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Don Williams: Rücktritt vom Ruhestand

Die ultimative Südstaaten-Musikreise 2019

Er ist wieder zurück! Und zeigt damit einmal mehr, dass er ein Mann mit Prinzipien ist, Jemand, der feste Vorstellungen hat und diese konsequent umsetzt, wann immer und wo immer es möglich ist. Damit hat er sein Leben bestritten und seine grandiose Karriere aufgebaut und gesteuert. Ich habe es bei verschiedenen Gelegenheiten miterleben können. Er zeigt aber auch, dass er Entscheidungen überdenkt und korrigiert, wenn er von der Notwendigkeit überzeugt ist.

Am 21. November 2006 fiel für ihn am Ende einer weltweiten Abschiedstournee im ausverkauften Cannon Center for Performing Arts in Memphis, Tennessee zum letzten Mal der Vorhang nach einem offiziellen Konzert. Don Williams hatte beschlossen, sich ins Privatleben zurückzuziehen.

Und er tat diesen Schritt mit allen Konsequenzen. Der eigenbrötlerische Texaner hatte nach reiflicher Überlegung diesen Entschluss gefasst – und daran hielt er sich. Don Williams beendete seine Karriere so wie er sie begonnen hatte: nach seinen Spielregeln zu dem von ihm gewählten Zeitpunkt. Es sollte keine Entscheidung für die Ewigkeit sein, nur bis Herbst 2010!

Man nennt ihn auch heute noch gern den „Gentle Giant“. Nach außen hin machte er während seiner Karriere stets einen ausgeglichenen, aufgeräumten, ausgesprochen ruhigen Eindruck. Er vermittelt auch heute im Alter den Eindruck als könne ihn nichts aus der Ruhe und aus seinem Gleichgewicht bringen. Ein einfacher und immer umgänglicher Zeitgenosse war der Sänger Don Williams längst nicht immer. Verschiedene Male bin ich ihm begegnet, bei ganz unterschiedlichen Anlässen. Wenn ich an das erste Interview denke, das ich mit ihm hatte, dann muss ich vor allem an die „Show“ denken, die er zuvor abgeliefert hatte. Das Ganze fand statt in einem Officer’s Club des Militärs in der Eifel. Don Williams stand am Beginn seiner Solo-Karriere und hatte noch nicht den Status, den er sich sehr bald danach erarbeiten konnte. Man muss wissen, dass es in einem NCO Club gewöhnlich laut zugeht. Im Hintergrund machen Spielautomaten Radau, manche Besucher nehmen ihr Dinner zu sich, andere Gäste unterhalten sich lauthals und nehmen das Geschehen auf der Bühne kaum wahr.

Für einen Don Williams genau das falsche Umfeld. Er hatte auch seinerzeit schon den völlig richtigen Anspruch, dass man ihm gefälligst die nötige Aufmerksamkeit entgegen bringen soll, wenn er schon auf der Bühne steht und versucht, sein Bestes zu geben, um das Publikum zu unterhalten. Und diese Aufmerksamkeit forderte er auch vehement ein, verbunden mit der Drohung, seinen Auftritt abzubrechen, wenn dies nicht der Fall sein sollte. In unserem Gespräch etwas später begründete er seinen Standpunkt noch einmal: „Ich empfinde es als unhöflich, wenn man sich so verhält. Nicht nur mir als Künstler gegenüber sondern auch den anderen Besuchern gegenüber, die die Musik genießen wollen. Auch in solch einem Club. Okay, ich habe Verständnis dafür, dass die G.I.’s fernab der Heimat Zerstreuung brauchen und ich kann hier auch kein Konzert-Publikum erwarten aber ein Mindestmaß an Respekt und Rücksichtnahme.“

