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Johnny Cash – Gedanken zum 20. Todestag

Am 12. September 2003 starb die Musiklegende - das große Special!

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Johnny Cash Johnny Cash. Bildrechte: Bernd Wolf (Country.de)

„Wo warst Du, als Du die Nachricht erhalten hast, dass Johnny Cash gestorben ist?“ Diese Frage wurde mir im Sommer 2011 gestellt, und ich stellte sie der Fragestellerin im Gegenzug auch. Wir erzählten uns gegenseitig, wo wir die Nachricht erhielten und wie es uns damit ging. Einige Monate später schrieb ich den Song „That September Day“ über genau diesen Tag, den 12. September 2003, und meine Erinnerungen und Gefühle dazu. Und heute stelle ich Ihnen, unseren Lesern, diese Frage. War das Ereignis für Sie bedeutend genug, dass Sie sich noch daran erinnern, wo Sie waren, was Sie taten, und was diese Nachricht mit Ihnen gemacht hat?

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Zum 20. Todestag macht es wenig Sinn, diesen wohl bekanntesten Vertreter der Country Music (so wird er gesehen, als Countrysänger) mit Fakten aus seinem Lebenslauf hier zu präsentieren. Viel interessanter ist die Frage, „Wo ist Johnny Cash heute, in der Musik unserer Zeit?“ Ist seine Bedeutung gewachsen, oder wurde sie geringer? Wie viele Künstler heute berufen sich auf ihn als wichtigen oder gar wichtigsten Einfluss?

Als Johnny Cash starb, gab es vielleicht ca. zehn Bücher über ihn, darunter seine beiden Autobiografien „Man In Black“ sowie „Cash“. Heute habe ich geschätzt mindestens 100 Bücher über ihn im Regal. Als Lesetipp für Interessierte möchte ich besonders die Autobiografie von Johnny Cashs langjährigem Bassisten Marshall Grant erwähnen, „I Was There When It Happened“, erzählt es doch in aller Ausführlichkeit die Geschichte der frühen Jahre aus der Feder eines Mannes, der mit klarem Verstand und wachem Auge die Entstehung des Künstlers Johnny Cash, seiner Band The Tennessee Two (und später Tennessee Three) sowie die Entstehung des berühmten Boom-Chicka-Boom-Sounds erlebt und beobachtet hat. Des Weiteren empfehle ich das Buch „The Resurrection Of Johnny Cash“ von Graeme Thompson, welches die musikalische Karriere auf dem Weg zu Rick Rubin und American Recordings erzählt und dann die Geschichte dieser außergewöhnlichen und erfolgreichen Zusammenarbeit beschreibt. Außerdem faszinieren mich die Bücher des Autoren Michael Streissguth, dessen Werk über die Planung und Entstehung des Albums „Johnny Cash At Folsom Prison“ exzellent ist, der aber auch in einem Johnny Cash Reader verschiedene wichtige Interviews in einem Buch zusammengefasst hat. Sowohl das Buch von Graeme Thompson als auch das Buch über das Album „At Folsom Prison“ („Die Entstehung eines Meisterwerks“) sind in deutscher Sprache erschienen. Dazu gibt es zu fast jedem möglichen Thema in Sachen Johnny Cash mindestens ein Buch.

„Walk The Line“, der große Hollywood Spielfilm über ihn und seine Liebe zu June Carter, war weltweit ein überragender Erfolg. Golden Globes für die Hauptdarsteller, Reese Witherspoon erhielt sogar eines Oscar für die beste weibliche Hauptrolle. Fraglos hat dieser Film auch bei Menschen, die sich vorher nicht für Johnny Cash interessiert hatten, Interesse an diesem Künstler geweckt und ein Bild von ihm gezeichnet, aber nicht nur von ihm, sondern auch von den Menschen um ihn herum, darunter auch seine erste Ehefrau Vivian und sein Vater Ray Cash. Nein, Vieles hat der Familie, vor allem seinen vier Töchtern und den noch lebenden Geschwistern Cashs, nicht gefallen. Es gab Aussagen dazu, vor allem zur Darstellung der Mutter, von den Töchtern. Ein deutliches Zeichen für den Erfolg des Films. Übrigens gibt es weitere, hochinteressante Filme – Dokumentationen zumeist – die leider in Deutschland lizenzrechtlich nicht freigegeben sind. Besonders zu erwähnen ist hier „My Darling Vivian“, für den der Filmemacher Matt Riddlehoover und Dustin Tittle, ein Enkel von Johnny Cash, verantwortlich zeichnen und der das falsche Bild von Johnny Cashs erster Frau Vivian Liberto (Geburtsname, zuletzt Vivian Distin) korrigiert. Auch von ihr gibt es unter dem Namen Vivian Cash eine Autobiografie mit dem Titel „I Walked The Line“.

