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50 Jahre „Will The Circle Be Unbroken“

Das wegweisende Americana-Album der Nitty Gritty Dirt Band führte eine junge Generation von Folk- und Rockmusikern mit den alten Country-Helden zusammen und wurde im November 1972 veröffentlicht.

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Nitty Gritty Dirt Band Nitty Gritty Dirt Band: Bildrechte: Künstler, Promo. Photo-Credit: Jim McGuire

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, tendierten immer mehr Folk- und Rockmusiker dazu, sich auf die alten Wurzeln ihrer Musik zu besinnen. Wieder einmal war Bob Dylan als einer der ersten vorne mit dabei, als er erst 1966 „Blonde on Blonde“ in Nashville aufnahm, 1967 mit „The Band“ in Woodstock die „Basement Tapes“ einspielte und damit das Americana erfand, eher er 1968 mit „John Wesley Harding“ ein reduziertes Folk-Album und 1969 mit „Nashville Skyline“ schließlich ein Country-Album veröffentlichte, inklusive einem Duett mit Johnny Cash.

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Zur selben Zeit begannen Neil Young, Gram Parsons und „The Byrds“ oder John Fogerty und die „Eagles“ ebenfalls Rock mit Country zu vermischen. Es war die Gegenbewegung zum komplizierten und verkopften Art-Rock, Progressive Rock und Psychedelic Rock. Es sollte jedoch der Nitty Gritty Dirt Band vorbehalten sein, die beiden Musikstile in größerem Stil auch unter ihren Protagonisten zusammenzubringen.

Kalifornische Folk-Rocker …

Jeff Hanna, Jimmie Fadden und Les Thompson hatten bereits 1966 in Long Beach, Kalifornien, die Nitty Gritty Dirt Band gegründet, der zeitweise auch Jackson Brown angehörte. 1967 erschien ihr Debütalbum „Nitty Gritty Dirt Band“, sie hatten bescheidene Chart-Erfolge und traten im Fernsehen auf. Ihren Durchbruch aber erlebten sie 1970/71, als sie ohne Jackson Brown, aber dafür mit Banjo-Virtuose John McEuen und mit Jimmy Ibbotson die Alben „Uncle Charlie“ und „All The Good Times“ veröffentlichten und die Single-Auskopplung „Mr. Bojangles“, eine Jerry Jeff Walker-Komposition, in die Top 10 der Pop-Charts einstieg und bis heute einer ihrer Signature Songs ist.

Getragen vom Erfolg machte ihre Tour auch im Countrymusik-Mekka Nashville Station. Im Publikum sitzt, der legendäre Banjospieler Earl Scruggs, der ja früh schon die Musik der neuen Folk-Rock-Generation adaptiert und zusammen mit seinem musikalischen Partner Lester Flatt auch einige Bob Dylan-Songs aufgenommen hatte. Während Scruggs aufgeschlossen ist, will Flatt mit dem „Hippie-Zeugs“ doch schon bald nichts mehr zu tun haben, so dass das Duo zerbricht. Doch Scruggs möchte auf diesem Weg weitermachen und signalisiert Hanna & Co, dass er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte.

… treffen auf Countrymusiker aus den Südstaaten

War bislang das konservative Nashville-Establishment den Wünschen der Musiker einer Zusammenarbeit mit den „langhaarigen West Coast-Typen“ (Sänger und Musikverleger Roy Acuff) gegenüber recht reserviert gewesen, macht Scruggs jetzt den Weg frei. Zusammen mit William McEuen, Bruder von John, gewinnt er eine Reihe von alten Country- und Bluegrass-Stars für die Aufnahmen mit den kalifornischen Country-Folk-Rockern. Die sind nämlich sehr erfreut, dass sich 1971 inmitten des kommerziellen Nashville-Country-Pop-Sounds wieder jemand für ihre ursprünglichere Form der Countrymusik interessierte.

Und so folgten im August 1971 „Mother“ Maybelle Carter, Roy Acuff (!), Merle Travis, Jimmy Martin und Doc Watson dem Vorbild von Earl Scruggs und musizierten mit der Nitty Gritty Dirt Band im Studio. Gerne hätte man noch den „Vater des Bluegrass“, Bill Monroe dabeigehabt, doch der war noch nicht so weit, die kulturellen Schranken zu überwinden.

Angenehme und produktive Studio-Atmosphäre

Das aufrichtige Interesse und die große Begeisterung der Folk-Rocker für die traditionelle Countrymusik taten den alten Recken gut, und so entstand eine produktive, fast freundschaftliche Atmosphäre. Maybelle Carter, einst Teil der legendären Carter Family war über die Verbindung von Johnny Cash mit ihrer Tochter June ohnehin mit dem Rock’n’Roll-Lebensstil in Berührung gekommen. Sie spielte wunderbare Stücke ein und glänzte durch ihre musikalischen Fähigkeiten. Der eigentlich beinharte Konservative Roy Acuff, der während des New Deals Spottlieder auf ihn sang, nur um später selber politische Ambitionen zu hegen, roch wohl die Möglichkeit, seine etwas ins Trudeln geraten musikalische Karriere wieder aufzupeppen. Doc Watson dagegen hatte ja bereits im Folk Revival eine junge Generation von Folk-Enthusiasten kennengelernt und führe Merle Travis an die Country-Rocker heran.