Don Williams

Der „sanfte Riese“ kann also auch ganz schön grantig werden und aus der Haut fahren. Seinem riesigen Erfolg hat diese Charaktereigenschaft nicht im Wege gestanden, eher war das Gegenteil der Fall. Um ihn zu charakterisieren bietet sich folgender Vergleich an: Don Williams fuhr ein außergewöhnliches Auto, einen zweifarbigen 56er Chevy Coupe. Das Fahrzeug bestach durch einfache, klare Linien, kein unnötiger Chrom beleidigte das ästhetische Empfinden. Die Verarbeitung zeugte von hohem handwerklichem Können. Wenn man so will, war dieser Fahrzeugtyp ein vom Design her rollendes Kunstwerk. Die Art des Don Williams zu musizieren, seine Ausstrahlung auf der Bühne und seine Arbeit als Singer/Songwriter gleichen in vielen Punkten diesem 1956er Chevy. Beide sind auf ihre Art Klassiker. Ein zwar ungewöhnlicher Vergleich aber einer, der zutrifft. Von diesem Auto-Typ gibt es kaum noch Exemplare, auf das „Kunstwerk“ Don Williams mussten wir seit einige Jahre verzichten, weil er es so wollte. Geblieben sind uns seine Aufnahmen und die Erinnerung an wunderbare Live-Musik.

Was hat ihn so unvergleichlich gemacht? Don Williams gefällt durch die Auswahl seiner Songs, wiedergegeben mit sparsamster Instrumentierung und einfachen aber ausdrucksstarken Arrangements. Williams‘ weicher, einfühlsamer Bariton brachte ihm im Laufe der Jahre jede Menge begeisterter Freunde rund um den Globus ein. Wer seine Karriere verfolgte, der konnte feststellen, dass er keine halben Sachen macht bei seiner musikalischen Arbeit. Und damit ist auch schon das Geheimnis seines Erfolges gelüftet, das gar keines ist: „Ich achte auf Qualität. Alles, was ich singe, schreibe und produziere muss gut sein. Der Song muss in allen Belangen, vor allem aber textlich stimmen, gleichgültig aus welcher Musikrichtung er stammt und wer ihn geschrieben hat!“ Typisch Don Williams, direkt, einfach, genau auf den Punkt gebracht. Und weiter konstatierte er: „Jeder weiß wie wählerisch ich bin. Garth Fundis, damals mein Co-Produzent, wollte mir „I Believe In You“ erst gar nicht vorspielen. Er glaubte, dass ich diesen Song ablehnen würde. Aber gleich beim ersten Abhören gefiel mir das Ding so gut, dass ich ihn genau wie auf dem Demoband vorgegeben einspielte. Ich wollte diesen Text so gut wie nur möglich rausstellen.“ Wie gut sein Riecher wieder einmal war zeigte sich bald, denn „I Believe In You“ wurde nicht nur einer von sage und schreibe 17 Top-Hits sondern auch seine erfolgreichste Single überhaupt. Und das Lied ist aus keinem seiner Konzerte wegzudenken. Nicht etwa sein in Deutschland wohl bekanntester Song „Some Broken Hearts Never Mend“ war also sein kommerziell erfolgreichster.

Ein weiterer wichtiger Faktor für seinen Erfolg war ganz sicher auch die beispiellose Zusammenarbeit mit Garth Fundis als Co-Produzent. Was Williams gern bestätigte: „Garth ist ein Glücksfall für mich gewesen“, meinte er bei einem Frühstück im Hotel Union Station von Nashville als wir uns in aller Ruhe unterhalten konnten. „Wir harmonierten bestens zusammen. Garth war ständig auf der Suche nach gutem Songmaterial. Es ist eine Vertrauenssache, denn man hört sich jede Menge Lieder an, sortiert aus und entscheidet sich irgendwann für die wenigen Songs, die aufs Album kommen. Da ist es immer gut, wenn man auf einer Wellenlänge liegt und genau weiß, was Sache ist.“ Und dann gab er auch ein Beispiel dafür: „Garth und ich fanden „Good Ole Boys Like Me“ auf Anhieb prima – ich wollte den Song aber nicht selbst singen und dachte eher an einen talentierten Nachwuchssänger, dem damit ein Hit gelingen könnte. Doch wir hatten keinen, wen also nehmen? Wir schauten uns nur an und es war klar, dass ich ihn doch aufnehmen würde.“