Johnny Cash - Live

Johnny Cash. Bildrechte: Bernd Wolf (Country.de)


Zwei offizielle Alben erschienen posthum, „American 5: A Hundred Highways“ und „American 6: Aint No Grave“. Beide wurde ebenfalls weltweit große Erfolge. Weniger beachtet, jedoch alles Andere als unwichtig, wurde das Album „My Mother’s Hymn Book“, vorher Teil der 5-CD-Box „Unearthed“, die drei Monate nach Cashs Tod erschienen und von ihm selbst noch authorisiert und mitgestaltet worden war, als einzelnes Album ausgekoppelt. Mit „American 6“ erschien somit im Februar 2010 das letzte offizielle Album. Natürlich sind ungezählte Raritäten veröffentlicht worden (vor allem „The Bootleg Series“ auf vier Doppel-CDs bzw. vier Dreifach-LPs), wichtige und unwichtige Zusammenstellungen der Musik des Man In Black fanden ihren Weg in Plattenläden und natürlich, Zeichen unserer Zeit, in die Datenbanken der Streaming Services. In meinem Song „That September Day“ sage ich in der letzten Strophe (übersetzt), „Man sagt, John R. ist gestorben, aber Cash wird niemals weggehen“, und so ist es wohl auch gekommen. Rosanne Cash hat mehrere Alben aufgenommen und herausgebracht, die sich ganz oder teilweise mit ihrem Vater auseinandersetzen, darunter „Black Cadillac“, „The List“ und „The River And The Thread“. Über letztgenanntes Album habe ich mich in Bremen 2014 mit ihr unterhalten und darüber für Country.de berichtet.

Nein, ich will mich nicht als Prophet oder Wahrsager darstellen. Fans, und ein solcher bin ich von Johnny Cash seit nunmehr 50 Jahren, sehen ihren Helden oft mit verklärtem Blick. Mir sagte einmal der Herausgeber eines längst vergessenen Country Music Magazins aus Deutschland, „Bernd, aber Du besitzt auch die Fähigkeit, Johnny Cash nicht zu verherrlichen, sondern auch durchaus kritisch zu betrachten.“ Solch eine Einschätzung ehrt mich, aber natürlich ist er für mich der größte Musiker überhaupt. Diese Einschätzung ist rein subjektiv, selbstverständlich. Sie stützt sich nicht auf Fakten und Argumente. Wozu auch?

Heute gibt es eine Flut von Tribute Bands und Tribute Künstlern. Manche (viele?) beginnen ihre Shows mit dem Satz „Hello, I’m Johnny Cash“. Damit kann ich nichts anfangen. Ich selbst habe mich lange beharrlich dagegen gewehrt, auf diesen Tribute-Waggon aufzuspringen. Zu wichtig war und ist mir Johnny Cash, zu groß die Gefahr, das authentische Bild von ihm könnte falsch dargestellt werden. Trotzdem gibt es „PureCASH“, das Tribute-Programm meiner Band Texas Heat. Aber niemand ist Johnny Cash, und niemand ist June Carter. Die Essenz dieses Programms sind Songs, die ich über ihn, über June, über seine Musiker geschrieben habe, und immer mehr Songs, die thematisch nichts mit ihm zu tun haben, aber irgendwo nach ihm klingen, in seinem Stil gespielt werden. Aber gibt es noch mehr Künstler, vielleicht auch Solche von größerer Wichtigkeit und größerer Sichtbarkeit als Texas Heat, die im Fahrwasser von Johnny Cash neue Musik schaffen?

Ich denke, wenn man Songs von Johnny Cash spielt, erinnert man an ihn, er ist noch da, irgendwie. Aber gibt es auch Künstler, denen man stilistisch den Einfluss anhört, und die sich offen dazu bekennen? Ich meine damit nicht explizit Country Künstler, sondern Sänger/Songwriter/Musiker im Allgemeinen? Klar, Marty Stuart, keine Frage! Letztes Jahr in Gstaad sagte er zu mir, „Kannst Du glauben, dass John schon 19 Jahre nicht mehr da ist? Ich finde das unglaublich!“ Ich habe ihm beigepflichtet. Ich hatte Marty 1981 als Mitglied der Band von Johnny Cash kennen gelernt. Später, im Konzert in Gstaad, spielte er „Dark Bird“, seinen Tribute Song an Johnny Cash. Und sonst? 2016 erschien zum Beispiel das Buch „Forever Words – The Unknown Poems“, ein Band mit Gedichten von Johnny Cash. Keine Songs, sondern unvertonte Gedichte. John Carter Cash, Sohn von June Carter Cash und Johnny Cash, lud Künstler ein, sich Gedichte herauszusuchen und diese mit Musik zu versehen. Die Liste reichte von Mitgliedern der Cash- und Carter Familien (u.a. Rosanne Cash und Carlene Carter) über Weggefährten/Freunde (u.a. Kris Kristofferson und Willie Nelson) zu bekannten und weniger bekannten Musikern unterschiedlicher Genres. Ein Album mit 16 Songs erschien 2018. Zwischen Oktober 2020 und März 2021 erschienen digital 18 weitere Tracks. Unter den weiteren Künstlern sind Marty Stuart und Shawn Camp zu finden. Hören Sie sich das Album in der Deluxe-Version gerne an, und suchen Sie nach Johnny Cash.