„Oh, wir machten die Musik, die wir liebten, zusammen mit unseren Helden“, brachte es 2009 Jeff Hannah im Gespräch mit mir nach einem Konzert in New York auf den Punkt, während es ein paar Jahre vorher John McEuen so ausgedrückt hatte: „Mit dem ‚Circle-Album‘ war kein Kommentar über Republikaner oder Demokraten oder Hippies oder Rednecks oder den Vietnam-Krieg verbunden. Nichts davon kam ins Spiel, das Album war einfach eine Reflektion über die wirklich guten Teile des Americana.“

Kulturelle Brückenbauer

Dabei war die amerikanische Nation 1971 ähnlich gespalten wir heutzutage. Die staatlichen Behörden gingen weder mit der weißen protestierenden Jugend zimperlich um – 1970 starben in Ohio vier Studenten nach Schüssen der Nationalgarde, noch mit der Black Panther Party, gegen die seitens des FBI ein regelrechter Krieg geführt wurde, der sich auf beiden Seiten immer mehr hochschaukelte. Dies führte dazu, dass die konservativen Amerikaner sich immer mehr in ihrer Haltung bestärkt sahen und der Republikaner Richard Nixon mit haushoher Mehrheit im November 1972 wiedergewählt wurde.

Doch im Unterschied zu heute gab es kulturelle Brückenbauer. Johnny Cash lud Bob Dylan, Pete Seeger und Neil Young in seine Fernsehshow. Und die Nitty Gritty Dirt Band antwortet mit den Studioaufnahmen mit den alten Country-Helden. Kulturell gesehen erinnerte man sich an die alte New Deal-Koalition, die eine progressive Mehrheit unter Einbeziehung sowohl der Afroamerikaner, der Juden, Iren und Italiener, als auch der weißen Protestanten aus dem Süden schaffte. Erst Ronald Reagan sollte den Spaltpilz in den 1980er Jahren säen, der heute in voller Blüte steht und wahnwitzige Gegensätze in der US-Gesellschaft schuf.

Meilenstein der US-Musikgeschichte

Im November 1972 aber erschien dann Will The Circle Be Unbroken als Drei-LP-Box und Drei-MC-Box. Es war ein weiterer Meilenstein in der Folk- und Country-Geschichte und ebenso ein Objekt der amerikanischen utopischen Verheißung wie Harry Smiths „Anthology Of American Folk Music“ 20 Jahre früher oder Bob Dylans Basement Tapes von 1967.

Wer sich noch weiter mit dieser legendären Platte beschäftigen will, die 2002 zur Zeit des Old Time- und Bluegrass-Revivals in Folge von „O Brother Where Art Thou?“ remastered als Doppel-CD wiederveröffentlicht wurde, dem sei das vor kurzem von John McEuen herausgegebene Buch „Will The Circle Be Unbroken. The Making of a Landmark Album“ empfohlen.

Will The Circle Be Unbroken: Das Album

The Nitty Gritty Dirt Band - Will The Circle Be Unbroken

Titel: Will The Circle Be Unbroken
Künstler: The Nitty Gritty Dirt Band
Veröffentlichungstermin: 6. Mai 2002
Label: Capitol Records (Universal)
Format: 2-CD & digital
Tracks: 42
Genre: Country, Americana

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Trackliste: CD 1

01. Grand Ole Opry Song
02. Keep On The Sunny Side
03. Nashville Blues
04. You Are My Flower
05. The Precious Jewel
06. Dark As A Dungeon
07. Tennessee Stud
08. Black Mountain Rag
09. The Wreck On The Highway
10. The End Of The World
11. I Saw The Light
12. Sunny Side Of The Mountain
13. Nine Pound Hammer
14. Losin‘ You (Might Be The Best Thing Yet)
15. Honky Tonkin‘
16. You Don’t Know My Mind
17. My Walkin‘ Shoes

Trackliste: CD 2

01. Lonesome Fiddle Blues
02. Cannonball Rag
03. Avalanche
04. Flint Hill Special
05. Tongary Mountain
06. Earl’s Breakdown
07. Orange Blossom Special
08. Wabash Cannonball
09. Lost Highway
10. Doc Watson & Merle Travis: First Meeting (Dialogue)
11. Way Downtown
12. Down Yonder
13. Pins And Needles (In My Heart)
14. Honky Tonk Blues
15. Sailin‘ On To Hawaii
16. I’m Thinking Tonight Of My Blue Eyes
17. I Am A Pilgrim
18. Wildwood Flower
19. Soldier’s Joy
20. Will The Circle Be Unbroken
21. Both Sides Now
22. Foggy Mountain Breakdown
23. Warming Up For ‚The Opry‘
24. Sunny Side (Talk)
25. Remember Me (When The Candlelights Are Gleaming)

Will The Circle Be Unbroken: Das Buch

Titel: Will The Circle Be Unbroken. The Making of a Landmark Album
Autor & Herausgeber: John McEuen
Veröffentlichungstermin: 15. August 2022
Verlag: Backbeat Books
Format: Buch
Seiten: 256 (mit vielen Fotos!)
Sprache: Amerikanisches Englisch

Das Album kann unter folgendem Link bei Amazon erworben werden: Will The Circle Be Unbroken. The Making of a Landmark Album

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Über Thomas Waldherr (811 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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