„Good Ole Boys Like Me“ erreichte zwar „nur“ Platz 2, wurde aber dennoch einer seiner stärksten Songs. Man spürt jedes Mal bei jeder Textzeile den „Kampf“ zwischen dem Sänger und dem Song, man ist immer wieder beeindruckt von der Einheit, die sie dabei schließlich bilden. „Good Ole Boys Like Me“ – das könnte auch der Satz sein, der diesen Künstler charakterisiert. Aus dem äußersten Südwesten von Texas kommt Don Williams, geboren wurde er am 27. Mai 1939 im Örtchen Floydada, der Golf von Mexico nicht weit, auch die mexikanische Grenze nicht. Aufgewachsen ist er in Portland, Texas, wo er 1958 auch die Schulausbildung abschloss. Seine Mutter hatte ihm eine Gitarre geschenkt, die er bald gut spielen konnte. Musik lockte ihn zunehmend, Williams wirkte in Country-, Rock’n’Roll- und vor allem Folk-Bands mit. Die erste eigene Band war eigentlich ein Duo, das er mit Lofton Kline bildete, sie nannten sich The Strangers Two. 1964 dann ein erster entscheidender Schritt als ihn Susan Taylor ansprach, daraus wurde die Folk-Gruppe „The Pozo Seco Singers“. Von Corpus Christi aus erarbeitete sich die Gruppe landsweiten Erfolg, vor allem über den Song „Time“, den Williams später auch als Solist aufnahm und in seinem Bühnenprogramm hatte. Zwar gelangen den Pozo Seco Singers noch einige weitere mittlere Hits aber den richtigen Durchbruch schafften sie nicht.

1971 löste sich die Gruppe auf, Don Williams startete gleichzeitig seine Solo-Karriere. Die unterdessen gewonnene Erfahrung im Music Business machte ihn vorsichtig. Er hatte von den ständigen Gängeleien der Produzenten die Nase voll und suchte nach Möglichkeiten, seine eigenen, festen Vorstellungen umsetzen zu können. Ein erster Schnupper-Aufenthalt in Nashville ließ ihn eher zurück chrecken, jedenfalls kehrte Williams nach Texas zurück, um sich an den Geschäften seines Schwiegervaters zu beteiligen. Auch hier ohne den erhofften Erfolg. Aber die Musik ließ ihn nicht los. Schon ein Jahr später finden wir Williams wieder in Nashville, diesmal mit Ehefrau Joy, mit der er seit 1960 verheiratet ist, und den beiden Söhnen Gary und Timmy. Er hatte einen Vertrag als Songschreiber beim Musikverlag von Jack Clement erhalten. Seit der Auflösung der Pozo Seco Singers war der Gesang eigentlich kein Thema mehr für Don Williams gewesen.

Die Crew um das rührige Urgestein Jack Clement bestand aus Allen Reynolds, Bob McDill, Dickey Lee, Wayland Holyfield und Don Williams. Man war zwar ziemlich produktiv aber kommerzielle Erfolge stellten sich kaum ein. Wiliams erinnerte sich: „Ich tat mich als Songschreiber schwer, es kostete mich enorm viel Kraft. Ein Laie kann sich das kaum vorstellen. Dazu kam, dass ich meine Arbeit wie ein Buchhalter verrichtete. Tag für Tag ging ich in mein Büro und wartete auf die alles entscheidende Eingebung für einen brauchbaren Titel. Hatte ich dann einen brauchbaren Song, begann die Suche nach dem geeigneten Interpreten, der dann auch noch überzeugt werden musste, ihn aufzunehmen. Okay, wir hatten durchaus gutes Material – letztlich aber nutzte das nichts. Wie ein Klinkenputzer klapperte ich die Plattenfirmen ab, versuchte, unsere Arbeit an den Künstler zu bringen. Wenn ich ehrlich bin, das war kein Job für einen ausgewachsenen Mann. Songs zu schreiben ist eine verdammt einsame Sache.“