June Carter & Johnny Cash

June Carter & Johnny Cash. Bildrechte: Bernd Wolf (Country.de)


Seit dessen Tod sieht man sehr viele Nicht-Country Künstler in Johnny Cash T-Shirts, und immer mehr Künstler berufen sich auf ihn. Besuchen Sie ein Konzert von Wolfgang Niedecken, mit oder ohne BAP, und Sie hören vor dem Konzert reichlich Johnny Cash aus den Lautsprechern, und zwar fast ausschließlich Songs aus Cashs Zeit bei American Recordings. Niedecken, erklärter Dylan Fan, schrieb, dass seine Frau die American Recordings liebt und reichlich anhört. Sheryl Crow, sowieso mit Johnny Cash befreundet, nahm ihren Song „Redemption Day“ 2019 im Duett mit Johnny Cash auf. Zufällig hatte auch Johnny Cash diesen Song in der gleichen Tonart aufgenommen. Bereits 2014 hatte sie Johnny Cash bei Konzerten auf Leinwand als Duettpartner mit dem gleichen Song präsentiert. Die Liste lässt sich fortsetzen. Stöbern Sie einfach mal. Auch bei George Strait werden Sie fündig.

Die Grand Ole Opry ehrt Johnny Cash an diesem 12. September mit einer „Special Night“. Im Line-Up finden Sie u.a. „Thomas Gabriel & The Tennessee Four“. Thomas Gabriel, das ist der älteste Sohn von Kathy Cash, der zweitältesten Tochter Cashs, begleitet von einer Band, in der mit Dave Roe am Bass und Kerry Marx an der Gitarre zwei ehemalige Cash-Musiker stehen. Und so finden wohl weltweit Events statt, bei denen Johnny Cash gedacht und Johnny Cash gefeiert wird. Zwei hochinteressante Bücher erscheinen ebenso zum 20. Todestag, die ich für Country.de rezensiere. Das Eine stellt Johnny Cash von einer ganz anderen Seite vor, das Andere erzählt die Geschichte des Songwriters Johnny Cash. Beide sind hochinteressant, wobei ich als jemand, der selbst Songs schreibt, natürlich meinen Favoriten bereits gefunden habe, was aber durchaus nicht heißen soll, dass nur Eines der Beiden von Interesse wäre, im Gegenteil.

Wenn Sie nach Nashville kommen, besuchen Sie unbedingt das Johnny Cash Museum! Es durfte dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiern und präsentiert immer wieder neue, spannende Artefakte aus Leben und Karriere des Man in Black. In Hendersonville, dem Wohnort Cashs, können Sie sein Grab, das von June Carter sowie eine Vielzahl von Gräbern seiner Familie, der Carter Family sowie seiner beiden Gitarristen Luther Perkins und Bob Wootton besuchen. Vor dem früheren House Of Cash, seinem Bürogebäude aus längst vergangenen Tagen, wurde im letzten Jahr ein historischer Marker aufgestellt, der an Johnny Cash erinnert. Unweit davon befinden sich die Überreste seines bis auf die Grundmauern herabgebrannten Hauses am Old Hickory Lake. Dieses Grundstück wie auch das frühere House Of Cash sind nicht zugänglich. Vor den Toren Nashvilles liegt in Bon Aqua die Farm Cashs, sein Rückzugsort nach anstrengenden Tourneen. Dort kann man Führungen buchen. In Memphis finden sich seine Spuren nach wie vor, und schlussendlich ist das Haus der Cash Familie in Dyess, Arkansas, in dem Johnny Cash aufgewachsen ist, als Museum zu besichtigen. Über Dyess und Johnny Cash hat mein unlängst verstorbener Freund Dietmar Kuegler in der Reihe „Country Ideals“ im Jahr 2021 den Sonderband „Walk The Line: Dyess Colony – Die Heimat von Johnny Cash“ herausgebracht.

Sie sehen, auch 20 Jahre nach dem Tod des Man in Black ist er noch sehr präsent in unserer Welt. Suchen Sie ihn, wenn sie mögen – in Ihrer Plattensammlung, in Ihrem Bücherregal, auf DVDs und Videos, in Plattenläden (ja, es gibt sie noch!), in Buchhandlungen, online, wo auch immer! Er ist noch da. Mir persönlich gefällt das Original am besten. Und ich bin irgendwie immer noch stolz auf die Zeile „they say John R. passed on, but Cash will never go away“, denn: so ist es! Und das ist gut so!

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Über Bernd Wolf (146 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Johnny Cash, Singer & Songwriter. Rezensionen und Biografien.