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Bob Dylan spielt drei großartige Konzerte in Berlin

Dylan spielte an drei Abenden in der Verti Music Hall am Mercedesplatz.

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Bob Dylan Bob Dylan. Bildrechte: Sony Music, William Claxton

Dreimal hintereinander Bob Dylan in Concert in Berlin und der Chronist hat sie alle besucht. Da mag sich so mancher fragen „Was soll das? Lohnt sich das?“ Gerade, weil Dylan heutzutage Abend für Abend die gleiche Setlist spielt. Doch, doch für Dylan-Freunde lohnt sich das auf alle Fälle. Denn Setlist hin, Setlist her – kein Dylan-Konzert ist wie das andere. Und man kann mit allerlei neuesten Eindrücken ausgestattet, hinterher wieder einmal versuchen, das Phänomen „Dylan“ anderen näher zu bringen und über die abendliche Arbeit des Musikers hinter dem übergroßen Bild der globalen Musiklegende und des Literatur-Nobelpreisträgers berichten.

Der Künstler als Arbeiter

Denn Dylan ist in Studio und auf der Bühne ein Arbeiter. Die Worte und Verse, Noten und Strophen mögen ihm zufliegen. Deren öffentliche Umsetzung in Musik und Performance ist für ihn jedoch harte Arbeit. Von Dylan ist bekannt, dass er eigentlich ein eher schüchterner Zeitgenosse ist. Da er aber gleichzeitig jemand ist, der seine Werke öffentlich präsentieren will und muss, kann man sich dies als ziemliche Anstrengung für ihn vorstellen. Da dies sein Lebenselixier ist – wie bei den alten Bluesmen oder einem Willie Nelson – und ein hohes Maß an Arbeitsethos seine Konzertarbeit bestimmt, steht er, seit es im Rahmen der Pandemie wieder möglich ist, auch mit 81 Jahren um Punkt 20 Uhr auf den Konzertbühnen dieser Welt.

Die Dylan’sche Werkaufführung

Die aktuelle Setlist enthält siebzehn Songs, darunter außer „Murder Most Foul“ alle Songs seines aktuellen Albums „Rough And Rowdy Ways“ aus dem Jahre 2020. Ergänzt um einige Stücke aus den 1960er, 1970ern, 1980er und 2010er Jahren. Wobei er keinen einzigen seiner ganz großen Hits spielt: Kein „Blowin‘ In The Wind“, kein „Like A Rolling Stone“, kein „Mr. Tambourine Man“, kein „Kockin‘ On Heavens’s Door“. Stattdessen hat er Songs genommen, die zum inhaltlichen Konzept dieser Tour passen. Denn mit einem herkömmlichen Rock- und Pop-Konzert hat die Dylan’sche Werkaufführung nicht mehr viel zu tun. Die gut 110 Minuten, die er und seine Band auf der Bühne bestreiten, sind fest durchgeplant. Die Songs, ihre Reihenfolge, ihre Arrangements und die Beiträge der Musiker zum Gesamtkunstwerk sind unverrückbar.

In diesem Rahmen sind kleine Soli für Musiker, vor allem aber Dylans Stimmung und Haltung die einzigen Variablen. Und vor allem letztere könnten durchaus unterschiedlicher nicht sein. In Berlin, in diesen drei goldenen Oktobertagen wechselten diese von fragilem, düsterem Fatalismus, über vitalem und traurigem Leiden bis zum entspannten, doch noch mit Hoffnung versehenem Musizieren. Jedes dieser drei Konzerte war auf seine ganz eigene Weise großartig.

Zuhören und Hinsehen statt Filmen und Fotografieren

Dylan und seine Band spielen hochkonzentriert. Der Meister hat selten so gut und verständlich gesungen wie in diesen Tagen, die Musiker stehen im Halbkreis aufgereiht hinter Dylan und schauen ganz sorgfältig und manchmal auch durchaus angespannt dem Chef auf die Finger. Bei dieser hochkonzentrierten Bühnenarbeit stören den scheuen Singer-Songwriter Fotografen und Blitzlichtgewitter noch mehr als ohnehin. Und so sind diesmal nicht nur die Pressefotografen unerwünscht, sondern auch die privaten Handyaufnahmen. Die Smartphones werden vor dem Konzert von Ordnern in einer Art „Tresortasche“ verschlossen und diese dem Besitzer mitgegeben. Nach dem Ende des Konzerts werden die Tresore dann wieder geöffnet. Doch da es wohl auch trotz dieser Maßnahme einer im Publikum geschafft hatte, filmen zu können, unterbricht Dylan beim zweiten Abend zweimal „Black Rider“ und macht erst eine klare, verärgerte Ansage: „Wir können einfach aufhören zu spielen und uns hinsetzen, damit die Leute Fotos machen. Wir warten einfach eine Weile“. Dann setzt er zu spielen an, bricht erneut ab und bittet die Ordner, den Filmer zu entfernen. So manch einer befürchtet da einen Konzertabbruch. Stattdessen führt Dylans Verärgerung zu einer besonders starken Version von „Black Rider“. Man kann diese Vorgaben Dylans bezüglich privater Smartphones beklagen, aber es ist eine Wohltat, ein Konzert wieder einmal ohne die nervenden Dauerfilmer und -fotografierer erleben zu können. Zuhören und Hinsehen – darauf kommt es bei einem Konzert an!

