloss ihr Studium 1981 ab und begann, in der florierenden Musik-Szene in und um die Bundeshauptstadt aufzutreten. In den kleinen Clubs mit der intimeren Atmosphäre konnte sie ihre Scheu überwinden und sich nach und nach etablieren. Als sie den Gitarristen John Jennings traf, waren die Weichen für die Zukunft gesetzt. Jennings wurde Produzent ihrer ersten Alben. Er überredete sie, eigene Songs zu schreiben, deren Demos irgendwann bei Columbia Records landeten und ihr einen Plattenvertrag einbrachten.

„Hometown Girl“ wurde ihr erstes Album betitelt, mit dem sie gleich aufhorchen ließ. Und mit dem Titelsong setzte sie einen Standard für sich selbst, dem sie stets versuchte, gerecht zu werden. Sie erzählte über den Song: „Ich beschriebe, wie die Liebe in jungen Jahren empfunden wurde und wie ich sie heute erlebe. Jung war ich bereit, mehr in Kauf zu nehmen. Vielleicht ist es die bittere Sehnsucht nach der Unkompliziertheit der Jugend.“

Fast behutsam schlitterte sie in die Country Music, denn eins wollte sie auf jeden Fall von Anfang an verhindern: „Ich hasse es, in Kategorien zu denken. Müssen wir denn Alles in eine Schublade stecken? Warum kann man es nicht einfach Unterhaltungsmusik nennen? Ich schreibe Songs so wie ich sie fühle, mir ist es dabei egal, welcher Sparte man sie dann zurechnet.“ Getreu dieser Einstellung arbeitete Carpenter weiter. Weder die Industrie noch die Fans kümmerte es, wo sich die Sängerin selbst sah, sie fanden einfach gut, was sie anzubieten hatte. In den Jahren 1992 und 1993 erhielt sie von der Country Music Association die Auszeichnung zur besten Sängerin des Jahres.

Hatte sie mit „Hometown Girl“ erst mal auf sich aufmerksam gemacht, stellten sich mit dem 2. Album „State Of The Heart“ auch kommerzielle Erfolge ein. „How Do“ verschaffte Carpenter ihr Chart-Debüt, „Never Had It So Good“ und „Quittin‘ Time“ schoben sich bereits in den Top Ten. Mir gefällt „Something Of A Dreamer“ besonders gut, der 4. Top Twenty Song dieses Albums. Jetzt hatte sie einen Lauf. „Down At The Twist And Shout“ erreichte Platz 2 und ist längst ein Dauerbrenner geworden. Das gilt auch für „I Feel Lucky“, „Passionate Kisses“, „The Bug“ (von Mark Knopfler geschrieben), „He Thinks He’ll Keep Her“ – alle vom Album „Come On Come On“, ihr mit Abstand erfolgreichstes, für das es insgesamt 4x Platin gab. Ebenfalls auf diesem Album die wunderschöne Liebes-Ballade „Not Too Much To Ask“, ein Duett mit Joe Diffie, bei ich auch heute noch eine Gänsehaut bekomme.

Das nächste Album enthielt mit „Shut Up And Kiss Me“ auch ihre erste und bisher einzige Nummer 1. Mit dem Album „A Place In The World“, erschienen 1996 endete allmählich ihre relativ kurze Zeit als Hit-Sängerin in den Top 20.

Gefragt war Mary Chapin Carpenter auch wegen ihrer Songs, die so voller Lebensnähe stecken. Von Joan Baez über Dolly Parton, Wynonna Judd bis hin zu Trisha Yearwood reichte ihre Kundschaft. Musikalisch zusammen arbeitete sie auch mit einer Cindy Lauper.

Mit ihren Alben seither beweist sie ihre künstlerische Unabhängigkeit einerseits und ihre grenzenlosen Fähigkeiten, Dinge in Songs zu verarbeiten. Voraussetzung dafür ist ein breiter musikalischer Horizont: „Ich höre gern Klassik aber auch Rock’n’Roll, Pop, die Beatles, Country – von so vielen Richtungen etwas. Ich brauche diese Abwechslung, um kreativ sein zu können.“ Und weiter: „Ich möchte mit meinem Songschreiben wachsen, immer wieder Neues erforschen. Ich schrecke vor keinem Thema zurück, ich bin der Meinung, es gibt Nichts, über das man nicht ein Lied oder ein Buch schreiben kann.“ Ein herrliches Beispiel dafür ist ihr „The Shirt“. Sie erklärt: „Das ist eine wahre Geschichte über eines meiner Hemden. Ich dachte an all die verschiedenen Erlebnisse, die ich hatte, während das Hemd mir gehörte. Das versuchte ich in Worte zu fassen, die Jahre, die Menschen, die Erlebnisse – das Hemd war schließlich ein Teil meines Lebens geworden.“

Wenn man sie nicht in eine Schublade stecken sollte, dann sorgte sie zunehmend dafür, dass dies auch immer schwieriger sein würde. Das neue Jahrtausend eröffnete sie mit ihrem ersten Studio-Album nach 5 Jahren: „Time*Sex*Love“. Es war eine Art Konzept-Album, dessen Thematik sich um Midlife in unterschiedlichen Konstellationen drehte. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen zurück, auch weil das Radio nicht mitspielte und Carpenter mit ihren aktuellen Songs viel zu wenig spielte.