Qualität setzt sich bekanntermaßen irgendwann durch. Es blieb Charley Pride vorbehalten als erster namhafter Künstler einen Song von Williams aufzunehmen. Das Eis war gebrochen, es folgten rasch andere Künstler wie Johnny Cash, Jeanne Pruett, Sonny James, Lefty Frizzell oder sogar Lobo. Es ergab sich bald die Situation, dass die Demos, die Williams selbst von seinen Songs machte, zwar bei den Produzenten ankamen, es aber schwer fiel, den geeigneten Interpreten dazu zu finden. Wiliams Songs konnte offenbar nur Williams selbst glaubhaft interpretieren. 1972 hatte Jack Clement endlich mit seinen Überredungsversuchen Erfolg. Williams schmunzelt: „Jack behielt Recht. Meine Chance, weiterzukommen lag nur darin, dass ich meine Songs einfach selber sang. Allen (Reynolds) drängte mich förmlich in die Rolle des Sängers. Ich glaube, wenn ein anderer Interpret mit meinen Songs richtig erfolgreich gewesen wäre, ich hätte mich niemals mehr als Sänger versucht. Aber welche Wahl blieb mir denn als Familienvater, wenn ich nicht auf der Straße landen wollte?“ Er erinnert sich nur allzu gut, wie es damals war: „Als ich bei JMI anfing, gab es Komplimente von den Leuten aus dem Business aber sie meinten, meine Musik würde nichts werden, sie sei zu entspannt. Die Leute vergaßen, dass Country Music gleichbedeutend ist mit Emotionen, mit Wahrheiten aus dem Leben der Menschen, mit Ehrlichkeit. Genau das wollte ich vermitteln.“

Don Williams

Mit Allen Reynolds produzierte Williams seine erste Solo-LP mit dem Titel „Don Williams, Vol. 1“. Das Album war komplett anders als die üblichen Produkte aus Nashville. Reynolds sagte damals dazu: „Don machte reine Country Music – nur ganz anders!“ Jetzt nahm die Karriere des Don Williams langsam Fahrt auf. Eine gradlinige, saubere Karriere, begleitet und gespickt mit jede Menge ganz typischer Songs wie sie nur dieser „Gentle Giant“ singen konnte. Ähnlich wie auch sein Kollege Conway Twitty wusste Williams sehr genau, welcher Song zu ihm passte und nur solche nahm er auf.

Auf dem kleinen Label JMI hielt er Einzug in die Country Charts, mit Liedern wie „The Shelter Of Your Eyes“, „Come Early Morning“ und „Amanda“. Erstaunlich, dass er mit diesen Klassikern, die gleich den typischen „Don Williams Sound“ trugen, noch nicht die Top Ten knacken konnte. Vielleicht war das Publikum zu überrascht von diesem aus dem Sound und dem Interpreten samt Songs geschnürten Paket. Den ersten Top 5 Hit verbuchte Williams 1974 mit seiner 5. Single „We Should Be Together“. Im gleichen Jahr kam der Wechsel von JMI zu Dot bzw. ABC/Dot, später in MCA und mit der ersten dort veröffentlichten Single stellte sich fast folgerichtig seine erste Nr. 1 ein: „I Wouldn’t Want To Live If You Didn’t Love Me“. Damit setzte er zu einem ungeahnten Höhenflug an. Seine Alben gingen weg wie warme Semmel, seine Konzerte entwickelten sich zu Rennern. Vor allem im United Kingdom rissen sich die Fans um ihn, Don Williams gehörte zu den meist verkaufenden Interpreten aller Sparten. Das Album „Visions“ wurde in England bereits am Tage seiner Veröffentlichung vergoldet. Sein „You’re My Best Friend“ wurde auf der Insel zur besten Country-Produktion aller Zeiten erkoren. 1978 befanden sich nicht weniger als sechs Alben von Don Williams gleichzeitig in den britischen Charts.

„You’re My Best Friend“ war natürlich auch in den USA 1975 an der Spitze der Charts. Es folgten weitere Nr. 1 Singles: „(Turn Out The Light And) Love Me Tonight“, „Till The Rivers All Run Dry“, „Say It Aagain“, „She Never Knew Me“ „Some Broken Hearts Never Mend“, „I’m Just A Country Boy“, „Tulsa Time“, „It Must Be Love“, „Love Me Over Again“, „I Believe In You“, „Lord I Hope This Day Is Good“, „If Hollywood Don’t Need You“, „Love On A Roll“, „Stay Young“ bis zu „That’s The Thing About Love“ 1984. Ebenfalls ein Knaller das zärtliche, einfühlsame Duett mit Emmylou Harris: „If I Needed You“, geschrieben von Townes Van Zandt. Damit nicht genug, seine Alben waren gespickt mit weiteren brillanten Songs, die allerdings nicht alle als Singles ausgekoppelt wurden. Stellvertretend möchte ich nur das wunderschöne „Where The Arkansas River Leaves Oklahoma“ erwähnen.

