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Johnny Cash vor 10 Jahren

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Seinen letzten Auftritt absolvierte er zwei Monate vor seinem Tod. Hände stützten ihn, als er sich aus dem Rollstuhl vor das Mikro bewegte. Seine legendären Worte „Hello, I’m Johnny Cash“ waren beim Anblick dieser Person bereits ein Requiem. Und jeder wusste es.

Am 3. Juli 2003 besuchte Cash erneut das Carter Family Fold, Hiltons, Virgina, zu seinem letzten Auftritt, es war der zweite Teil eines aus gesundheitlichen Gründen unterbrochenen Konzertes vom 21. Juni. High Noon, eine Zeit unüblich für Cashs Auftritte. Es ist kein großes Fußballstadion mit 30.000 Zuschauern, keine ehrwürdige Grand ole Opry, keine europäische Festhalle, nein, einige Hundert Zuschauer sitzen auf Bierzeltgarnituren und warten.

Man weiß noch nicht, ob sich der kranke abgemagerte Country-Barde imstande fühlt zu singen. Ein autorisierter Hobby-Filmer hat die Kamera am Stativ ausgerichtet. Der Soundcheck als Showdown. Zuerst wird Johnny Cash angesagt, dann reingeschoben. Drei Schritte vom Rollstuhl bis zum Micro, vier Arme sind nötig; zitternd holt er ein Plektrum aus der Hosentasche, schaut, ob es das richtige ist, und als er endlich auf dem Wohnzimmerstuhl sitzt, fühlt er sich sichtlich besser. All das, was sonst dezent im Dunkeln bleibt, nämlich wie man ihm die Gitarre reicht und stimmt, ein Glas Wasser und das Micro platziert, all das Drumherum das sonst nur Backstager mitbekommen, wirkt wie eine peinliche Szene, und die Amateurkamera läuft.

Johnny Cash hat trotz brüchiger Stimme den gewohnten Folsom Prison Blues. In der Vorstellung könnte es sein wie immer – solange man die Augen schließt und nicht sieht, dass hier ein Mensch singt, der zwei Monate später tot sein wird. An der E-Gitarre steht das ehemalige Bandmitglied Jerry Hensley, der Sohn ist natürlich dabei und die Bluesgrass Tradition Band, sowie die Honoren der Carter Family Fold. Nur seine Frau June fehlt, sie starb am 15. Mai.

Man stellt sich vor, wie Cash im blauen Overall aus einer texanischen Margarinefabrik flüchtet, weil er lieber einem blonden Flittchen hinterher rennt das in die Metropolen der Ostküste möchte, „big river, why she doing me this way“, dazu diese unerträglichen Sonntage mit einer Tristesse, wie sie ihm Kris Kristofferson auf den Leib textete, „Sunday Morning Coming Down“, weil man sich am Samstag die Einsamkeit aus dem Balg gesoffen hat, sowie das Bekenntnis „I Walk The Line“, geschrieben in Deutschland, Landsberg am Lech, weil jede Wahrheit mindestens zwei Seiten hat. Und während Johnny Cash mit offensichtlichen Atembeschwerden seine Lieder interpretiert, herrscht hinter, auf und vor der Bühne eine Jahrmarktstimmung, was der alte schwarze Mann mit weißem Haar ohne sichtliche Regung hinnimmt, dazu war er zu lange im Geschäft, aber die Kontrolle über das Geschehen hat er längst abgegeben.

Johnny Cash bei einem seiner Auftritte

Was ist nicht schon alles über Johnny Cash geschrieben worden? Gibt es noch Geheimnisse? Einen sehr persönlichen Eindruck vermittelt das 2011 auf Deutsch erschienene Buch von John Carter Cash: „Mein Vater Johnny Cash“. Allerdings lässt der Sohn hauptsächlich den positiven Blickwinkel zu: „Es gab viele Niederlagen und Siege in seinem Leben, obwohl in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem die Siege bleiben.“ John Carter meint auch seine eigene Drogensucht, und von den Niederlagen des Vaters will man nicht sprechen, nicht vom Suizidversuch 1967 in der Nickajack-Höhle, nicht von den amorösen Abenteuern während seiner Ehe mit June oder die Jahrzehnte lang dauernde Alkohol- und Tablettensucht. Das ist Schnee von gestern. „Da gibt es nichts zu verheimlichen“, sagt John Carter Cash, „aber es ist nicht Bestandteil des Buches.“

Der Name Johnny Cash steht für Rebellion, Erneuerung, Erhalt und Konservativismus. Der Man in Black war imstande seinen Song „Ragged Old Flag“ – Hymne an alle Patrioten, mit folgenden Worten zu kommentieren: „Ich bin stolz auf die Freiheiten und Rechte in diesem Land. Ich bin stolz auf das Recht eine Waffe tragen zu dürfen, und ich bin auch stolz darauf, meine Flagge zu verbrennen. (Buhrufe) Aber wenn jemand meine Flagge verbrennt, erschieße ich ihn. Und ich erschieße ihn mit dem Stolz eines freien Amerikaners.“ (Applaus.)

1970 sang der ehemalige Staff Sergeant der Air Force vor Präsident Richard Nixon den „Vietnam Talkin‘ Blues“, und das war beileibe nicht mit dem Weißen Haus abgesprochen. Von seiner langjährigen Plattenfirma CBS presste der tief religiöse Cash unrentable Gospel- und Konzeptalben ab, im Gegenzug lieferte er Hits, die beiden das nötige Kleingeld in die Kassen spülten. Es gab Zeiten, da stieg Cash mit umgeschnalltem Revolver auf die Bühne, weil er Morddrohungen vom Ku-Klux-Klan bekommen hatte. Stimmt, Geheimnisse gibt es nicht mehr: Heute sind seine Habseligkeiten längst verramscht, Schrift, Bild und Ton vermarktet, sein Haus ist abgebrannt.

Als „The Last Performances“ werden diese Aufnahmen in Form einer Bootleg-DVD gehandelt – erschwinglich im Preis, minder in der Qualität, aber hartgesottene Fans zeigen Freude im eigenen Schmerz, wenn sie einen tot geweihten Mann sehen und hören, der im Rollstuhl auf die Bühne kommt. Ob als Tarnkappe des Mitgefühls, ob nackter Voyeurismus Triebfeder war, oder als letztes Geleit: man spürte, dass man dem Ende eines Prozesses beiwohnte. Handys klickten. Zuschauer schwatzten. Das Idol wurde lebendig begraben. Das Idol lächelte ihnen ein letztes Mal zu.

Johnny Cash war lebenslang ein Widerspruch, „a walking contradiction“, er war Prellbock und heranrasender Zug, und als man ihn von der Bühne rollte, hatte er getan was er tun musste, nämlich solange zu singen, wie es Gott erlaubte. Am 12. September 2003 entzog ihm Gott die Berechtigung.

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