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I Walk The Line – ein Signature Song wird 60

Am 9. Juni 1956, vor 60 Jahren, stieg "I Walk The Line" in die Charts ein. Am 21. Juli war es soweit - die erste Nummer 1 in der noch jungen Karriere von Johnny Cash.

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Johnny Cash Johnny Cash - Bildrechte: Sony Music

„Walk The Line“ ist ein toller Song!“ – „Datt war für misch immer datt Jrösste, wenn de Johnny Cash ‚Walk The Line‘ jesungen hat!“ Solche und ähnliche Sätze höre ich des Öfteren (ja, ich bin Exilrheinländer und mache mich nicht über meine Landsleute lustig!). Da ist die Rede von einem der größten, bekanntesten, erfolgreichsten Songs der Country Music, dem Signature Song ihres bekanntesten Vertreters, und dann wird der Titel falsch genannt. Schuld daran ist natürlich der Film „Walk The Line“, der die Unkundigen und solche, die sich einen Buchstaben sparen wollen, auf die falsche Fährte lockt oder ins Bockshorn jagt.

Es ist zeitlich nicht ganz klar, wann genau Johnny Cash diesen Song schrieb, aber vermutlich geschah das, nach allem, was man nachlesen kann, Ende 1955 Anfang 1956. Die Geschichten, wie es dazu kam, sind unterschiedlich, vielleicht sogar widersprüchlich, aber es gibt offenbar eine Trennung von Text und Musik. Die Enstehung des Textes beschreibt Johnny Cash in seinen beiden Autobiografien ähnlich, aber nicht identisch. Der Ort war offenbar Gladewater in Texas, aber es war entweder 1955 (laut „Man In Black“) oder 1956 (laut „Cash – The Autobiography“). Möglich ist Beides, das Datum des Konzertes ist nicht gesichert. Johnny Cash berichtet, er habe Backstage mit Carl Perkins gesprochen (sie waren gemeinsam auf Tour, oft war auch Elvis dabei, als er noch bei SUN unter Vertrag war) und habe ihm von seiner Songidee erzählt, ein Song, mit dem er ein Statement abgeben wollte. Einmal sagt er, er habe den Song „I’m Still Being True“ oder „I’m Walking The Line“ nennen wollen, ein anderes Mal spricht er von „Because You’re Mine“ als Titel des Songs, aber in beiden Fällen sagt er, Carl Perkins habe ihm zum Songtitel I Walk The Line geraten, nachdem er ihm die ersten beiden Strophen vorgespielt habe. Die restlichen Strophen habe er geschrieben, während Carl Perkins auf der Bühne war. In „Cash“ spricht Johnny Cash deutlich aus, dass er den Song auch als Statement dafür brauchte, sich nicht der Verlockung des Fremdgehens auf Tour hinzugeben. Er war jung, erfolgreich und noch neu im Musikgeschäft, da mag man diese Verlockung gut nachempfinden.

Die Musik hingegen sei aus einem Erlebnis in Landsberg am Lech bei der Air Force entstanden. Er sei von einer Schicht über Nacht zurückgekommen auf seine Stube, und jemand hatte mit seinem Tonbandgerät herumgespielt. Er habe zum Testen, ob das Gerät noch in Ordnung sei, ein Tonband mit Probeaufnahmen seiner Band „The Landsberg Barbarians“ eingelegt, und es habe seltsam geklungen, mit ungewöhnlichen Sounds und Akkordwechseln, und am Ende habe etwas wie das Wort „Father“ geklungen. Schlußendlich stellte sich heraus, dass das Band falsch herum aufgespult worden war, warum auch immer. Aus diesen Sounds und Akkordwechseln heraus habe er die Idee zur Musik von „I Walk The Line“ gehabt.

Marshall Grant hingegen, der Bassist der Tennessee Two, beschreibt die Entstehung von „I Walk The Line“ anders. Sie seien von einem Konzert in Odessa, Texas (04.02.1956) in Longview, Texas zum nächsten Konzert eingetroffen (vermutlich somit 05.02.1956), seien aber nicht ins Hotel gefahren, sondern direkt zum Veranstaltungsort. Dort habe er, Marshall Grant, Läufe auf dem Kontrabass geübt, von E nach A, von A nach D, von D zurück nach E, dann von E nach H und zurück auf E. „Was machst Du da“, habe Johnny Cash ihn gefragt. „Ich übe und versuche, dieses Ding endlich richtig zu spielen“, sei seine Antwort gewesen. „Nein, ich meine diese Läufe! Was ist das? Spiel das nochmal!“ Also habe er diese Läufe nochmal gespielt, und dann habe, am Ende der Läufe, Johnny Cash angefangen, „I Walk The Line“ zu singen, eine Strophe. Am nächsten Tag im Auto, mit Marshall Grant am Steuer, habe Luther Perkins nach Erläuterung durch Marshall Grant diese Läufe gespielt, während der Fahrt, und innerhalb einer Stunde sei so „I Walk The Line“ entstanden. Das wäre dann vermutlich am 06.02.1956 gewesen.