Die Rough And Rowdy Ways-Tour

„Rough And Rowdy Ways World Wide Tour 2021 – 2024“ heißt diese Konzertreise und wer sich mit Dylan näher beschäftigt, der spürt doch eine gewisse Endlichkeit. Und wer Dylan an diesen drei Abenden gesehen hat, der merkt den Alterungsprozess. Dylan scheint nicht mehr so richtig gut zu Fuß zu sein. Meist sitzt er hinter dem Piano, im Parkett nur zu sehen, wenn er vom Hocker aufsteht und singt. Nur selten bewegt er sich schlurfend zur Bühnenmitte und deutet eine Verbeugung an, oder zeigt gar ein Show-Posing.

Die Themen von „Rough And Rowday Ways“, von Album und Tour, sind die Vergänglichkeit, die Endlichkeit und das Ewige, die helle und die dunkle Seite der Liebe, die Erlösung im Jenseits sowie die Katastrophen der Gegenwart. Sein Gottesglauben an die Erlösung im Jenseits wird ergänzt durch seine gesellschaftliche Dystopie. „Democracy don’t rule the world, You’d better get that in your head, This world is ruled by violence“, hat Dylan schon vor fast 40 Jahren in „Union Sundown“ gesungen und wenn man sich unsere Welt in diesen Tagen anschaut, hat er mehr denn je auch hier Recht behalten. All dies ist auch ist der inhaltliche Bezugspunkt seiner Konzerte, in die darum eben kein idyllischer „Tambourine Man“ und kein ausgelassenes „Rainy Day Women“ hineinpasst.

Stattdessen fügen sich eben Songs wie „Watching The The River Flow“, „Gotta Serve Somebody“ oder „Every Grain Of Sand“ gut ins Konzert ein. Andere Songs wie „To Be Alone“ oder „I’ll Be Your Baby Tonight“ werden durch ihr Arrangement und Dylans Performance, seine Haltung und seinen Gesang in die inhaltliche Nähe der bestimmenden Themen geführt. So wird aus dem fröhlichen Verlangen der Originalversion von „To Be Alone With You“ (1973) eine dunkle Ballade von jemandem, der mit der Angebeteten nur eine Stunde, in seinem Schloss auf dem Berg, gerne im Turm, zusammen wäre. Das hört sich nach keiner gesunden Liebesbeziehung an. „I’ll Be Your Baby Tonight“ verändert sich während der drei Berliner Konzerte von einer bedrohlichen Stimmung am ersten Abend in ein Hochamt der religiösen und weltlichen Liebe am Abschlussabend. Musikalisch wechselt Dylans früherer Honky Tonk-Schieber in der Version vom dritten Berliner Konzert vom Gospel zu Rhythm & Blues und wieder zurück. Dies zeigt nicht nur die verschiedenen Arten der Liebe, die aber nach Dylans Vorstellung ohnehin alle vom Schöpfer gegeben sind, sondern zeigt auch nochmal die Wurzeln und Entwicklungslinien afroamerikanischer Musik auf.

Drei Abende voller Höhepunkte

Überhaupt ist dieser Bob Dylan eigentlich ein begeisterter Musikhistoriker und –archäologe. Was er in ein Konzert – und manchmal in einen Song, alles hineinpackt ist ein wahres Füllhorn. Folk, Rock, Country, Blues sowieso. Aber wir hören auch Swing-Schlager („Old Black Magic Called Love“, natürlich!), Anklänge an Wiener Schrammelmusik („When I Paint My Masterpiece“) oder an das Menuett (sein Klavierspiel!)

Höhepunkte der drei Konzerte sind „I Contain Mulitudes“, in dem er sich uns in hohem Alter endlich erklärt, das schrammelige „When I Paint My Masterpiece“, das ebenso bedrohliche wie brutale „Black Rider“, die oben genannten dunklen Liebeslieder, das majestätische „Key West“, das in den Berliner Tagen vom dunklem Fatalismus zum Hoffnungsschimmer mäandert, sowie das traumhaft-heilende „Every Grain Of Sand“. Doch kein Song fällt ab, jeder ist in der durchorganisierten Dylan’schen Werkaufführung ein Juwel für sich.

Und so fügt Bob Dylan dem Konzeptalbum in der Populärmusik nun auch seine Art des Konzept-Konzerts bei. Diesen Aufführungen an drei Abenden folgen zu können, war eine ganz große Freude. Nicht nur für den hier berichtenden Chronisten, sondern auch für die jeweils etwa 2.500 Menschen im Publikum. Etliche Standing Ovations während und am Ende der drei Konzerte in der Verti Music Hall am Mercedesplatz sind der Beweis.

Bob Dylan: Setlist Berlin, Verti Music Hall, 5. – 7. Oktober 2022

01. Watching The River Flow
02. Most Likely You Go Your Way (And I’ll Go Mine)
03. I Contain Multitudes
04. False Prophet
05. When I Paint My Masterpiece
06. Black Rider
07. My Own Version of You
08. I’ll Be Your Baby Tonight
09. Crossing The Rubicon
10. To Be Alone With You
11. Key West (Philosopher Pirate)
12. Gotta Serve Somebody
13. I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You
14. That Old Black Magic
15. Mother of Muses
16. Goodbye Jimmy Reed
17. Every Grain Of Sand

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Über Thomas Waldherr (715 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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