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The Caretaker oder The Ballad of Johnny Cash – Teil 4: The Caretaker

Aus Anlass des 90. Geburtstages von Johnny Cash am 26. Februar begibt sich unser Autor Oliver Kanehl tief ins Cashland und geht in seiner vierteiligen Reihe zum Man in Black der Frage nach, was den Mythos Johnny Cash im Innersten zusammenhält.

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Johnny Cash Johnny Cash. Bildrechte: Andreas Weihs

Johnny Cashs letzte Columbia bzw. CBS-Single „The Chicken In Black“ von 1984. Eine Platte, über die Cash in seiner zweiten und letzten Autobiografie sagt, dass er seiner Plattenfirma einen Streich spielen wollte. Die Platte sei mit Absicht miserabel und wenn man ein Video mache, in dem man in einem Hühnerkostüm rumrenne, müsse man sich nicht wundern, wenn sich die Firma danach von einem trennen wolle.

Johnny Cash – The Chicken In Black: Video

In Wirklichkeit ist es wohl etwas anders gewesen: Der satirische Song, in dem Cash, wegen andauernder Kopfschmerzen, das Gehirn eines Bankräubers eingesetzt bekommt und seines dafür in ein Huhn transplantiert wird, das dann als „Chicken In Black“ mit Cashs alten Hits Furore macht, wurde von Gary Gentry erdacht und ist eine überdrehte Parodie auf das Musikbusiness und den Man in Black im Speziellen. Anfangs waren Label und Künstler äußerst angetan und glaubten einen Hit in ihren Händen. Schließlich hatte Cash schon einmal mit einer ungewöhnlichen Nummer Erfolg gehabt. Doch „The Chicken In Black“ wurde kein „Boy Named Sue“. Das Huhn war dann zwar in den Charts erfolgreicher als alles, was er jahrelang herausgebracht hatte, doch bekam Cash Gegenwind aus anderer Richtung: Familie und Freunde waren entsetzt. Waylon Jennings sagte ihm unverblümt, er würde im Video wie ein Idiot ausschauen. Peinlich berührt distanzierte sich Cash von dem Stück und spielte es nicht mehr live und erdachte die Mär vom verzweifelten Aufstand gegen die Labelbosse.

Johnny Cash war mit Sicherheit kein Heiliger, aber wie sagte Peter Falk alias Inspektor Columbo so schön zu Cash, der ihm in seiner Rolle als Countrysänger Tommy Brown in der Folge Schwanengesang gerade einen Mord gestanden hatte: „Hören Sie, ein Mann, der so singt wie Sie, kann nicht ganz und gar schlecht sein.“

Johnny Cash verstand es im Laufe seiner fast 50 Jahre andauernden Karriere, sich immer wieder für richtige und wichtige Sachen einzusetzen und zu engagieren. Dabei ließ er sich nicht vor jeden Karren spannen, wie die schöne Netflix-Doku Tricky Dick and the Man in Black anhand eines Konzertes bei Präsident Nixon im Weißen Haus anschaulich zeigt. Cash hielt Kontakt zu Präsidenten und setzte sich nicht nur musikalisch für Häftlinge und Native Americans ein. Vieles war geprägt von seinem christlichen Glauben und seinem Freiheitsdenken, etwa auch, als er in den 1960ern dem in der Folkszene stark angegriffenen Bob Dylan zur Seite sprang.

Als Man in Black trat Cash, gemäß dieses Liedtextes, auch direkt für sozialen und politischen Wandel ein. In Bezug auf den Vietnamkrieg, den er beendet sehen wollte, ging es ihm auch um die Soldaten als Menschen und daher spielte er für sie wie er zuvor schon für die Häftlinge in den US-Gefängnissen gespielt hatte. Für sein weißes und wohl erst einmal konservatives Publikum gab er auf seinen herausragenden monothematischen Alben immer wieder neue Impulse, die Konzepte von Klasse, Rasse und der eigenen Geschichte zu überdenken und er thematisierte den damaligen Generationenkonflikt z.B. im Protestsong „What Is Truth?“

Johnny Cash: 90. Geburtstag

Heute am 26. Februar 2022 wäre Johnny Cash 90 Jahre alt geworden. Als Cash im September 2003 im Alter von 71 Jahren starb, war er schon rein äußerlich stärker von Krankheit und körperlichem Verfall gezeichnet als mancher, der heute jenseits der 90 ist. Die Jahre des Raubbaus an seiner Gesundheit, die Drogenabhängigkeit hatten ihm schwer zugesetzt. So ist es kaum vorstellbar, dass er heute noch da wäre. Das wäre er wohl nur, hätte er ein anderes Leben gelebt. Dann wäre allerdings mit Sicherheit sein künstlerisches Erbe ein anderes gewesen.

Johnny Cash - August 2003

Johnny Cash – August 2003. Bildrechte: Andreas Weihs

Während seiner Sessions mit Rick Rubin hat Johnny Cash auch The Caretaker von seinem 1959er Album „Songs Of The Soil“ neu eingespielt. Ein Song über einen alten Friedhofsgärtner, der auf dem Gottesacker lebt und sich fragt, wer wohl um ihn trauern wird, wenn es einst Zeit ist. Als Johnny Cash gefragt wurde, wie es sei, dieses Stück, das er in so jungen Jahren geschrieben habe, nun im Alter zu singen, sagte er nur „It does seem almost too much“.

Und wir sehen den ergrauten Man in Black im langen, dunklen Mantel vor unserem inneren Auge ruhig durch die Gräberreihen schreiten, leise, doch mit fester Stimme singend: „Who’s gonna cry. When Old John dies? Who’s gonna cry. When Old John dies?“

Johnny Cash – The Caretaker: Single

Alle Teile des Specials im Überblick:

The Caretaker oder The Ballad of Johnny Cash – Teil 1: CASH
The Caretaker oder The Ballad of Johnny Cash – Teil 2: Home
The Caretaker oder The Ballad of Johnny Cash – Teil 3: Boom Chicka Boom
The Caretaker oder The Ballad of Johnny Cash – Teil 4: The Caretaker

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Über Oliver Kanehl (27 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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