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Neil Young & Crazy Horse: Barn

Die Altmeister reiten wieder. Das Gelände und die Pferde sind zwar bekannt, der Ritt selber aber ist eine Meisterleistung.

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Neil Young & Crazy Horse - Barn Neil Young & Crazy Horse - Barn. Bildrechte: Reprise Records (Warner)

Sie bilden eine der ältesten, unverwüstlichsten und legendärsten Kollaborationen in der der Geschichte der Rockmusik: Neil Young & Crazy Horse. Seit mehr als 50 Jahren arbeiten sie zusammen. Im 1969 erschien ihr Debüt-Album „Everybody Knows This Is Nowhere“. Unglaublich wie weit das alles weg zu sein scheint. In diesem Jahr landete die USA auf dem Mond und führte unvermindert Krieg in Vietnam. Richard Nixon wurde US-Präsident und Willy Brandt Bundeskanzler. Die Beatles brachten mit „Abbey Road“ ihr letztes gemeinsames Album heraus, Johnny Cash hatte eine eigene Fernsehshow und Bob Dylan brachte ein Country-Album heraus und trat nicht bei Woodstock auf. Denn Hippie-Träume waren nicht seins. Im Gegensatz zu Neil Young, der mit Crosby, Stills & Nash beim großen Festival im August 1969 dabei war.

Neil Young bleibt immer Neil Young

Neil Young ist eines der großen Phänomene der Rockmusik. Seine Kunst ist tief verwurzelt in Folk, Country und Rock und doch hat er etwas ganz eigenes geschaffen. Er war über die Jahre sowohl als Solokünstler, wie auch als Kompagnon von Crosby, Stills und Nash sowie eben mit Crazy Horse erfolgreich. Er beherrscht das Metier des sparsamen Akustik-Folk genauso – sein späterer Freund Bob Dylan soll über „Heart Of Gold “ ebenso bewundernd wie verärgert gesagt haben „Scheiße, das bin ich. Wenn es nach mir klingt, sollte es auch ich sein“ – genauso wie den harten Rock. Und just das Debütalbum von Neil Young und Crazy Horse gilt als erstes Grunge-Rock-Album der Geschichte.

Nun also mehr als 52 Jahre später Barn. Es muss den mittlerweile älteren Herren in den Siebzigern ein großes Anliegen gewesen zu sein, gemeinsam dieses Album aufzunehmen. Der gleichnamige Film – „The Barn“ – zeigt diese legendäre Band bei der Aufnehme des Albums. Man kommt dabei ihnen und ihrem lockeren Humor, ihrer Brüderlichkeit, ihrer Menschlichkeit und ihrer Musik dabei nah und spürt wie eng und vertraut die Herrschaften miteinander sind. Der Film wird auf einer De Luxe-Version des Albums als auch als eigenständige Blue Ray-DVD erhältlich sein.

Crazy Horse 2021 sind Ralph Molina am Schlagzeug, Billy Talbot am E-Bass und Multi-Instrumentalist Nils Lofgren. Lofgren, ein Gründungsmitglied von Crazy Horse, spielte bereits auf „Tonight’s The Night“, „After The Gold Rush“ und „Trans“. Er war daneben auch als Solo-Künstler erfolgreich und ist auch Mitglied der zweiten großen traditionellen Rockband unserer Zeit: Bruce Springsteens E-Street-Band.

Die Musik des neuen Albums ist eines nicht: Überraschend. Während Bob Dylan sich musikalisch bis heute immer wieder neu erfindet, ist Neil Young musikalisch sich immer treu geblieben. Selbst wenn er mal mit anderen Bands fremd geht wie mit „Lukas Nelson & Promise of the Real“ – dann klingt es immer nach Neil Young. Mal zart, mal brachial aber immer geradeaus. Seine markante hohe Stimme scheint sich über die Jahre kaum verändert zu haben. Und genauso ist auch „The Barn“. Keiner erfindet sich hier neu. Nein sie machen das was ihnen gefällt, was sie am besten können und das was sie zusammenhält. Eben gerade ausgehenden Gitarren-Rock, der von einer freudigen Naivität gekennzeichnet ist, die wirklich von Herzen kommt. Und auf diesem Alterswerk scheint das noch ein bisschen mehr zu gelten.