Möglich wurden diese Erfolge vor allem auch dadurch, dass Williams eine feste Crew um sich aufgebaut hatte, man verstand sich blind untereinander. Neben dem bereits erwähnten Garth Fundis waren dies seine Songwriter Kollegen Wayland Holyfield, Bob McDill, Allen Reynolds, die Studiomusiker und seine eigene Band. Don Williams wusste genau, was er wollte und was er nicht wollte, er brauchte ein berufliches wie privates Umfeld, das intakt war, Menschen, auf die er sich in jeder Beziehung verlassen konnte. Williams erläutert: „Ich wollte für Jahre eine feste Studiocrew, Musiker, die ohne viel Anweisungen oder Erklärungen meine Ideen und Vorstellungen umsetzen können. Über viele Jahre arbeitete ich mit Joe Allen (Bass), Lloyd Green (Pedal Steel), Kenny Malone (Drums), Shane Keister und Charles Cochran (Keyboards), Billy Sanford, Dave Kirby, später mit Jimmy Colvard (Guitars) sowie Buddy Spicher (Fiddle). Auch die Band, mit der ich unterwegs zu Konzerten war, blieb lange unverändert. Dazu gehörten Danny Flowers (er schrieb übrigens „Tulsa Time“) als Lead Gitarrist, Pat McInerny (Drums), Biff Watson (Keyboards) und David Pomeroy am Bass.

Wie schon erwähnt, auf diese Weise ist es Don Williams gelungen, seine ganze aktive Zeit über einen Sound zu entwickeln, an dem er sofort erkannt werden konnte, noch ehe er selbst zu singen begann. Ein Sound, der perfekt auf seine so angenehme Stimme abgestimmt ist. Mich interessieren seit vielen Jahren neben den Sängern und Musikern vor allem auch die Songschreiber. In Don Williams hatte ich einen der Besten dieser Zunft in Personalunion vor mir. Ich empfand es als richtig angenehm, mit ihm auch über diese Seite seines Talentes ausführlich zu reden. Als Songschreiber schließlich hatte er in Nashville Fuß gefasst und seine Karriere begonnen. Auch bei dieser künstlerischen Tätigkeit hat er seine Prinzipien. Don Williams vermeidet Songs, in denen es um „lying, cheating, drinking“ geht, also um Lügen, Betrügen und Saufen. Nicht nur, dass er solche Lieder selbst nicht schreibt, er hat sie auch nicht aufgenommen. „Ich fühle mich für das, was ich sage, verantwortlich. Ich würde Dinge dieser Art nie fördern. Selbst wenn ich sie anprangern würde, wäre das eine Art von Förderung. Das hat etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Ich finde es herrlich, wenn die Menschen mich mit dem identifizieren, über das ich singe.. Es gibt genug andere Sänger, die diese Thematik in ihren Songs verarbeiten. Da bleiben für mich andere, angenehmere Themen übrig.“

Ein ganz typischer Williams-Song ist „Lord I Hope This Day Is Good“. Nicht von ihm sondern von Dave Hanner geschrieben, reflektiert der Song genau den Standpunkt, von dem Williams überzeugt ist. Ihm nimmt man diese Aussage einfach ab. Warum er den Song aufgenommen hat? „Zwei Dinge mochte ich sofort an diesem Song. Zum einen wird dem Hörer eine Meinung frisch und gradlinig mitgeteilt, ohne dabei aufdringlich oder predigend zu wirken. Zum anderen fühle ich, dass hier die Möglichkeit besteht, den Menschen etwas über Gott zu erzählen. Ich fühlte mich spontan gut mit diesem Song, das Publikum reagierte positiv – genau das mag ich, so sollte es sein.“

