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Die Dylan-Haggard-Kontroverse

Bob Dylans überraschende Bemerkungen über Legenden der Countrymusik

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Bob Dylan Bob Dylan - Bildrechte: Sony Music

73 Jahre alt ist er nunmehr. Und doch gelingt es Bob Dylan wie keinem zweiten, immer wieder die Musikfreunde dieser Welt zu verblüffen und zu erstaunen. So legte er erst mit „Shadows In The Night“, einem Tribute-Album an die Songs des Great American Songbook“ ein spätes, überraschendes Meisterwerk vor, dann folgte nur kurze später eine weitere sensationelle Volte der Musiklegende. Bei der Preisverleihung „Musicares Person Of The Year“ hielt er eine mehr als 30-minütige Dankesrede, die aus zweierlei Gründen historisch zu nennen ist. Zum einen, weil er sonst bei solchen Gelegenheiten außer einem artigen „Thank You“ und einem miesepetrigen Gesichtsausdruck nie etwas zum Besten gibt, und zum anderen, weil er noch nie öffentlich live einen derartigen Einblick in sein Selbstverständnis als Songwriter gegeben und derart offen seine Einschätzungen über Freunde, Kollegen und Vorbilder mitgeteilt hat.

Respekt und Dank an Johnny Cash

Einen breiten Raum nahmen da in seinen Ausführungen natürlich auch die Kollegen der Country-Zunft ein. So fand er erneut warmherzige, respektvolle Worte für Johnny Cash: „Johnny war immer ein Gigant von einem Mann: Der Man in Black. Und ich werde für immer die Freundschaft wertschätzen, die wir bis zu dem Tag hatten, seit es keine Tage mehr gibt.“ Dylan erinnerte noch einmal daran, wie ihn Cash gegen seine Kritiker verteidigt hatte, als er begann Rockmusik zu machen: „… er veröffentlichte Briefe in Magazinen und sagte den Leuten, seid ruhig und lasst ihn singen. In Johnny Cashs Welt – ein Hardcore-Drama des Südens – gab es das nicht. Niemand hatte jemand anderem zu sagen, was er singen oder tun soll.“

Lob für Kris Kristofferson, Tadel für Tom T. Hall

Eine ebenso große Wertschätzung wurde auch Kris Kristofferson zuteil. Dylan spießte die Nashville-Szene in den Sechzigern vor Kris Kristofferson auf. Der Songwriter Tom T. Hall war für ihn das Beispiel einer selbstgefälligen Nashville-Szene, die ja auch Willie Nelson zurück nach Texas trieb. Die versuchte, mit cleveren, trivialen Songs, die Leute zu gewinnen. So wie in Tom T. Halls Song „L Love“: „Da versuchte er Dir weiszumachen, er wäre wie Du und Du wärst wie er. Wir alle lieben die gleichen Dinge und darin sind wir alle vereint. Tom liebt kleine Baby-Enten, langsam fahrende Züge und den Regen. Er liebt alte Pickup-Trucks und den kleinen Landbach. Schlaf ohne Träume. Bourbon in einem Glas. Kaffee in einer Tasse. Tomaten an einem Strauch, und Zwiebeln.Ich möchte nicht sagen, dass das ein schlechter Song ist, ich möchte nur sagen, er scheint etwas zerkocht zu sein.“ Rumms, das hatte gesessen! Sowohl der Inhalt der Kritik, als auch die Pointe.

Für Dylan gibt es ein Nashville vor und nach Kris Kristofferson. „Er kam in die Stadt wie eine Wildkatze und landete mit dem Hubschrauber hinter Johnny Cashs Haus, er war nicht der typische Songwriter. Und er ging einem direkt an die Kehle.“ Als Beweis zitiert er dann aus „Sunday Morning Coming Down“. Was Dylan sagen wollte war: Die neuen Songwriter wie Kristofferson, schrieben über Menschen, Gefühle, dem Lauf der Welt. Und nicht über nette Menschen, die nette Dinge tun. Nein, die neuen Songwriter schrieben über Versager und Ausgestoßene, über Liebe, Mord und Verzweiflung. Tom T. Hall steht für Dylan für ein Songwritertum, das auf Nummer sicher geht und dass sich zur Songpoesie eines Kristofferson, Dylan oder Townes van Zandt verhält wie „Malen nach Zahlen“ zur Kunst eines van Gogh.

