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Dylans Country: Bob Dylan und die Country- und Westernmusik (1. Teil)

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Bob Dylan und die Countrymusik verbindet mehr als „Nashville Skyline“. Anlässlich des Siebzigsten Geburtstag des Meisters in diesem Jahr, hat sich Thomas Waldherr mit den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen dem Ausnahmekünstler und dem Musikgenre auseinandergesetzt. Die Geschichte einer immerwährenden Verbindung.

Die Musik von Bob Dylan und das was hierzulande weitläufig als Country firmiert, werden in der öffentlichen Wahrnehmung noch sehr oft als gegensätzliche Welten angesehen. Hier der Protestsänger und Folkrocker eines gesellschaftskritischen, linksliberalen Publikums, dort die Musik der Weißen aus dem konservativen Heartland. Doch so einfach ist es bei weitem nicht. Denn es gibt eine Verbindung von Dylan – den man ohnehin als einen der Väter des „Americana“ bezeichnen könnte – und seiner Musiktradition zur Countrymusik. Die Beziehung ist komplex, aber vor allem: Sie ist tief, und beständig und stabil.

Bob DylanDoch beginnen wir am Anfang. Für den jungen Bobby Zimmermann aus der jüdischen Mittelklasse-Familie aus der Iron Range, dem trostlosen Bergwerks-Landstrich im Norden Minnesotas muss die bleierne Eisenhower-Ära der 1950er Jahre noch viel bleierner gewesen sein. Außer dem örtlichen Kino gab es da nicht wirklich viel Abwechslung.

Wie spannend muss da die Welt aus dem Äther gewesen sein. Und da war die Countrymusik aus dem ländlichen Süden der USA, präsentiert in der „Grand Ole Opry“- Radioshow sicher schon eine Art „Aha-Erlebnis“. Und Hank Williams muss sowohl als Sänger und Songwriter, als auch als „Role-Model“ schon eine Offenbarung für den kleinen Bobby gewesen sein. „Ich wollte immer schon Gitarrist und Sänger sein. Seit ich zehn, elf oder zwölf war, war das das einzige, was mich interessierte …“, blickte Dylan später auf seine Jugend zurück.

Mitte der 50er paart sich die Countrymusik im tiefen Süden der USA mit dem Rhythm & Blues der Schwarzen, erst entsteht der Rockabilly, dann der Rock’n’Roll. Der junge Bobby Zimmermann sog diese Musik auf wie ein Schwamm – insbesondere Buddy Holly war sein Favorit – und wollte so – steht es im Schuljahrbuch geschrieben – Little Richard nachfolgen. Doch erst einmal folgte er einem anderen Idol nach: Woody Guthrie

Folkmusik als politische Waffe: Woody Guthrie

Bob Dylan lernt die Musik Woody Guthries an der Universität von St. Paul, Minnesota, kennen. Ihn faszinierte das Leben von Guthrie, der während der Zeit der Depression in den 30er Jahren als „politischer Hobo-Agitator“ quer durch die USA unterwegs war, und versuchte die Land- und Industriearbeiter in ihre Interessenskämpfen mit Songs zu unterstützen. Guthrie nahm sich viele alt bekannte Folk- oder Old Time-Songs und dichtete sie zu den neuen Zwecken um. Damit schöpfte er aus denselben Quellen wie beispielsweise die Carter Family oder Jimmie Rodgers. Die Countrymusik und der politische Folk haben also die gleichen Wurzeln. Ein Umstand, der dem wissensdurstigen Bobby Zimmermann natürlich nicht entging. Erst einmal wollte er aber das Erbe von Woody Guthry weiterführen. Im gelang mehr als das: Er wurde in den frühen Sechzigern zur Protestsängerikone und zum Heilsbringer der Gegenkultur. Ganz schön viel für einen, der eigentlich nur Sänger und Gitarrist werden wollte.

Bruder im Geiste: Johnny Cash

Johnny war soviel Country, mehr ging nicht. Sein Vater war ein armer Baumwollpflanzer aus Arkansas, dessen Familie Nutznießer der Rooseveltschen Sozialpolitik war. Sie bekamen ein kleines Stück Land und lebten mehr schlecht als recht davon. Für Johnny war Armut nichts besonderes, ebenso wie die tiefe Religiösität des Südens. Aber er hatte stets auch eine rebellische Seite und das Gefühl und das Verständnis für die gemeinsamen Wurzeln von Folk und Country. Daher trat er auch beim Newport Folk Festival auf und setzte sich für Bob Dylan, wie er nun hieß, ein, als dessen Vertrag bei Columbia nicht verlängert werden sollte. Dylan inspirierte ihn in den 60ern so sehr, dass er von da an Topical Songs und gesellschaftskritische Balladen ebenso wie Dylan-Songs zu seinem Standardprogramm gehörten. Und als Dylan dann Ende der 60er selber sich der Countrymusik zuwandte, da nahm er ihn schon etwas an die Hand. Legendär ist bis heute das Duett der Beiden in Cashs Fernsehshow. Die Ikone der Protestkultur und der angebliche Barde des weißen Konservatismus zusammen beim Musizieren, das war ein klares politisches Statement. Trotz Vietnam-Krieg, Gegenkultur, Demonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen hieß Cashs Botschaft: Amerika ist großartig, hat Platz für viele Meinungen und darf nicht auseinander brechen.