Obwohl er mit Auszeichnungen überhäuft wurde, legte Don Williams nie sonderlichen Wert auf Ruhm und Geld. Er bevorzugte andere Dinge, die sicher auch dazu beigetragen haben, dass er sich für seine Fans viel zu früh aufs Altenteil zurückgezogen hat. Wiederholt wurde schon vor Jahren versucht, ihn zu einem Gastspiel bei der Country Gala in Deutschland zu bewegen. Zur fraglichen Jahreszeit hielt er sich mehrere Wochen in seinem Refugium auf Hawaii auf und war durch Nichts zu bewegen, diese Idylle der Erholung zu unterbrechen.

Don Williams

Im Grunde verwendete Williams seine Musik dazu, den Menschen zu sagen, was er im Herzen fühlt und was er denkt. Er ist immer der stille, bescheidene Mann geblieben, der genau weiß, was er will, der seine Leistung herunterspielt, während er die Songschreiber, Musiker und Produzenten lobt, die ihm bei seiner Karriere zur Seite standen. Seine Karriere verlief genauso wie seine Einstellung zum Leben in moralischer und ethischer Hinsicht. Er ist seiner Musik und seinen Fans treu geblieben. Diese erwarteten eine gewisse Qualität bei seinen Tonträgern und Konzerten, einen Standard, den er selbst hoch angesetzt hatte. Für ihn beginnt diese Qualität immer mit dem Song: „Wenn ich mir Songs für ein neues Album anhöre und finde dabei kleine „Edelsteine“, bin ich immer wieder aufgeregt. Das ist aber auch die einzige Sache, über die ich mich wirklich aufregen kann, im positiven Sinn; wirklich gute Lieder elektrisieren“, meinte er augenzwinkernd.

Songschreiber haben nach Williams‘ Verständnis einen großen Anteil an seinem Erfolg. Insbesondere Bob McDill: „Bob ist ein Genie. Er versteht es, Kleinigkeiten geschickt in Worte zu verpacken. Ich mag Songs, die ein Thema anders anpacken, die das Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Genau das versteht Bob großartig. Und er hat begriffen, dass es keinen Sinn macht, ein Lied speziell für mich zu schreiben. Das haut nicht hin. Bob denkt nicht darüber nach, was gerade angesagt sein könnte. Er hat eine Idee und daraus macht er einen Song. Oft genug passte der Song dann für mich. Ein Song von der Kategorie, bei der man spontan sagt, den hätte ich selbst gern geschrieben. Für mich ist es enorm wichtig, dass das, was der Text sagen will, mit dem ein Verbindung eingeht, was die Musik sagen will.“ Dazu hat er im zweiten Teil seiner Karriere auch immer wieder auf Lieder zurückgegriffen, die aus einer ganz anderen Musikrichtung kamen. Dabei bewies er das richtige Fingerspitzengefühl, wie man sie in den Sound einkleidet, den man von ihm gewohnt war. Beispiele: „Stay Young“, „Reason To Believe“, „Pretend“, „The Letter“.