„Disst“ Dylan wirklich Merle Haggard?

Und wenn das alles schon in Amerika, dem Land der unverbindlichen Nettigkeiten nicht schon genug offene Kritik war, so entfachten seine Worte über Merle Haggard dann aber wirklich einen Sturm des Unverständnisses. Nun, was hatte die Musiklegende aus Minnesota über den „Okie From Muskogee“ eigentlich gesagt? Dylan sagte: „Merle hielt nicht viel von meinen Songs, aber Buck Owens schon, und Buck nahm auch einige meiner frühen Songs auf. Buck schrieb ‚Together Again‘ und das schlägt alles, was je aus Bakersfield gekommen ist. Buck Owens und Merle Haggard? Wenn man unbedingt jemandes Segen braucht, dann kann man es hieraus ableiten.“ Was auf den ersten Blick wie starker Tobak aussieht. und Merle immerhin nötigte per Twitter zu antworten: „Bob Dylan, ich habe Deine Songs seit 1964 bewundert“, hat Dylan nun ganz aktuell in einem Gespräch mit dem Journalisten Bill Flanagan – zu lesen auf www.bobdylan.com – sowohl konkretisiert, als auch relativiert.

„Nein, ich wollte Merle nicht dissen, nicht den Merle, den ich kenne. Worüber wir sprechen geschah vor langer Zeit, möglicherweise in den späten Sechzigern. Merle hatte einen Song, der hieß „Fighting Side of Me“ und ich sah ein Interview mit ihm, das handelte von den Hippies, Dylan und der Gegenkultur, und es brannte sich in mein Hirn ein und schmerzte, dass er mich in einen Topf warf, mit allem, was er nicht leiden konnte. Aber die Zeiten haben sich natürlich geändert und er sich auch. Wären heute Hippies da, wäre er auf deren Seite und er selbst ist nun Teil der Gegenkultur.“ Wow! Wieder einmal zeigt sich, dass Dylan weitaus reflektierter urteilt, als es leider oftmals viele Medien tun.

In der Tat ist Merle Haggard heutzutage genauso weit vom Mainstream entfernt wie Dylan. „Ja, die Dinge haben sich geändert“, sagt Dylan weiter, „ich bin mit ihm getourt und ich habe die höchste Achtung vor ihm, seinen Songs und seinem Talent … ich wollte sogar, dass er auf einer meinen Platten die Fiddle spielt. Er ist ein vollkommener Mensch und wir sind heute Freunde. Wir haben einiges gemeinsam.“ Mehr Respekt und Hochachtung geht nicht. Was Dylan eben sagen wollte war, dass Buck Owens damals im Gegensatz zu Merle seine Songs verstanden hatte, und Buck eben derjenige ist, der wie kein anderer für den Bakersfield-Sound steht. Und das schmälert Merle Haggards Bedeutung als Sänger-Philosoph des „Common Man“ in keinster Weise.

Dylan verehrt die großen Sänger und Songwriter der Countrymusik

Dylan hat uns mit seiner Rede und seinen Passagen über die Kollegen auch sein Verständnis der Countrymusik dargelegt. Er liebt die Countrymusik. Hank Williams, Johnny Cash, Kris Kristofferson, Willie Nelson und auch den von ihm nicht namentlich erwähnten Townes van Zandt verehrt er sehr. Was er verachtet, das sind die wohlfeilen Lohnschreiber des Nashville-Mainstreams. Zwar hat Kristofferson die Szene verändert und gerade die Alternative Country-Leute beziehen sich stark sowohl auf Kris, als auch auf Bob. Der Nashville-Mainstream aber, der oftmals über den problematischen Mischmasch aus Pickup, Party und Patriotismus nicht hinauskommt, der lebt auch weiter.

Bob Dylan jedoch ist mit 73 Jahren immer noch klug, bissig, reflektiert und originell wie eh und je. Und geht im April schon wieder auf Tour. Eine der Stationen: Nashville, Tennessee.

Rob Georg: Weitere Informationen hier klicken!
Über Thomas Waldherr (498 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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