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Bob Dylan: Shadow Kingdom

Der Soundtrack zum faszinierenden Musikfilm des Meisters aus dem Jahr 2021 ist das Bindeglied zwischen dem Album „Rough And Rowdy Ways“ und Dylans aktuellen Konzerten.

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Bob Dylan - Shadow Kingdom Bob Dylan - Shadow Kingdom. Bildrechte: Legacy

Die ewige Konzerttour von Bob Dylan wurde 2020 jäh gestoppt durch die Pandemie. Was folgte war zwar eine Konzertpause, dafür veröffentlichte Dylan aber erst drei sensationelle Single-Auskopplungen und dann das faszinierende Album „Rough And Rowdy Ways“ im Juni 2020. Während andere Künstler Live-Konzerte streamten, war das Dylans Sache nicht. Umso größer die Überraschung, dass dann doch im Juli 2021 ein Streaming-Konzert angekündigt wurde. Was dann aber auf der Plattform „Veeps“ zu sehen war, war aber weder ein Live-Konzert, noch ein Konzertmitschnitt.

Halb Konzertfilm, halb Film Noir

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Der Film Shadow Kingdom, dessen Tonspur dieser Tage als Album erscheint, ist ein typischer Dylan: Voller Rätsel, voller Schatten, voller Nebelkerzen. Halb Konzertfilm, halb Film Noir. Dylan und die israelische Regisseurin Alma Har’el – sie hat viel mit Dylans Sohn Jesse, ebenfalls Regisseur zusammengearbeitet – war es ein Anliegen, die expressionistische Ästhetik des Film Noir mit der eines Konzertfilms zu vereinen, und damit einen Kontrapunkt zu all den glatten, bunten, hochglanz-special-effect Digitalprodukten des heutigen Showbusiness zu setzen.

Denn dieses Konzert spielt in einem Club, denn es gar nicht gibt, der ebenso zeitlos wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Es könnte ein Club, ein Juke Joint in den 1940ern sein. Ist es aber nicht. Dazu ist das gecastete Publikum zu divers. Afroamerikaner, Weiße, Native Americans geben als Zuschauer Feedback durch Wippen, Wiegen und Tanzen. Und es tanzen „interracial couples“ wohlgemerkt. Auch so ein subtiler Kommentar Dylans zur Lage im Land.

Dylans stimmliche Glanzleistungen

Die Band, die dort auftritt, ist nicht, so die jüngere Dylanforschung, auch jene, welche die Musik eingespielt hat. Die jungen Musiker, die hier anstatt Dylans Tourband zu sehen, sind heißen Alex Burke, Janie Cowan, Joshua Crumbly, Shahzad Ismaily und Buck Meek. Die Band überagiert beim Spielen, die Musiker „posen“. Was man aber zu hören bekommt im Film und auf der Platte, ist eine Glanzleistung. Kein Wunder, denn das wirkliche musikalische Personal, die die Songs eingespielt hat, besteht aus so illustren Persönlichkeiten wie die Produzentenlegenden T Bone Burnett (O Brother Where Art Thou) und Don Was (Willie Nelson, Randy Newman, Lyle Lovett) und Musikern wie Ira Ingber (Captain Beefheart) oder Greg Leisz (Emmylou Harris, Shawn Colvin, Lucinda Williams).

Die musikalischen Arrangements der Songs, die ursprünglich zwischen 1965 und 1989 geschrieben wurden – der Untertitel des Films hieß ja „The Early Songs Of Bob Dylan“, was ja auch wieder nicht stimmt – sind schlichtweg großartig. Auch Dylans stimmliche Leistung ist stark und präzise. Meilenweit von seinen teils „berüchtigten“ Gesangsdarbietungen der 1990er und 2000er Jahre entfernt.

So versteht man auch jede Silbe, jeden Vers. Und das ist auch wichtig, denn einige der Songs hat er neue Lyrics verpasst. Insbesondere bei „Masterpiece“ und „To Be Alone With You“. Ganz wichtig: Sämtliche 13 „frühen“ Songs (komplettiert wird die Aufnahme durch ein Intrumentalstück) haben ein neues Arrangement verpasst bekommen. Meist langsam, ohnehin nur sparsam akustisch instrumentiert: Gitarren, Bass, Akkordeon, Tasteninstrumente, Dylans Mundharmonika.

Reduzierte, aber effektvolle Arrangements

Die Arrangements sind akustisch, sparsam, oftmals zurückgenommen, es gibt kein Schlagzeug. Der Untertitel „The Early Songs Of Bob Dylan“ sorgt genau für richtige die Spannung. Wie singt denn der alte Dylan diese Songs heute? Nun, er singt sie engagiert und altersweise zugleich. Denn da sind einige Songs dabei, die man durchaus als Bilanz verstehen kann. „What Was It You Wanted“ oder „It’s All Over Now Baby Blue“ zum Beispiel.