Man mag seine Lieder als bieder einstufen, sie sind aber ehrlich und vor allem richtig gute Country Music. Er hat nie nach dem schnellen, vielleicht kurzlebigen Erfolg geschielt oder sich an Trends gehängt. „Ich bin kein Outlaw, ich rühre auch nicht in der Nashville-Suppe herum. Ich mache meine Arbeit, einfache und ehrliche Musik ohne Zugeständnisse an Produzenten, Plattenfirmen, Modeerscheinungen. Meine Persönlichkeit und mein Image nützen mir nichts, wenn die Musik es nicht in sich hat. Damit brauche ich zwar länger für den Erfolg – aber ich will es nun einmal so“, meinte er treuherzig schon vor mehr als 25 Jahren. Das hat seine gesamte Karriere bestimmt. Diese Einstellung behielt er bei als er 1986 zu Capitol wechselte und drei Jahre später bei RCA. Seine letzte Nr. 1 war seine erste Single bei Capitol mit dem Titel „Heartbeat In the Darkness“. Danach blieb er bis 1991 zwar ständig in den Top Ten präsent, seine Musik verlor nichts von ihrer Qualität und Magie aber die ganz große Zeit klang ganz allmählich aus. Nichts Ungewöhnliches, so ist es nahezu allen anderen großen Stars ergangen. Auch wenn Don Williams also den Charts adieu sagen musste, ein Publikumsmagnet blieb wer weiterhin in vielen Teilen der Welt. Was seine ausgedehnten Konzert-Tourneen Jahr für Jahr bewiesen bis er selbst den Schlussstrich zog. Hier schließt sich auch ein Kreis. Denn zu Beginn seiner Karriere war Williams in Europa erfolgreicher als in der Heimat, seine internationale Beliebtheit blieb ungebrochen. Das hat er nie vergessen: „Ich hatte in Europa, vor allem in Großbritannien und Irland mehr Fans als in ISA. Meine Platten verkauften sich richtig gut, warum, das habe ich nie begriffen, denn ich habe immer das Gleiche gemacht.“ In Deutschland freilich hat seine damalige Plattenfirma eine große Chance einfach verpennt. Der Name Don Williams ist hierzulande nie ein Begriff geworden, schon eher sein unverwüstliches „Some Broken Heart Never Mend“. Statt diesen Song richtig zu promoten überließ man der Konkurrenz das Feld, die das Potenzial dieses Songs erkannt hatte. So wurde die Version des „Kojak“ Darstellers Telly Savalas ein Hit in Deutschland und nicht das viel stimmungsvollere Original von Williams.

Wer Don Williams live erlebt hat, der wird bestätigen, dass man zu seinen Auftritten mit Fug und Recht „Konzert“ sagen kann. Völlig ohne technische Tricks liefen sie ab. Er stand am Mikrophon oder saß auf einem Hocker, um sich herum seine vertrauten Musiker und dann sang er. So wie man es von seinen Platten her kannte. Wenige verbindende Worte zwischen den Titeln. Er war der Mittelpunkt allein durch seine Ausstrahlung, durch seine warme, einschmeichelnde Stimme. Alles wirkte völlig locker, unaufgeregt, beinahe mühelos. Es war allenfalls zu ahnen, welche Kraft er in seine Musik investierte, wenn er etwa sagte: „Ich tauche komplett in einen Song ein, lasse mich von meinen Gefühlen tragen und vergesse mein Umfeld. Alles, was ich dann noch wahrnehme, sind Emotionen. Wenn das alles passt, wenn es so läuft, dann bin ich völlig eins mit mir.“ Und dann springt dieses Feeling auf den Hörer über, dann nimmt Williams ihn mit auf diese Reise in das Stück, in die Gefühlswelt des jeweiligen Songs. Und dann haben beide, Künstler wie Hörer etwas Tolles erlebt. Das können die Fans jetzt wieder haben, der „Gentle Giant“ ist zurück auf der Bühne.

Wieviel Substanz ihn diese, seine Arbeitsweise kostet, wurde erst in der Zeit vor seinem vorübergehenden Rücktritt offenkundig. Wenn er sich zwei Monate Auszeit nahm und nach Hawaii zurückzog. Wenn er seine Farm in Ashland City vor den Toren Nashville’s nur dann Richtung Music City verließ, wenn es unbedingt nötig war. Seine Begründung: „Ich versuche, so wenig Zeit wie möglich im Business zu verbringen. Denn wenn ich arbeite, dann bringe ich mich total ein. Die Musik hält mich im Geschäft, sie ist das Einzige, was ich arbeitsmäßig im Leben gemacht und an dem ich Spaß habe. Deshalb betrachte ich sie auch nicht als Arbeit und will sie vor allem so gut wie möglich machen, damit ich im Geschäft bleibe solange wie ich es möchte.“

