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Bear’s Sonic Journals – Johnny Cash At The Carousel Ballroom

Soundmeister Owsley Stanley hat ganze Arbeit geleistet und Johnny Cash in Bestform!

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Johnny Cash At The Carousel Ballroom Johnny Cash At The Carousel Ballroom. Bildrechte: BMG Rights Management

Auch mehr als 18 Jahre nach seinem Ableben werden die Nachlaßverwalter von Johnny Cash immer noch fündig auf der Suche nach Musik, die es zweifelsfrei lohnt, veröffentlicht zu werden. So erscheint am 29. Oktober der Mitschnitt eines besonderen und bisher unveröffentlichten Konzertes unter dem Titel At The Carousel Ballroom.

Der Veranstaltungsort, von den Bands Grateful Dead, Jefferson Airplane, Quicksilver Messenger Service und Big Brother & The Holding Company kollektiv betrieben, lag mitten im Herzen der psychedelischen Hippie-Hochburg von Haight-Ashbury in San Francisco. Das Publikum hier war ganz andere Musik gewohnt, nur nicht Country!

Am 24. April 1968, noch bevor seine beiden kultigen und umsatzstärksten „Gefängnis“-Alben „At Folsom Prison“ und „San Quentin“ auf den Markt kamen, standen Johnny Cash und The Tennessee Three – Gitarrist Luther Perkins, Bassist Marshall Grant und Schlagzeuger W.S. Holland, ebenfalls auf der Bühne des Carousel Ballroom im Fillmore West. Wie Starfinder Stanley, der Sohn des Toningenieurs Owsley Stanley, später erklärte, war der Saal, der eine Kapazität von 3000 Besuchern hatte, nur zu gut einem Drittel gefüllt. „Johnny Cash betrat die Bühne des Carousel Ballroom, um für ein kleines Hippie-Publikum zu spielen.“ Wohl auch deshalb wich Cash von seiner üblichen, formalisierten Setlist leicht ab, spielte mit „One Too Many Mornings“ und „Don’t Think Twice It’s All Right“ auch zwei Bob Dylan-Stücke, aber auch den eigenen, etwas untergegangenen Song „The Ballade Of Ira Hayes“.

Kurz nach diesem Auftritt im April 1968 erschien übrigens das Album „At Folsom Prison“, doch an diesem Konzertabend wusste noch niemand der Zuhörer im Saal, was das für Cashs Popularität in der amerikanischen Musikgeschichte bedeuten sollte. Wenige Tage zuvor erst trat er vor den Insassen in Folsom auf, bei dem das legendäre Livealbum mitgeschnitten wurde und offensichtlich hatte Cash deshalb noch immer seine Gefängnis-Songs im Kopf, als er den Abend eröffnete mit den Worten: „Hier ist ein weiterer Song von der Show, die wir in Folsom spielten. Er ist auf dem Album, das in dieser Woche herauskommt.“ Dann begann er mit „Cocaine Blues“, lässt „Long Black Veil“ und seine Interpretation von „Going To Memphis“ folgen. Als Cash an das Mikrofon trat, für dieses ausnehmend schlecht verkaufte Konzert mitten in der Woche, wusste er noch nicht, dass er kurz vor einem großen Comeback stand. Aber er hatte „Freude in seinem Herzen, die Liebe seines Lebens neben sich, und er kam um zu spielen“. So erlebten die Zuhörer den Sänger gelöst, sicher und mit einer Portion Humor. Mit einem Wort: charismatisch! Das alles deutete schon hin auf eine weiter steigende Popularität. Cash-Historiker Mark Stielper erklärte sogar gegenüber dem Rolling Stone, dass die Show den Künstler „an der Spitze seines Aufstiegs“ zeigt, „kurz bevor er ein Prophet, Pilger und Bergbeweger, sowie Freund von Präsidenten und die Stimme Gottes wurde.“

Neben einem Johnny Cash, der während seines Auftrittes zu großer Form auflief, sich locker und souverän präsentierte, näherte sich im weiteren Verlauf die Show einem unbestreitbaren Höhepunkt, als June Carter die Bühne betrat. Gemeinsam sangen sie (natürlich) „Jackson“. Danach scherzte June: „Geben wir John ein wenig Zeit, um durch zu atmen und so lange singe ich euch ein paar Songs.“ Nach „Tall Lover Man“ eilte sie schnell durch einige „Standards“ ihrer eigenen Geschichte und die der Carter Family mit Fragmenten aus „Wildwood Flower“, „Foggy Mountain Top“, „This Land Is Your Land“, Wabash Cannonball“ und „Worried Man Blues“. June präsentierte sich in diesen Minuten genauso, wie man sie doch später eigentlich immer auf der Bühne erleben konnte: sehr souverän und voller überschäumender Energie, die nicht nur in ihrem Gesang explodierte. Im Gegensatz zu Cash, der bei seinen Auftritten eher ruhig und bedächtig wirkte, konnte es bei June schon einmal vorkommen, dass sie im Eifer des Gesangs ihre Schuhe mit Schwung von sich warf, um zu tanzen. Hier kann man das zwar nicht sehen, aber sich beim Zuhören wahrlich bildlich vorstellen. Zum Abschluss präsentierten June und John zusammen „Long Legged Guitar Pickin‘ Man“, bevor die Show sich zum Finale steigerte und die Hits nur so sprudelten: „Ring Of Fire“, Big River“ und natürlich „I Walk The Line“.