Der Türöffner: Bob Johnston

Der Bob Dylan der Mittsechziger Jahre war ein hipper Jüngling mit langen Locken, engen Hosen, gepunkteten Hemden und Sonnenbrille. Seine Musik war urban und erreichte die Kids der Metropolen und Universitäten. Ein Zufall wollte es so, dass sein langjähriger Produzent Tom Wilson – ein schwarzer Gentleman, der vom Jazz kam – sich zurückzog und die Wahl von Columbia als dessen Nachfolger auf Bob Johnston fiel. Bob Johnston war von der Country- und Rockabilly Musik geprägt. So schrieb beispielsweise seine Mutter einige Hits für Gene Autry. Johnston brachte Dylan erstmals mit der Country-Szene in Verbindung als er das Album „Blonde on Blonde” produzierte und dessen Aufnahme nach Nashville verlegte. Den lang gedienten Nashville-Musikern war der lockige Hipster Dylan schon fremd, aber die Verbindung funktionierte, und „Blonde on Blonde“ wurde eines seiner erfolgreichsten Alben.

Geerdet: Mit „The Band“ im Keller

Dylan erwarb in der Zusammenarbeit mit den gewieften Musikern, die als Gebrauchsband jahrelang durch Kneipen und Pubs, Juke Joints und Honky Tonks, Clubs und Spelunken gezogen waren in Sachen Tiefe des Musikverständnisses wichtige Kentnisse. Mehr als hundert Songs nahmen Dylan und „The Band“ vom Frühjahr bis Herbst 1967 im Keller von Bob Dylans Haus auf. Das große musikalische Talent, sein Gespür und Instinkt für die Musik bekam nun einen musikalischen Kanon. Und Countrymusik war ein wichtiger Teil davon. Und Bob Dylan wäre nicht Bob Dylan, wenn er nicht diese Musik nach seinem Gusto genutzt und weiterentwickelt hätte.

John Wesley Harding und Nashville Skyline

Denn mit seinen beiden nächsten Alben wandte sich Dylan dann ganz der Countrymusik zu. War John Wesley Harding nach heutigen Maßstäben eher ein Alternative Country- oder Country-Folk-Album, so war Nashville Skyline ganz mit dem Geist der Music City beseelt. Mit diesen beiden Platten hatte er sich endgültig eine Country-Grundlage geschaffen, auf die er sich während seiner ganzen folgenden Karriere immer wieder einmal stützen sollte. Für einige seiner Fans war es aber wieder einmal ein Ausverkauf. Nach dem Bruch mit der Folk-Szene nun der Abschied von der Gegenkultur im Allgemeinen. Und dennoch, wieder sollte Dylan Recht behalten: Er war seiner Zeit voraus und Musiker und Gruppen wie Gram Parsons, die Byrds, die Flying Burrito Brothers oder die Nitty Gritty Dirt Band folgten seinem Beispiel: Der Country-Rock war geboren!

Landei und Westernheld

Das Country- und Western-Thema sollte Dylan bis Anfang der 70er weiter beschäftigen. 1973 war er an der Seite von Country-Star Kris Kristofferson in Sam Peckinpahs Film „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ zu sehen. Die Rolle des „Alias“ war ihm auf den Leib geschneidert worden. Dazu komponierte er die Filmmusik und spielte sie ein. „Knockin‘ On Heaven’s Door“ wurde einer der Marksteine in Dylans Karriere. Der Titelsong „Billy“, auf der Platte in vier Versionen enthalten, fristet jedoch bis heute ein Schattendasein.

Dem wilden Outlaw-Leben im Film stand die Rolle des treu sorgenden Familienvaters im richtigen Leben entgegen. Zu dieser Phase des recht schaffenden Ernährers und Verteidigers der Familie passten seine Ausflüge ins Country-Genre wie die Faust auf Auge. Doch auch im späteren Verlauf seiner Karriere, verlor er nie die Beziehung zu dieser Musik.

 Lesen Sie hier den 2. Teil des Bob Dylan-Specials Dylans Country (2)

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Über Thomas Waldherr (508 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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