Was ist nun wahr? Was ist Fakt, und was ist Fiktion? Nun, das lässt sich heute wohl nicht mehr herausfinden. Die Geschichte mit dem Tonband in Landsberg hat Johnny Cash oft erzählt. Marshall Grant hat mit Johnny Cash sogar einen Prozess ausgefochten, in dem es darum ging, die mögliche Mitwirkung von Grant und Luther Perkins an vielen frühen Songs von Johnny Cash zu belegen. Man einigte sich schließlich in einem Vergleich. Somit hätte Marshall Grant also auch einen Grund gehabt, wenn auch Jahrzehnte später (Grants Autobiografie „I Was There When It Happened“ erschien erst 2006, somit 26 Jahre nach seinem Ausstieg bei den Tennessee Three), die Geschichte der Entstehung von „I Walk The Line“ anders zu erzählen als sein früherer Boss. Wir werden das nicht mehr auflösen, und wenn die wahre Geschichte überhaupt noch existierte, in der Erinnerung der Beteiligten, und nicht im Laufe der Jahrzehnte verblasst war und anders erzählt wurde, so haben sie die Protagonisten mit ins Grab genommen. Schlußendlich war Marshall Grant der Letzte der Genannten, der noch gelebt hatte, bevor er seinen Freunden am 07.08.2011 in den Hillbilly Heaven folgte.

Fakt ist aber: Aufgenommen wurde „I Walk The Line“ am 2. April 1956 im SUN Studio in Memphis, an der Union Avenue, Hausnummer 706, mit Johnny Cash an der Rhythmusgitarre, Marshall Grant am Upright Bass und Luther Perkins an der E-Gitarre, genau genommen einer Fender Esquire, also einer Telecaster mit nur einem Tonabnehmer in der Stegposition (für die Fachleute). Bekannt dürfte mittlerweile die Geschichte sein, dass Johnny Cash einen Notizzettel zwischen die Saiten flocht, die Saiten beim Spielen abdämpfte und dadurch einen Sound ähnlich dem einer Snaredrum erzeugte. Veröffentlich wurde Take 2 mit der Masternummer U191/7-39 im Mai 1956 als 10-inch Single mit 78 U/min sowie als 7-inch Single mit 45 U/min mit der Bestellnummer SUN 241.

Als B-Seite wurde der Song „Get Rhythm“ veröffentlicht, aufgenommen am gleichen Tag, Take 6, Masternummer U-190/7-20, eigentlich von Johnny Cash für Elvis Presley geschrieben. Nachdem Elvis aber das SUN Label von Sam Philips in Richtung RCA verlassen hatte (für US $ 35.000), entschied der Labelbesitzer, dass dieser Song labelintern Verwendung finden sollte. Am 9. Juni 1956, vor 60 Jahren also, stieg „I Walk The Line“ in die damals noch dreigeteilten Charts (Juke Box /Jockey/Best Seller) ein. Am 21. Juli war es soweit: „I Walk The Line“ wurde die erste Nummer 1 in der noch jungen Karriere von Johnny Cash. Dafür musste sein Kumpel und früherer Labelkollege Elvis mit „I Want You, I Need You, I Love You“ weichen.

Ganze sechs Wochen blieb der Song in den Juke Box Charts auf Platz 1, nur eine Woche dagegen behielt er im Radio den Platz an der Sonne. In den Best Seller Charts hingegen reichte es nur zur Nummer 2. Dies mag auch den weniger mächtigen Vertriebsmöglichkeiten des SUN Labels geschuldet sein, denn selbst Elvis erreichte keine besseren Zahlen in seiner Zeit bei SUN. Ganze 43 Wochen verblieb der Song in den Country Charts. Vom Thron gestossen wurde er von von eben jenem Elvis, nun bei RCA, mit „Don’t Be Cruel“. Und, mindestens ebenso wichtig: „I Walk The Line“ wurde der erste Pop Hit für Johnny Cash. Platz 17 war ein großartiger Erfolg für einen jungen Countrysänger mit seiner erst dritten Single für ein kleines Label.

In den folgenden Jahren wurde, wie bereits zu Beginn dieses Artikels erwähnt, aus „I Walk The Line“ der Signature Song des künftigen Man in Black. Ich habe kein Konzert erlebt, in dem er ihn nicht gespielt hätte. Wenn Sie mögen und über die Originalaufnahme verfügen, drehen Sie doch die Uhr 60 Jahre zurück, am besten mit einer Vinylplatte, möglicherweise sogar der originalen Single, und lassen Sie sich von Johnny Cash und den Tennessee Two zurückversetzen in eine Zeit, in der Rock & Roll neu und Johnny Cash noch neuer war, in der drei unbedarfte junge Männer mit einem völlig neuen Sound Geschichte schrieben und sich dessen nicht bewusst waren. Viel Spaß dabei! „Mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm … I keep a close watch on this heart of mine …“

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