2004 kam „Between Here And Gone“, eine CD, die allerbeste Kritiken erhielt aber kein wirklicher Erfolg war. Carpenter befasste sich darauf inhaltlich u.a. mit dem Anschlag vom 11. September und mit dem Tod ihres Freundes Dave Carter, einem talentierten Singer-Songwriter. Mary Chapin Carter ließ sich nicht beirren oder verwirren. Sie nahm sich Zeit und schrieb weiter aussagestarke Songs. 2007 erschien „The Calling“, auf dem sie sich erstmals auch durchaus politisch äußerte. Etwa zu dem, was den Dixie Chicks widerfahren war. Den Song „On With The Song“ widmete sie lt. Booklet ganz klar den Kolleginnen aus Texas. Auch mit dem Hurricane „Katrina“ befasste sie sich. Ein ganz starkes Album, das abermals vom Radio weitgehend ignoriert wurde. Umso erstaunlicher, dass es sich dennoch passabel verkaufte und die Künstlerin ermutigte, so weiter zu machen. Ihr Publikum war noch da, hatte sie nicht vergessen. Nach dem Weihnachts-Album „Come Darkness, Come Light“ ist für das Frühjahr 2010 ein weiteres Studio-Album vorgesehen mit dem neugierig machenden Titel „The Age Of Miracles“. Ich bin sicher, diese Mary Chapin Carpenter hat ihr Pulver noch lange nicht verschossen.

Mein eingangs erwähnter Eindruck, dass Mary Chapin Carpenter nicht Nashville ist, hat sich im Laufe der Jahre bestätigt. Über ihr Privatleben ist nicht das Allermeiste bekannt geworden. Wer sich ihre Songs aufmerksam anhört, erfährt trotzdem so Manches. Seit 2002 ist sie mit Tim Smith verheiratet und lebt auf einer kleinen Farm bei Charlottesville in Virginia. Sie ist also im Großraum Washington geblieben. Einer Gegend, die sie auch künstlerisch nachhaltig geprägt hat. Schon damals sagte sie mir: „Es gibt bei uns in der Gegend sehr gute akustische Musiker, eine gesunde Bluegrass-Szene, viel Rock’n’Roll und eine Folk-Kultur. Diese Musik kann man dort regelmäßig live hören. Ich lebe gern dort, weil die Gegend mir viel zu bieten hat, auch kulturell. Man bekommt das Beste geboten. Außerdem kann man sich aufs Land flüchten, ohne weit fahren zu müssen. Es ist ein fruchtbarer Boden für Musiker. Ich bin glücklich, dass ich dort mit so vielen guten Musikern spielen kann. Ich will nur die Gruppe Seldom Scene nennen, großartige Musiker, die viel zu wenig bekannt geworden sind.“

Auf ein Lied möchte ich stellvertretend für so viele andere noch eingehen, weil es mir wegen seiner Schlichtheit und Poesie unter die Haut geht: „Down In Mary’s Land“. Ich wollte wissen, ob es diesen Flecken Erde wirklich gibt. Und sie verriet es wir: „Es heißt eigentlich „St. Mary’s County“ und du findest es südlich von Washington. Ein kleines Stück Land, das zwischen Potomac River und Chesapeak Bay liegt. Dort ist es in jeder Jahreszeit schön. Ich gehe gern dorthin. Wenn du mal in der Gegend bist, schau es dir an, du wirst mir zustimmen.“

Mary Chapin Carpenter – auch wenn man sie in den Charts heute vergeblich sucht, sie hat nichts von ihrer Faszination als Autorin wie als Sängerin verloren. Was sie zu etwas Besonderem macht, ist ihre Musik, es sind ihre Ansichten, die sie in Songs verpackt und auf ihre unnachahmliche Art den Menschen vermittelt.

  • 1989 – State Of The Heart
  • 1990 – Shooting Straight In The Dark
  • 1992 – Come On Come On
  • 1994 – Stones In The Road
  • 1996 – A Place In The World
  • 2001 – Time* Sex* Love*
  • 2004 – Between Here And Gone
  • 2007 – The Calling
  • 2008 – Come Darkness Come Light
  • 2010 – The Age Of Miracles
   
The Age Of Miracles
CD: „The Age Of Miracles“
Veröffentlicht: 2010
Label: Zoe (Rounder)

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Trackliste:

01. We Traveled So Far
02. Zephyr
03. I Put My Ring Back On
04. Holding Up The Sky
05. 4th June 1989
06. I Was A Bird
07. Mrs. Hemingway
08. I Have A Need For Solitude
09. What You Look For
10. Iceland
11. The Age Of Miracles
12. The Way I Feel

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