Als er den Zeitpunkt 2006 gekommen sah, nahm er Abschied vom aktiven Musikerleben. Er hatte einmal gesagt: „Es ist überhaupt nicht wichtig, was andere Leute über mich sagen. Würde ich meine Aufmerksamkeit danach richten, verlöre ich sehr schnell meine Aufrichtigkeit – genau die ist ungeheuer wichtig in meinem Beruf.“ Nicht nur dort, auch sein Privatleben gestaltet er entsprechend seiner Prinzipien. Man kann nicht genug Hochachtung vor diesem Künstler haben, der 2010 in die Country Music Hall of Fame gewählt wurde. Fast zeitgleich gab Don Williams seinen Ruhestand zur großen Freude seiner immer noch riesigen Fan-Gemeinde zumindest teilweise auf. Denn seit Herbst 2011 geht er wieder auf Tournee, mit dem gleichen Sound, den man von ihm kennt und schätzt. Er hat nichts verlernt, seine Stimme ist ihm erhalten geblieben, sein Charisma ebenfalls. Einziger Unterschied vielleicht: er kann noch entspannter an seine Konzerte gehen, denn beweisen muss dieser Don Williams schon längst Niemandem mehr etwas. Nicht einmal sich selbst!

Ein neues Album, das erste seit 2004, steht zur Veröffentlichung ebenfalls bereit, „And So It Goes“ erscheint am 19. Juni 2012 bei Sugar Hill Records, dem Label, das zur Musik von Williams am besten passt. Seine Fans – und nicht nur die – dürfen sich freuen, „And So It Goes“ ist Don Williams wie zu seinen besten Zeiten. Als sei er nicht im Ruhestand gewesen. Garth Fundis fungiert wie früher als Produzent, die Musiker wie Kenny Malone und Billy Sanford, sind mit dem typischen „laidback“ Sound vertraut und Stars wie Vince Gill, Keith Urban oder Alison Krauss machten sofort mit. Für die zehn Songs zeichnen neben Williams selbst u.a. Al Anderson, Ronnie Bowman, Kieran Kane, Leslie Satcher und Williams‘ Sohn Tim als Autoren verantwortlich. Durchweg Balladen befassen sich die Lieder überwiegend mit dem Thema Liebe (meist aus der Sicht des Mannes), die Skala reicht von besinnlich über poetisch bis lebensfroh. Insbesondere „Better Than Today“, „What If It Worked Like That“ und „Imagine That“ präsentieren den lockeren, seit Jahrzehnten so unverwechselbaren leichten Upbeat- Sound.

Williams selbst sagt zum Album: „Ich habe es nicht gemacht, weil ich unbedingt ein weiteres Album zum Leben brauche sondern weil man mich über die letzten Jahre von vielen Seiten dazu ermutigt hat. Ich habe immer Songs gesucht und aufgenommen, die mich emotional ansprechen. Nachdem wir solche Songs gefunden hatten, sind wir ins Studio gegangen.“ Mit vollem Erfolg, denn auf derart simple, gradlinige, erdige Country Music von einem Sänger, der wie Williams seine Stimme als Instrument benutzt, haben viele Fans gewartet. Garth Fundis konstatiert: „Als wir mit den Vorarbeiten begannen, stellte sich diese magische Stimmung der früheren Zusammenarbeit sehr schnell wieder ein. Für alle Beteiligten war es so als ob wir nie aufgehört hätten.“ Für Nostalgiker gibt es das Album übrigens auch als Vinyl-LP

Als Künstler hat Don Williams im Laufe der Jahre reichlich „Material“ hinterlassen, um sich immer und immer wieder daran zu erfreuen. Dem fügt er nun hoffentlich nicht nur ein weiteres Kapitel hinzu. Als Mensch und Privatmann seien ihm noch viele Jahre bei guter Gesundheit im Familienkreis und mit der Entspanntheit gegönnt, die er mit seiner Musik bei so vielen Menschen bewirkt.

„Nichts in unserem Alltag ist wichtiger als der Umgang, den wir miteinander pflegen. Wenn man Songs schreiben und singen kann, die dieses Gefühl vermitteln, dann ist dies das schönste Geschenk. Wir Menschen bestehen aus Gefühlen. Wenn man die mit seiner Musik trifft, dann hast du alles richtig gemacht.“ Wenn Jemandem dies gelungen ist, dann diesem Don Williams. Er hat alles richtig gemacht.

And So It Goes
Titel: And So It Goes
Künstler: Don Williams
Veröffentlichungstermin: 19. Juli 2012 (USA)
Label: Sugar Hill Records
Format: CD

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