Andererseits sind die frühen Songs für den alten Dylan auch so eine Art Konfrontationstherapie. So singt Dylan den „Tombstone Blues“ von 1965 in einer Weise, als würde er sich wundern, was er da als junger Mann geschrieben hat. Damals ging es für ihn immer nur nach vorne, „Don’t Look Back“ war sein Motto. Gerne würde er heute noch so halten, doch er weiß, dass seine Zeit endlich ist. Heute ist er gezwungen zurückzuschauen. Aber wenn sich Vowärts- und Rückwärtsgang blockieren, das geht es nicht voran. Und so kommen die Songs nur schleppend voran und Dylan tastet sich regelrecht in jeden hinein, weil er einfach nicht stillstehen will. Eine große Performance.

Dylan tastet sich in die alten Songs hinein

Deren Höhepunkte die alten Schlachtrösser „Forever Young“ und „I’ll Be Your Baby Tonight“ sind. Das erstere singt er so sorgfältig und hingebungsvoll wie nie zuvor. Das klingt schon so ein bisschen wie ein Abschiedsstatement. Zumindest müsste er dieser Version keine neue hinzufügen, so perfekt passt sie in diese Welt und in seinen Herbst des Lebens. „I’ll Be Your Baby Tonight“ dagegen kann aus dem Mund eines über 80-jährigen nur selbstironisch und schwermütig klingen. Im Film singt er zwischen zwei Frauen stehend, einer Afroamerikanerin und einer Weißen. Während die Afroamerikanerin einen stoischen Blick hat, und sie Dylan einmal fürsorglich den Staub von der Schulter klopft, spielt, kokettiert und umgarnt die weiße Frau die Kamera mit Blicken. Ironischer Kommentar Dylans zum eigenen Liebesleben? Eine gesellschaftliche Botschaft? Dylan-typische Ambivalenz, die uns trefflich unterhält: Dylan lässt es nicht zu, dass es allzu sentimental oder nostalgisch wird. Hier spielt er mit seiner Vitalität. Dylan, der große Humorist.

Nimmt man das Album „Rough And Rowdy Ways“, mit seinen Erzählungen über die Vergänglichkeit – von der individuellen bis zum Ende des amerikanischen Jahrhunderts – die Autonomie und Unabhängigkeit des Individuums und dem schmalen Grat zwischen romantischer Liebe und toxischer Beziehung – und die aktuelle Rough And Rowdy Ways-Tour, die in diesen Tagen über die iberische Halbinsel zieht, dann ist „Shadow Kingdom“ das Bindeglied.

Shadow Kingdom – Musikalisches Bindeglied zwischen Album und Tour

Denn hier hat er seine alten Songs passend zu diesen Themen gemacht, denn für diese Themen ist Dylans „Rough And Rowdy Ways“-Tourprogramm zusammengestellt. Die Songs vom RARW-Album bilden das Gerüst, dazu fügen sich die alten Songs ein, indem sie von Dylan mittels Textrevision passend gemacht werden. So wird aus dem ausgelassenen Begehren der Originalfassung von „To Be Alone With You“ in der Neuausrichtung ein militanter, bedrohlicher Besitzanspruch. Und die Stimmungen bei „I’ll Be Your Baby Tonight“ wechseln mehrmals in der Live-Darbietung von Lebensbejahung zu Todessehnsucht und wieder zurück.

Die ausgeklügelten Arrangements von „Shadow Kingdom“ nehmen das vorweg, was man seit Herbst 2021 bei Dylans-Live-Darbietungen hören kann. Das Klangbild ist wichtig, ist durcharrangiert und doch kann der Song morgen wieder ganz anders als heute klingen. Dylans aktuelle Musik ist Kammermusik, ähnlich wie bei „Shadow Kingdom“, jedoch für die 2.500er Hallen, die er aktuell bespielt, wird es breiter und voluminöser orchestriert.

Fazit: Ein großartiges Album eines Künstlers, der nie stillstehen will. Und sich dabei treu bleibt, in dem er sich immer wieder neu erfindet. Shadow Kingdom: Der Konzertfilm und seine Musik kommen Dylans Kunst so nah wie selten. Großes Kino!

Bob Dylan – Shadow Kingdom: Das Album

Bob Dylan - Shadow Kingdom

Titel: Shadow Kingdom
Künstler: Bob Dylan
Veröffentlichungstermin: 2. Juni 2023
Label: Columbia Records, Legacy Recordings
Vertrieb: Sony Music
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 14
Genre: Singer & Songwriter, Americana

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Bob

Trackliste: (Shadow Kingdom)

01. When I Paint My Masterpiece
02. Most Likely You Go Your Way And I’ll Go Mine
03. Queen Jane Approximately
04. I’ll Be Your Baby Tonight
05. Just Like Tom Thumb’s Blues
06. Tombstone Blues
07. To Be Alone With You
08. What Was It You Wanted
09. Forever Young
10. Pledging My Time
11. The Wicked Messenger
12. Watching The River Flow
13. It’s All Over Now, Baby Blue
14. Sierra’s Theme

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Über Thomas Waldherr (814 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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