Für den guten Ton sorgte an diesem Abend der Soundmann der Greatful Dead, Owsley Stanley, der auch die meisten Konzerte an diesem Ort mischte. Stanley, den alle Welt nur „Bear“ nannte, war Pionier vieler Innovationen im Live-Concert-Sound, die heute das Fundament der Branche bilden, 1968 diente ihm das Carousel als eine Art Labor für die Entwicklung seines Soundsystems. Er bastelte ständig herum und verfolgte seine Experimente Nacht für Nacht akribisch auf Bändern, die er seine Schall-Tagebücher nannte. Seine Aufzeichnungen erlaubten ihm, eine Show später mit kritischem Ohr noch einmal zu hören, um zu verstehen, wie der Raum in einer bestimmten Nacht klang, und darüber nachzudenken, wie er verbessert werden könnte. Deshalb gelang es ihm auch, die vorliegenden Aufnahmen in hervorragender Sound-Qualität festzuhalten. Denn während die Aufnahmen in den Gefängnissen eine raue, ungeschliffene Wirklichkeit darstellten, weil sie an Orten entstanden, die nicht für Sound-Aufnahmen gemacht wurden, hat dieser Mitschnitt im Carousel Ballroom eine ganz andere Grundlage. Denn das war ein Konzertsaal und hier konnte Stanley, auch anhand seiner Aufzeichnungen, den Klang optimieren und anpassen. Beim Hören kann man sich durchaus so fühlen, als sitze man mitten im Publikum. Die Klangqualität ist auch heute noch, mehr als 50 Jahre später, (im zeitlichen Kontext) überragend.

Fazit: „At The Carousel Ballroom“ ist ein bisher unentdecktes, frühes Juwel eines Johnny Cash-Konzertes. Oder, wie John Carter Cash, der Sohn von Johnny Cash und June Carter, es formulierte: „A Masterpiece. Dad gave what I believe to be one of the most intimate and connected shows I have ever heard.“ Auch für die äußere Gestaltung der CD hat sich Susan Archie große Mühe gemacht. Die CD erscheint in einem hochwertigen Mediabook und enthält auf zahlreichen Seiten (gutes Papier!) neue Essays von John Carter Cash, Starfinder Stanley, Bob Weir (The Grateful Dead) und Dave Schools (Widespread Panic), sowie Kunstwerke von Susan Archie und eine Reproduktion des Originals Carousel Ballroom Konzertplakat von Steve Catron. Muss man einfach im Plattenschrank haben!

Bear’s Sonic Journals – Johnny Cash At The Carousel Ballroom: Das Album

Bear's Sonic Journals - Johnny Cash At The Carousel Ballroom

Titel: Bear’s Sonic Journals – Johnny Cash At The Carousel Ballroom
Künstler: Johnny Cash
Veröffentlichungstermin: 29. Oktober 2021
Label & Vertrieb: BMG Rights Management (Warner)
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 28
Genre: Country

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Trackliste: (Johnny Cash At The Carousel Ballroom)

01. Cocaine Blues
02. Long Black Veil
03. Orange Blossom Special
04. Going To Memphis
05. The Ballad Of Ira Hayes
06. Rock Island Line
07. Guess Things Happen That Way
08. One Too Many Mornings
09. Don’t Think Twice, It’s All Right
10. Give My Love To Rose
11. Green, Green Grass Of Home
12. Old Apache Squaw
13. Lorena
14. Forty Shades Of Green
15. Bad News
16. Jackson
17. Tall Lover Man
18. June’s Song Introduction
19. Wildwood Flower
20. Foggy Mountain Top
21. This Land Is Your Land
22. Wabash Cannonball
23. Worried Man Blues
24. Long Legged Guitar Pickin‘ Man
25. Ring Of Fire
26. Big River
27. Don’t Take Your Guns To Town
28. I Walk The Line

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Über Andreas Weihs (121 Artikel)
Fotograf und Journalist. Fachgebiet: Country & Folk. Rezensionen und Konzertberichte.