Mal innerlich, mal politisch

„Song Of The Seasons“ ist der bittersüße Auftakt des Albums. Ein feiner Folksong, in dem Young über Vergänglichkeit und Beständigkeit sinniert. Aber schon beim nächsten Song sind die für die Band charakteristischen Gitarrentöne zu hören. Dabei wird das Tempo nur ein bisschen angezogen. Denn der Altmeister memoriert sich in die frühe Jugend zurück. Als seine Eltern sich trennten und er mit seiner Mutter in den Westen zog und von ihr seine erste Gitarre bekam. Wunderschön wie Young hier ganz ehrlich sentimental wird.

Doch Neil Young wäre nicht Neil Young, wenn er sich nur auf Kindheitserinnerungen; Wildniserfahrung und Männerbünde als Themen seiner Songs beschränken würde. Mit „Change Ain’t Never Gonna“ legen er und die Band ein ökologisches Bekenntnis gegen den unbegrenzten Wachstum auf der Basis der fossilen Brennstoffe ab. Allerdings eines, das nicht so recht optimistisch klingt. Bei der derzeitigen Weltlage in punkto Klimaschutz ist ihnen das nicht zu verdenken. Young war immer auch politischer Beobachter und Aktivist in Sachen Ökologie.

Und politisch geht es auch mit „Canerican“ weiter. Er spielt hier auf den Umstand an, dass er in Kanada geboren ist, aber schon lange einen Großteil seines Lebens in den USA verbringt. So ist er schließlich vor der letzten Wahl US-Staatsbürger geworden, um mitzuhelfen, Trump abzuwählen. Das ist geschafft. Doch wohin entwickelt sich das Land? Die Gefahr einer autoritären Herrschaft in den USA ist noch nicht überwunden, also bleibt der Song in der Schwebe.

Dann folgen zwei eher introspektive Songs über Liebe und Abschied – „Shape Of You“ und „They Might Be Lost“, die textlich im Ungefähren angesiedelt sind und zum Spekulieren einladen. Verarbeitet er hier die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Pegi und die Hinwendung zu seiner jetzigen Frau Daryl Hannah?

Lebendige Hippieträume

„Human Race“ ist dagegen wieder ein „Bekenntnissong“. Ein elegischer Rocksong, der der Frage nachgeht, wer die Menschen vor der sozialökologischen Krise retten kann. Tatsächlich die junge Generation? Der Wechsel zum nächsten Song zeigt ganz deutlich eine Qualität dieses Albums auf. Tempi und Arrangements, Stimmungen und Themen variieren und geben dem Album den richtigen Dreh, der einen dranbleiben lässt. Denn „Tumblin‘ Thru the Years“ ist wieder so eine innere Retrospektive über Liebe und Jahre ohne Liebe. Ganz sanft und fast schon verletzlich gesungen, ganz fein und zurückhaltend gespielt.

Dies bleibt auch bei „Welcome Back“ so. Hier sinniert der Sänger über ein Wiedersehen, das sich irgendwie nicht mehr so richtig gut anfühlt. Und aus dem Album gehen die Jungs dann mit der wunderbar fröhlich-naiven Beschwörung „Don’t Forget Love“. Ob Verbrechen, TV-Moderatoren oder wenn die Welt dich einfach runterzieht – vergiss die Liebe nicht. Neil Youngs Hippieträume sind lebendiger denn je.

Fazit: Ein Album von Neil Young & Crazy Horse wie man es sich zu Weihnachten wünscht. Alles klingt vertraut, es mischen sich aufrüttelnde mit geheimnisvollen Tönen, Protestsongs und Liebeslieder wechseln sich ab, und am Ende hat eine der wichtigsten und besten Formationen der Rockgeschichte wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, warum sie da oben stehen. Ein Juwel von einem Album!

Neil Young & Crazy Horse – Barn: Das Album

Neil Young & Crazy Horse - Barn

Titel: Barn
Künstler: Neil Young & Crazy Horse
Veröffentlichungstermin: 10. Dezember 2021
Label: Reprise Records (Warner)
Formate: CD, Vinyl & Digital, Kassette
Tracks: 10
Genre: Rock, Americana

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Trackliste: (Barn)

01. Song Of The Seasons
02. Heading West
03. Change Ain’t Never Gonna
04. Canerican
05. Shape Of You
06. They Might Be Lost
07. Human Race
08. Tumblin‘ Thru The Years
09. Welcome Back
10. Don’t Forget Love

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Über Thomas Waldherr (713 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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